»Kinder nicht dem Computer überlassen«

Hans Michael Straßburg:Würzburger Sozialpädiater über die Rolle der Gesellschaft für kindliche Psyche

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Im Frühherbst soll Hans Michael Straßburgs neues Buch erscheinen. Darin geht es um das Spannungsverältnis von Gesellschaft und Medizin in Bezug auf die Gesundheit von Kindern.
Foto: Pat Christ
Die Pan­de­mie war und ist für Men­schen jen­seits der 80 Jah­re be­son­ders dras­tisch, vie­le star­ben. Wie man inzwischen weiß, waren und sind auch Kin­der stark be­las­tet. »Und zwar vor al­lem sol­che, die nicht das Glück ha­ben, in so­zio­ö­ko­no­misch gu­ten Ver­hält­nis­sen zu le­ben«, sagt Hans Mi­cha­el Straßburg.

Der emeritierte Professor für Pädiatrieaus Würzburg fordert, die gesellschaftlichen Faktoren bei der Entstehung von kindlichen Störungen stärker als bisher zu berücksichtigen.

Würden Kinder mit ihrem Kopfkino alleingelassen, könnten starke Ängste entstehen. Das betreffe die Corona-Krise ebenso wie den Krieg in der Ukraine. »In dieser Situation darf man Kinder nicht dem Computer überlassen«, mahnt Straßburg. Sie brauchten Eltern, mit denen sie darüber reden können, was hinter einer beängstigenden Situation steckt: ».... Wobei solche Gespräche für Eltern nicht immer einfach sind.« Manchen Eltern fehlten die richtigen Worte, anderen das Wissen, um ihre Kinder gut aufklären zu können.

Sie benötigen in leicht verständlicher Sprache abgefasste Informationen. Solche waren in der Corona-Krise nicht allen Eltern zugänglich, weiß Straßburg. Darum kursierten falsche Annahmen in Familien: »Zum Beispiel, dass Kinder überhaupt keinen Kontakt mehr zu anderen Kindern haben dürfen.« Dabei sind Kontakte dem Kinderarzt zufolge für die Psyche der Kinder, aber auch für Familien, essenziell. Der Austausch mit anderen Müttern und Vätern mache stark und verhelfe zu mehr Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Gegenseitig könne man sich zudem Tipps zu Unterstützungsangeboten geben.

Inzwischen gibt es zahlreiche Möglichkeiten, in vielen Gemeinden beispielsweise Stillgruppen. Auch das Prager Eltern-Kind-Programm (PEKiP), ein Konzept für die Gruppenarbeit mit Eltern und ihren Kindern im ersten Lebensjahr, wurde an immer mehr Orten etabliert. Wo es erst wenige solcher Angebote gibt, sind Kommunen laut Straßburg gefordert, Treffpunkte für Familien zu schaffen. Natürlich könnten Familien auch selbst die Initiative ergreifen.

Gesellschaft und Medizin

Jene Wochen in der Pandemie, als man fast nirgendwohin konnte, waren für Kinder und Familien besonders abträglich. Denn Familie funktioniert laut Hans Michael Straßburg nicht auf einer einsamen Insel. Im Gegenteil läuft es umso besser, je besser die Einbettung in eine Gemeinschaft ist. Überhaupt spiele die Gesellschaft eine große Rolle, wenn es um die psychische Gesundheit von Kindern geht. Dies zeigt Straßburg in seinem neuen Buch mit dem Titel »Kinder Gesellschaft Medizin« auf. Im Frühherbst soll es erscheinen.

Nicht alle Kinder haben Eltern, die nachschauen, ob die Hausaufgaben ordentlich erledigt sind oder die ihnen ein eigenes Zimmer zur Verfügung stellen können. Dutzende Kinder in Unterfranken leben in Verfügungswohnungen: Ihre Eltern sind wohnungslos und darauf angewiesen, dass ihnen die Gemeinde eine Unterkunft stellt. Wer sich ernsthaft um die Gesundheit von Kindern sorgt, muss laut Straßburg auch die Wohnungsnot in den Blick nehmen. Armut sei ein wichtiger Grund, weshalb Kinder körperlich und seelisch krank würden. Daneben beeinflusse die Lebenseinstellung der Eltern die Entwicklung des Kindes.

Ob man einer Sache positiv gegenübersteht oder ob man mit ihr hadert, hängt in hohem Maße von der jeweiligen Einstellung ab. Hans Michael Straßburg propagiert in diesem Zusammenhang die sogenannte Positive Psychologie. Anders als die an Defiziten orientierte klassische Psychologie geht es hier um Faktoren wie Resilienz, Achtsamkeit und Dankbarkeit. Am Beispiel einer ihm bekannten Familie, die wegen Corona in Quarantäne war, macht der Kinderarzt klar, was dies konkret bedeuten kann. Diese Familie klagte nicht über die tagelange Isolation: »Plötzlich hatte Papa Zeit, Klavier zu spielen, man sang gemeinsam.«

Essstörungen nehmen zu

Kinder können in Krisenzeiten auch durch Autogenes Training, Qigong oder Yoga zur Ruhe kommen und Ängste abbauen. Dass all dies offensichtlich während der zurückliegenden Krisenjahre zu wenig geschah, zeigt die Zunahme kindlicher Störungen, vor allem, was Depressionen und Essstörungen anbelangt.

Viele Kinder legten laut Hans Michael Straßburg während der Pandemie an Gewicht zu. Bereits im Herbst 2020 hatten Experten der Uniklinik München darauf aufmerksam gemacht, dass dies vor allem Kinder aus benachteiligten Familien betrifft. Mädchen entwickelten häufiger eine Magersucht oder Bulimie.

Noch weiß man nicht, wohin die Reise geht. Vielleicht wird das Virus immer harmloser. Vielleicht kommt es zu einer neuen Pandemie. Für Hans Michael Straßburg ist es vor diesem Hintergrund wichtig, aus bisherigen Krisenerfahrungen zu lernen. Zu lernen gilt es zum Beispiel, dass niemals mehr so leichtfertig Spielplätze geschlossen werden dürfen. Diese Maßnahme müsse im Nachhinein als unsinnig betrachtet werden. Überhaupt sei künftig stärker zu beachten, wie wichtig das Soziale in Krisenzeiten ist. Nichts sei schlimmer, als sich zu verkriechen. Denn dann steigen leichter Ängste auf - die so stark werden können, dass der Mensch erkrankt.

Zur Person
Hans Michael Straßburg, geboren 1948 in Büchenbeuren im Hunsrück, war bis 2013 Professor für Kinderheilkunde an der Würzburger Universität. Ab 1992 leitete er das damals neu eröffnete Frühdiagnosezentrum in Würzburg. Von 2009 bis 2012 war Straßburg Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Als Wissenschaftler befasste er sich schwerpunktmäßig mit Entwicklungsstörungen bei Kindern. Aktuell beschäftigt er sich mit der Geschichte der Sozialpädiatrie. Sein neues Buch soll in wenigen Monaten veröffentlicht werden. (Pat Christ)

Zur Person

Hans Michael Straßburg, geboren 1948 in Büchenbeuren im Hunsrück, war bis 2013 Professor für Kinderheilkunde an der Würzburger Universität. Ab 1992 leitete er das damals neu eröffnete Frühdiagnosezentrum in Würzburg. Von 2009 bis 2012 war Straßburg Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Als Wissenschaftler befasste er sich schwerpunktmäßig mit Entwicklungsstörungen bei Kindern. Aktuell beschäftigt er sich mit der Geschichte der Sozialpädiatrie. Sein neues Buch soll in wenigen Monaten veröffentlicht werden.

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