Mit Megaprothesen wieder auf die Beine kommen

Orthopädie: Alzenauer Chefarzt Borhan Hoda ersetzt Oberschenkel samt Knie- und Hüftgelenk

4 Min.

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Chefarzt Borhan Hoda mit einer Durchsteckprothese: Künstliches Knie- und Hüftgelenk sind mit einer Metallstange verbunden.
Foto: Manfred Petz
Hier ist das luxierte rechte Hüftgelenk von Sieglinde Röll zu sehen, bevor dann die Durchsteckprothese eingesetzt wurde. Die Drähte sollten offenbar den gebrochenen Oberschenkelknochen zusammenhalten.
Hier ist das luxierte rechte Hüftgelenk von Sieglinde Röll zu sehen, bevor dann die Durchsteckprothese eingesetzt wurde. Die Drähte sollten offenbar den gebrochenen Oberschenkelknochen zusammenhalten.
Foto: Klinikum Aschaffenburg-Alzenau
Wenn bei de­fek­ten Ge­len­ken und ka­put­ten Kno­chen schein­bar gar nichts mehr geht und dau­ern­de Im­mo­bi­li­tät, Roll­stuhl oder gar die Am­pu­ta­ti­on dro­hen, schlägt die Stun­de er­fah­re­ner Chir­ur­gen wie Bor­han Ho­da, Or­tho­pä­d­ie-Che­f­arzt des Kli­ni­kums Aschaf­fen­burg-Al­zenau am Stand­ort Was­ser­los.

Er setzt mit seinem Team aus Oberärzten, Anästhesisten und speziell geschulten OP-Schwestern Megaprothesen ein, die nicht nur Gelenke, sondern ganze Oberschenkel-Knochen ersetzen (siehe Kasten).

Lange Leidensgeschichte

Zu den »extremsten Operationen, die es überhaupt gibt« zählt laut Hoda die Implantation sogenannter Durchsteckprothesen: Knie- und Hüftgelenk werden ersetzt und mit einer Stange miteinander verbunden. Damit hat er nach eigenen Angaben bislang zehn Patienten versorgt und ihnen dazu verholfen, wieder laufen zu können.

Zu ihnen gehört die 81-jährige Sieglinde Röll aus Alzenau-Hörstein. 20 Jahre hielt das künstliche Hüftgelenk an ihrem rechten Bein, dann musste es 2010 erneuert werden. Diese OP geht schief, ein langer Leidensweg beginnt. Die Hüfte infiziert sich, wird wieder ausgebaut und erneut ersetzt. Das Bein gerät einige Zentimeter kürzer als das andere, weil Muskeln durchgeschnitten werden. In der Klinik bekommt man den Keim nicht in den Griff, die Infektionen zerfressen den Knochen. Immer wieder springt der Hüftkopf aus der Pfanne. Am Ende geben die Ärzte sie komplett auf. Die ehemalige Lehrerin kann sich nur noch mühsam auf zwei Krücken fortbewegen.

2020 bricht sie sich die Hüfte und wird ins Wasserloser Krankenhaus gebracht. Chefarzt Hoda sagt ihr, er könne ihr helfen, aber die Operation berge große Risiken. Nach anfänglicher Skepsis bewertet Sieglinde Röll die Chance, im wörtlichen Sinne endlich wieder auf die Beine zu kommen, höher als die Gefahren und vertraut sich ihm an.

Hoda macht sich zuerst an die Sanierung des Infekts. Prothesen haben eine geringere Immunabwehr, was die Ansiedlung von Bakterien begünstigt. Er baut die Hüftprothese aus und entfernt die Drähte, die vermutlich einen Bruch des Oberschenkels halten sollten. Dann setzt er einen Platzhalter (Spacer) ein, der wie ein Hüftkopf geformt und mit Knochenzement beschichtet ist. Der Spacer enthält verschiedene Antibiotika, die gegen fast alle gefährlichen Keime wirken, und sorgt zudem dafür, dass die verkürzte Muskulatur des Beins samt Bändern, Gefäßen und Nerven gedehnt wird.

Bei Sieglinde Röll fehlt ein Großteil des rechten Oberschenkelknochens. Zudem hat sich im schmerzenden Knie eine starke Arthrose entwickelt. »Sie konnte ihr Knie nicht drehen. Würde man das so belassen, hätte das zur Folge, dass auch ihr neues Hüftgelenk immer wieder herausspringen würde«, so Hoda. »Ich überzeugte sie deshalb davon, sich auch im Knie eine Prothese einsetzen zu lassen.«

Nach zwei Monaten - der Keim war endgültig ausgeräumt - erhält sie die Durchsteckprothese. Zehn Tage Krankenhausaufenthalt und eine Reha folgen. Das Ergebnis stimmt die 81-Jährige überglücklich: Sie kann wieder ohne Krücken laufen und hat keine Schmerzen mehr. Die Beinverkürzung ist nur noch minimal und lässt sich mit höheren Absätzen ausgleichen. Sie habe »so viel Lebensqualität« gewonnen, gehe wieder in die Innenstadt zum Einkaufen.

Spezialisiertes Team

Wie schafft man es, derart schwierige Eingriffe, bei denen in einem Arbeitsgang zwei Gelenke ausgetauscht werden müssen und die der Statistik nach mit einer Sterblichkeit von bis zu 80 Prozent behaftet sind, erfolgreich über die Bühne zu bringen? »Das ist alles eine Frage der Organisation und der Planung«, erklärt Hoda, »man braucht dafür ein sehr spezialisiertes Team, in dem alle Beteiligten Hand in Hand ohne Verzögerung gut zusammenarbeiten.« Alles müsse funktionieren wie ein Schweizer Uhrwerk.

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die richtige Vorbereitung der Patienten. Die meisten von ihnen haben Infekte, die bekämpft werden müssen. Das gelingt am besten mit den Spacern. Durch Punktionen in das Gelenk wird geprüft, ob noch Keime vorhanden sind. Ist das der Fall, wird ein neuer Spacer einzementiert. Nach zwei bis drei Wiederholungen ist die Infektion meist besiegt.

Am Tag vor der OP gibt es eine Teambesprechung mit Chefarzt, zwei oder drei Oberärzten, den Anästhesisten und zwei OP-Schwestern, in der ein Fahrplan festgelegt wird, der dann im Operationssaal Punkt für Punkt abgearbeitet wird. »Das hat den Vorteil, dass es keine Störfaktoren und Verzögerungen gibt. Jeder weiß, wo er zu stehen und was er zu tun hat, und welches Implantat wann gebraucht wird«, erklärt Hoda.

Erst setzt Hoda ein neues Kniegelenk ein und befestigt daran den Metallstab, der durch den restlichen Oberschenkelknochen zur Hüfte durchgesteckt wird. Dort erfolgt dann die Implantation der Hüft-Endoprothese und die Verbindung mit der Stange.

Wettlauf mit der Zeit

Das Ganze ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn je länger der Eingriff dauert, umso mehr Blut verliert der Patient, es kann zur lebensgefährlichen Übersäuerung (Azidose) kommen, bei der der körpereigene Säure-Basen-Haushalt entgleist und der pH-Wert unter 7,35 sinkt. »Wir verringern den Blutverlust«, erläutert der Chefarzt, »indem wir sehr schnell operieren«. Die gesamte Operationsdauer von der Einleitung der Narkose bis zum Transport auf die Intensivstation dauere vier Stunden. In anderen Häusern könne das acht Stunden und mehr in Anspruch nehmen. Die minimalinvasive Operationsmethode (Schlüssellochchirurgie) sowie eine penible Blutstillung verringern das Risiko starker Blutungen. Ferner wird Blut aus dem Operationsgebiet aufgefangen, wiederaufbereitet und dem Patienten bei Bedarf wieder zugeführt.

Hoda hebt in diesem Zusammenhang die besondere Rolle der erfahrenen Anästhesie-Oberärzte Martin Otremba und Christoph Specht hervor. Sie sorgen unter anderem für den Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts und setzen die ganze Bandbreite intensivmedizinischer Maßnahmen ein, um die Auswirkungen des Stresses für den Organismus durch die große OP möglichst gering zu halten.

Die Patienten können sich nach den Worten Hodas mit den Durchsteckprothesen meist ganz normal bewegen. Ein Problem sei die Wetterfühligkeit, handelt es sich doch um ein Metall, das Wärme und Kälte leitet.

Megaprothesen

Als Megaprothesen bezeichnet man Implantate, die in der Lage sind, große Knochendefekte zu überbrücken oder zu ersetzen. Diese Systeme wurden im Laufe der Zeit ständig erweitert und verbessert, wodurch es möglich wurde, sogar den gesamten Oberschenkelknochen durch ein Implantat zu ersetzen. Ursprünglich wurden diese Prothesen für die Behandlung ausgedehnter Knochenzerstörungen infolge von Krebserkrankungen entwickelt, um befallene Gliedmaßen zu erhalten.
In den letzten Jahren wurde der Einsatz dieser Systeme auf andere Anwendungsgebiete in der Orthopädie und Unfallchirurgie ausgedehnt. Dort setzen die Ärzte Megaprothesen unter anderem bei Frakturen mit großem Knochenverlust oder schlechter Knochenqualität ein, bei Brüchen des Knochens, in dem die Prothesen verankert sind, und bei Schäden, die eine sichere Verankerung im Knochen mit normalen Zweit-Implantaten im Rahmen von Austauschoperationen von Hüft- und Knieprothesen nicht erlauben. (mp)

 

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