»Männer sind viel sensibler, als Frauen meinen«

Prävention: Gros der Männer nimmt selten Vorsorgeangebote wahr - Ein Grund ist veraltetes Rollenbild

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Alexander Pröbstle.
Foto: Thomas W. Klein
Joachim Lentzkow.
Foto: Stefan Gregor
Wir Haus­ärz­te sind auch da­für da, dass Män­ner gar nicht erst krank werden«, sagt Joa­chim Lentz­kow, Fach­arzt für All­ge­mein-, Not­fall- und Pal­lia­tiv­me­di­zin in ei­ner Gold­ba­cher Ge­mein­schafts­pra­xis (Kreis Aschaf­fen­burg). Ei­ne mo­der­ne Me­di­zin mit zahl­rei­chen Vor­sor­ge­an­ge­bo­ten ma­che es mög­lich.

Doch Krankheiten wie Herzkreislauferkrankungen, Darmkrebs, Hautkrebs oder Diabetes rechtzeitig verhindern können Ärzte nur dann, wenn ihre Patienten Prävention auch tatsächlich ernst nehmen. Und das ist gerade mit Blick auf Männer gar nicht so einfach. Nicht von ungefähr gelten sie gemeinhin als »Vorsorgemuffel«.

Dabei ist die Liste der Untersuchungen lang, auf die gesetzlich Versicherte einen Anspruch haben, wie Alexander Pröbstle, Direktor der AOK-Direktion Aschaffenburg, informiert. Ab dem 35. Lebensjahr steht demnach alle drei Jahre als allgemeine Gesundheitsuntersuchung der Check-up 35 an. Schwerpunkte sind dabei die Früherkennung von Herz-, Kreislauf- und Nierenerkrankungen sowie Diabetes. Ein Hautkrebs-Screening wird ab 35 alle zwei Jahre genehmigt, die Prostatauntersuchung ab 45 Jahren sowie Dickdarmuntersuchungen ab 50 Jahren jährlich. Zudem haben Männer ab einem Alter von 50 Jahren Anspruch auf zwei Früherkennungskoloskopien (Darmspiegelungen) im Mindestabstand von zehn Jahren. Hinzu kommt noch die jährliche Zahnvorsorge.

An kassenärztlichen Vorsorgeangeboten also mangelt es nicht, eher am Präventionswillen der Versicherten. Für eine Langzeit-Auswertung zog die AOK Bayern die Abrechnungsdaten für die Jahre 2009 bis 2020 heran, heraus kam unter anderem: Insgesamt nutzte nur etwa die Hälfte der bayerischen Versicherten, die im vergangenen Jahr 65 Jahre alt waren, die Untersuchung zur Darmkrebsfrüherkennung. »Auch bei der Prostatakrebsfrüherkennung gibt es noch viel Luft nach oben«, sagt Pröbstle. In der Altersgruppe zwischen 54 und 70 seien weit mehr als zwei Drittel der Männer insgesamt zu selten oder zu spät zur Früherkennung gegangen.

Frauen und Vorsorge

Doch schneiden die Männer tatsächlich so viel schlechter ab als die Frauen? Der Langzeitstudie nach durchaus: Mehr als 80 Prozent der Frauen zwischen 29 und 40 nahmen den Empfehlungen entsprechend an der Vorsorge zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs teil. Und eben diese zeigt eindrucksvoll die Wirksamkeit von Früherkennungsmaßnahmen. »Vor der Einführung 1971 war der Gebärmutterhalskrebs der häufigste bösartige Tumor bei jungen Frauen; inzwischen konnte die Zahl der Neuerkrankungen auf rund ein Viertel der Fälle reduziert werden«, sagt Pröbstle. Andere Statistiken belegen auch: 54 Prozent aller Krebstoten sind Männer, bei den 25- bis 45-Jährigen ist Hodenkrebs der häufigste bösartige Tumor. Die meisten männlichen Krebstoten sterben an Lungenkrebs - gleich danach folgt Prostatakrebs. Die meisten dieser Fälle ließen sich, rechtzeitig erkannt, vermeiden.

Für Hausarzt Lentzkow ist vor allem die Darmkrebsfrüherkennung eine der großen Erfolgsgeschichten in der modernen Medizin. 2002 wurde die Koloskopie in den Vorsorgekatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen. Wissenschaftler im Deutschen Krebsforschungszentrum berechneten: Bis 2016 sank die Zahl der Neuerkrankungen um knapp ein Viertel. Noch deutlicher fiel die Auswirkung auf die Sterblichkeitsrate aus, diese sank bei Männern bis 2018 immerhin um 35,8 Prozent, bei Frauen sogar um 40,5 Prozent. Und doch ist gerade auch die Darmspiegelung eine jener Untersuchungen, vor der viele Patienten zurückscheuen. Vielleicht eine gewisse Scham, die Angst vor der Untersuchung im Körper und auch die Notwendigkeit, am Vortag abzuführen, kommen zusammen. Lentzkow setzt deshalb statt auf Beschönigen auf Aufklärung: »Man sollte als Hausarzt genau erklären, wie eine Untersuchung abläuft.«

Bei manchen Männer wirkt dies, bei anderen nicht. Doch woran liegt's, dass gerade das vermeintlich starke Geschlecht sich vor dem Gang zum Arzt drückt? Tatsächlich steht Psychologen zufolge unter anderem eben dieses veraltete Rollenbild im Weg: Krankheit wird indirekt mit Schwäche assoziiert, deshalb werden Symptome gern verdrängt und Präventionsangebote gemieden.

Auch bei der AOK wollte man vorigen September der Frage auf den Grund gehen, warum Präventionsangebote gemieden werden. Die Krankenkasse gab deshalb eine Forsa-Befragung in Auftrag, bundesweit befragt wurden insgesamt 3225 Männer und Frauen ab 18 Jahren. Dabei gab, wie Direktor Pröbstle informiert, rund ein Fünftel der Befragten an, dass es ihnen unangenehm oder peinlich sei, im Bekannten-, Freundes- oder Kollegenkreis über Früherkennung zu sprechen. Mehr als ein Drittel der Befragten erklärte sogar, dass die Beschäftigung mit Früherkennung und Vorsorge nach ihrer Einschätzung durch Tabus beeinträchtigt werde.

Doch je länger man Untersuchungen meidet, desto mehr wächst nicht selten die Angst vor Erkrankungen. Allgemeinmediziner Lentzkow sagt: »Genau über diese Angst kriege ich viele Männer als Hausarzt, indem ich sage: Mach die Vorsorge, dann kriegst du die Krankheit erst gar nicht.« So er daran denke, spreche er das Thema Prävention in jeder Sprechstunde an - und auch die Medizinischen Fachangestellten an der Anmeldung sind dazu angehalten. Dabei spielt ihm sicher eine gewisse Menschenkenntnis in die Karten - beim Familienmenschen kommt Lentzkow gern auf die Verantwortung für die Kinder zu sprechen, beim Hobbysportler auf dessen Fitness. »Vor allem über den Sport kriege ich ganz viele zur Vorsorge«, sagt der 55-Jährige.

Der Mediziner beobachtet auch: Oft sind Erkrankungen im Freundes- oder Familienkreis letztendlich Auslöser, den eigenen Gang zum Arzt nicht länger aufzuschieben. Auch körperliche Veränderungen wie ein verändertes Gewicht oder auch ein Leistungsabfall können motivieren, freiwillig eine Praxis aufzusuchen. Und »der vorsichtige Druck der Ehefrau« spiele nicht selten hinein. Tatsächlich? Lentzkow muss lachen. »Zugegeben, Männer reagieren schnell bockig und sind viel sensibler als Frauen meinen.« Sätze à la »Merkst du eigentlich, dass du nicht mehr in die Hose passt?«, seien wohl in der Tat eher kontraproduktiv.

Wie aber überzeugen, ohne vor den Kopf zu stoßen? Lentzkow empfiehlt Partnerinnen zunächst einmal, selbst ein gutes Beispiel in Sachen Vorsorge zu sein. Wenn auch das nicht hilft, rät er zur Verschwörung, sprich den Hausarzt selbst zu bitten, über Prävention beim nächsten Aufeinandertreffen aufzuklären. »Das ist ganz ähnlich wie bei Pubertären und Eltern: Von außen werden Ratschläge eher angenommen«, sagt er. Er ist überzeugt: Gerade auch Betriebsärzte könnten mittels einer entsprechenden Aufklärung viel Positives erreichen. Wünschenswert wäre auch, dass Männer untereinander offen über Vorsorge sprechen. »Das ist eine ganze starke Motivation. Männer sagen dann: >Wenn der das von der Krankenkasse bekommen hat, will ich das auch!

Die AOK wirbt seit Oktober im Zuge der Kampagne »Deutschland, wir müssen über Gesundheit reden« mit Spots im Radio, TV und Aktionen auf Social-Media-Kanälen. »Damit wollen wir gerade jetzt in der andauernden Pandemie einen Anstoß geben, einen Vorsorgetermin zu vereinbaren. Auch versäumte Untersuchungen könnten jetzt nachgeholt werden«, sagt Alexander Pröbstle. Denn Corona habe in den vergangenen zwei Jahren deutliche Spuren hinterlassen, vor allem bei allgemeinen Gesundheitsuntersuchungen sei nur noch jeder zweite Mann zum Arzt gegangen.

Vorsorgestau

»Fast jeder Patient versuchte erst einmal die Arztpraxis zu meiden«, sagt auch Lentzkow, das sei absolut verständlich, auch die Hausärzte selbst wollten keine Gesunden dem Risiko einer Coronainfektion aussetzen. Ein gewisser Vorsorgestau also sei verständlich. Inzwischen ist Sicherheit aber längst Routine durch genaue Terminvergaben ohne Wartezeiten, immer nur ganz wenige Patienten in der Praxis und spezielle Infektionssprechstunden. Vor allem fürs zweite Quartal habe er inzwischen ganz viele Vorsorgetermine vergeben, erzählt der Allgemeinmediziner, seine Freude darüber ist deutlich zu hören.

Lentzkow ist sich übrigens recht sicher: Viele junge Menschen seien sich der Bedeutung von Prävention deutlich bewusster als ältere Generationen. An den Universitäten in Würzburg und München arbeitet er als Lehrbeauftragter für Allgemein- und Palliativmedizin. Nicht nur, dass Prävention im Studium an sich eine viel größere Rolle spiele als früher: »Die jungen Leute sind auch generell viel körperbewusster und mehr sensibilisiert für Krankheiten, die sich vermeiden lassen, wenn sie auf sich achten«, sagt er, Frauen wie Männer. »Ich bin dankbar, dass ich von den Jungen noch lernen kann«, sagt der 55-Jährige.

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