Dienstag, 22.06.2021

»Lass weg, was dich krank macht«

Laktose und Fruktose: Atemtest spürt Unverträglichkeiten auf

Kommentieren
3 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Eine Patientin pustet durch ein Röhrchen in einen Apparat, der den Wasserstoffgehalt des Atems misst.
Foto: Harald Schreiber
Wenn sich Bauch­be­schwer­den mit Tees, Ta­b­let­ten und Trop­fen nicht be­sei­ti­gen las­sen und der Arzt nichts Gra­vie­ren­des wie Sch­leim­hau­t­ent­zün­dun­gen, ein Ge­schwür oder ei­ne zu star­ke Säu­r­e­pro­duk­ti­on fin­det, ge­ra­ten oft Nahrungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­kei­ten in Ver­dacht.

Der »Renner« ist zurzeit das Gluten. Dieses Klebereiweiß steckt in vielen Getreidesorten und kann bei Menschen mit fehlgeleiteter Immunabwehr das Krankheitsbild Zöliakie auslösen, das mit Bauchschmerzen, Übelkeit, Blähungen und Durchfällen einhergeht. Viele meiden deshalb Getreideprodukte, auch wenn bei ihnen keine Glutenunverträglichkeit vorliegt - in der Hoffnung, auf diese Weise ihre Bauchprobleme loszuwerden, oder weil sie meinen, sich auf diese Weise gesünder zu ernähren.

Ähnlich verhält es sich mit den Nahrungsbestandteilen Milchzucker (Laktose) und Fruchtzucker (Fruktose). Auch sie können Unverträglichkeiten bewirken, die aber nicht so weit verbreitet sind, wie es einige selbst ernannte »Ernährungsexperten« behaupten.

»Die Häufigkeit für Laktoseintoleranz liegt in Deutschland bei zehn bis maximal 15 Prozent«, sagt der Aschaffenburger Gastroenterologe (Facharzt für Magen- und Darmerkrankungen) Jochen Emrich. »Wenn Sie aber die Leute fragen, wie viele von ihnen glauben, dass sie eine Unverträglichkeit haben, so sind das deutlich mehr. Ähnlich verhält es sich bei der Fruktose.«

In Bestandteile spalten

Im Normalfall werden diese Stoffe im Dünndarm durch Enzyme (zum Beispiel Laktase) in ihre Bestandteile gespalten und diese dann vom Dünndarm vollständig aufgenommen (resorbiert), sodass sie den Dickdarm nicht erreichen. Bei einer verminderten Enzymaktivität, die angeboren oder erworben sein kann (durch Dünndarmerkrankungen, Medikamente oder Bestrahlung), wandern die Zucker hingegen unverdaut weiter in den Dickdarm.

Hier machen sich die Bakterien über das unerwartete Nahrungsangebot her - mit unangenehmen Folgen für den Betroffenen. Bei der Verstoffwechselung der Zucker durch die Darmbewohner werden nämlich unter anderem Fettsäuren, Methan und CO2 freigesetzt, die dann Beschwerden wie Durchfall, Blähbauch oder Schmerzen verursachen.

Gas

Der Nachweis von Zuckerunverträglichkeiten kann relativ leicht durch den sogenannten H2-Atemtest erfolgen. Wenn die Bakterien sich über Laktose und Fruktose hermachen, entsteht auch Wasserstoff (H2), der im menschlichen Organismus ausschließlich von Dickdarmbakterien produziert wird. Das H2-Gas, das über die Lunge abgeatmet wird, kann dann von einem speziellen Gerät gemessen werden.

Im Vorfeld des Tests müssen die Patienten einige Verhaltensmaßnahmen beachten. So dürfen sie unter anderem drei Tage zuvor keine Medikamente mit Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt einnehmen, und am Tag vor dem Untersuchungstermin sind kohlenhydrat- und ballaststoffreiche Nahrungsmittel sowie Milch- und Fruchtprodukte verboten.

In der Praxis erhalten sie dann nach der Bestimmung des H2-Ausgangswerts ihrer Atemluft eine Lösung mit Milch- oder Fruchtzucker zu trinken. Alle 20 bis 30 Minuten pusten sie dann in das Messgerät. Gleichzeitig wird gefragt, ob Beschwerden aufgetreten sind.

Nach drei bis vier Stunden kann der Arzt sehen, ob der H2-Wert angestiegen ist und Unannehmlichkeiten aufgetreten sind. »Es ist ganz wichtig, dass wir beide Informationen haben: den H2-Atemwert und die Schilderung der Beschwerden«, so Emrich. »Es sollten die gleichen sein, die der Patient auch zu Hause empfindet. Nur dann können wir einen Zusammenhang herstellen.«

Bei einem Teil der Patienten schlägt der Atemtest nicht an: circa zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung gehören zu den sogenannten Non-Producern, deren Darmflora den Wasserstoff nicht produzieren kann, sodass bei ihnen die H2-Messung negativ ausfällt. In diesen Fällen kann sich der Arzt nur an den Beschwerden orientieren.

»Wenn bei einem Patienten nach Gabe der Zuckerlösung der H2-Wert überhaupt nicht ansteigt, er sich aber krümmt vor Schmerzen und erklärt >Das ist genauso wie zu Hause, wenn ich morgens meinen Kaffee trinke

Um die Diät richtig umzusetzen, kann eine Ernährungsberatung, die unter Umständen von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird, hilfreich sein.

Unterschiedlich ausgeprägt

Die Zuckerunverträglichkeiten sind aber individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Manche Menschen vertragen gar nichts, egal was sie an Milchprodukten beziehungsweise Obst essen: Alles löst immer starke Beschwerden aus. Andere haben nur ganz leichte Symptome oder können bestimmte Milch- oder Fruchtprodukte problemlos konsumieren.

Bei Laktoseunverträglichkeit können Tabletten helfen, die das fehlende Enzym Laktase ersetzen (siehe Kasten). »Sie eignen sich aber nicht für den Dauergebrauch«, betont der Gastroenterologe, »sondern sind nur für Fälle gedacht, in denen jemand beispielsweise ins Restaurant gehen möchte oder irgendwo eingeladen ist, und nicht genau weiß, ob in den Speisen Milchzucker steckt. In diesen Fällen kann er die Laktase-Präparate einnehmen.«

Neben Laktose- und Fruktoseintoleranzen lassen sich durch H2-Atemtests auch Saccharose- (Haushaltszucker) und Sorbitunverträglichkeiten nachweisen. Der Ablauf ist der gleiche wie bei Laktose und Fruktose.

Ein weiterer H2-Test arbeitet mit Glukose zum Nachweis falscher Bakterien im Dünndarm (bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung). In diesen Fällen haben sich Dickdarmbakterien fälschlicherweise im Dünndarm angesiedelt und können dort ebenfalls Bauchbeschwerden, ähnlich wie bei den zuvor genannten Nahrungsunverträglichkeiten, auslösen. Bei Vorliegen einer Fehlbesiedlung kommt es jedoch - im Unterschied zu einer Laktose- oder Fruktoseunverträglichkeit - bereits frühzeitig zu einem Anstieg der H2-Konzentration in der der Ausatemluft sowie zu begleitenden Beschwerden. Emrich spricht hier von einem »schwierigen Krankheitsbild«. Man müsse zunächst klären, ob für die Fehlbesiedlung eine behandelbare Ursache vorliegt. Wenn dies nicht der Fall ist, erläutert der Facharzt, kann man nur »versuchen, mit Antibiotika die Flora im Dünndarm wieder zu regenerieren«.

Laktoseintoleranz weit verbreitet

Aus globaler Sicht ist Milch nur für eine Minderheit der Menschen verträglich: 75 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung können sie nicht verdauen, weil ihnen das Enzym Laktase fehlt. Säuglinge spalten damit die Laktose (Milchzucker) auf, um sie verwerten zu können. Im Erwachsenenalter geht die Fähigkeit normalerweise verloren (Laktoseintoleranz).

Allerdings entwickelte der nordeuropäische Mensch vor circa 7500 Jahren aufgrund einer genetischen Mutation die Fähigkeit zur lebenslangen Laktase-Ausschüttung. Diese Anpassung ging mit Viehzucht und Ackerbau einher.

Laktose verdauen zu können, bot offensichtlich Überlebensvorteile, möglicherweise wegen einer besseren Ernährung mit Milch und Milchprodukten. So breitete sich diese Genvariation immer mehr aus. Anders sieht es im Süden Europas aus: Während in den nordischen Ländern fast 90 Prozent der Bevölkerung Laktose verdauen können, sind es in den südlichen Regionen nur zehn bis 30 Prozent und in Äquator-Nähe und in Asien nur etwa zwei Prozent. (mp)

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!