Dienstag, 22.06.2021

Hilfe für geschundene Haut

Neurodermitis: Stress verschlimmert das Leiden - Neue Medikamente wecken große Hoffnungen

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Skin rashes, allergies contact dermatitis ,allergic to chemicals ,fungal infections from exposure
Foto: aboutnuylove - stock.adobe.com
Sich buch­stäb­lich nicht mehr wohl­füh­len in der ei­ge­nen Haut, ge­fan­gen sein im Kreis­lauf von Ju­cken und Krat­zen, Scham emp­fin­den über ei­ne ge­schun­de­ne Haut vol­ler Rö­t­un­gen, Ek­ze­me und Krus­ten, die auch für an­de­re sicht­bar sind: So emp­fin­den vie­le Be­trof­fe­ne ih­re Neu­ro­der­mi­tis.

Eine Heilung dieses Leidens, das in den Industrieländern zunimmt, ist bislang nicht möglich. Aber inzwischen nähren neue Medikamente, insbesondere sogenannte Biologika, die Hoffnung, mehr tun zu können als nur mit Salben, Bestrahlungen und Aufenthalten in Reizklimazonen vorübergehende Besserungen zu erreichen.

Meist beginnt die Krankheit im Säuglings- und Kleinkindalter, in über der Hälfte der Fälle bereits im ersten Lebens?jahr. Bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist sie mit 31 Prozent die häufigste chronische Erkrankung überhaupt. Die Ausprägung reicht von milden Verläufen bis hin zu schweren, stark entzündlichen Formen. Schätzungsweise die Hälfte aller Patienten hat nach Auskunft der Deutschen Haut- und Allergiehilfe eine mittelschwere bis schwere Neurodermitis.

Sie verläuft in Schüben. Das heißt: Zeiten mit geringen Beschwerden wechseln sich ab mit akuten Phasen, in denen Symptome stark ausgebildet sind. Hauptmerkmal ist das Ekzem: eine entzündliche Reaktion der Haut auf akute oder chronische Reize.

Quälender Juckreiz

Zunächst ist die Haut gerötet. Anschließend kommt es zur Bildung von nässenden Bläschen und Schuppen, die über mehrere Tage bis Wochen bestehen und Verkrustungen bilden können. Besonders zu schaffen macht den Betroffenen der starke Juckreiz, der all diese Hauterscheinungen begleitet. Infektionen mit Bakterien, Viren und Pilzen stellen häufige Komplikationen dar.

Bei einer Mehrheit der Kinder zeigt sich bis zur Einschulung, spätestens bis zur Pubertät eine deutliche Besserung der Symptome bis hin zum völligen Verschwinden. Dennoch tragen diese jungen Menschen ein erhöhtes Risiko, in ihrem weiteren Leben an allergischem Asthma oder Heuschnupfen zu erkranken, weil diese beiden Krankheitsbilder zusammen mit der Neurodermitis zum atopischen Formenkreis gehören, einer angeborenen Allergie-Neigung. Sie äußert sich in einer Überreaktion des Immunsystems (siehe Kasten).

Trotz der starken genetischen Disposition sind Krankheitsausbruch und -schwere von vielfältigen (Umwelt-) Faktoren abhängig. Deswegen handelt es sich bei der Neurodermitis, die auch Atopische Dermatitis genannt wird, nicht um eine Allergie. Letztere zeichnet sich durch die überempfindliche Reaktion des Körpers auf ganz bestimmte Allergene (zum Beispiel Blütenpollen) aus.

Individuelle Therapie

Das Leiden nimmt höchst unterschiedliche Verläufe, dementsprechend sollte auch die Behandlung auf jeden Patienten individuell ausgerichtet sein. Nach diesem Konzept verfährt auch die Vital-Klinik in Alzenau-Michelbach, die Patienten sämtlicher Schweregrade und aller Altersgruppen therapiert, wenn eine Einweisung vom Haus- oder Hautarzt vorliegt.

Bei den jungen Patienten, angefangen vom Säugling bis zum zwölfjährigen Kind, wird immer ein Elternteil mit aufgenommen. Ferner dürfen Mütter, die wegen ihrer Neurodermitis stationär behandelt werden, ihre Kinder als Begleitpersonen bei sich haben, erläutert Oberärztin Ute Wienke-Graul.

Alle neuen Patienten durchlaufen eine gründliche Untersuchung: Welcher Schweregrad liegt vor? Wie großflächig sind die Hautveränderungen? An welchen Körperstellen treten sie auf? Es folgt die Anamnese (Vorgeschichte): Wann ging es los mit den Beschwerden? Sind sie immer gleich stark ausgeprägt? Wie belastend wird der Juckreiz empfunden?

»Wir sehen also den Zustand der Haut auf der einen Seite. Auf der anderen Seite wollen wir wissen, ob es bei den Beschwerden Schwankungen mit der Jahreszeit, mit Stresssituationen gibt«, erklärt Oberärztin Ute Wienke-Graul. »Man merkt das ja oft an der Haut, wenn in der Schule viel los ist, ein Berufswechsel ansteht oder in der Familie Schwierigkeiten auftauchen. Bei den Kleinen sind es oft Ereignisse wie Infekte, erste Zähnchen beim Baby, die sich dann auch auf der Haut niederschlagen.«

Basispflege wichtig

Da ein Großteil der Neurodermitiker zur Entwicklung von Allergien neigt, werden - bei entsprechenden Hinweisen aus der Familiengeschichte - auch die Immunglobuline E (IgE)im Blut bestimmt; das sind Eiweißstoffe, die zum Abwehrsystem des Körpers gehören. Ist deren Wert erhöht, deutet das auf eine allergische Reaktion hin.

»Für diese Untersuchungen und Gespräche nehmen wir uns viel Zeit, wir haben hier keine Fünf-Minuten-Medizin«, betont Wienke-Graul. Bei der Therapie arbeite man mit dem ganzen Spektrum, das zur Verfügung stehe. Grundlegend sei die Hautpflege, um der empfindlichen und trockenen Haut Fett und Feuchtigkeit zuzuführen und damit die gestörte Hautbarriere zu stärken.

Die Obernburger Hautärztin Katrin Oppmann fügt hinzu: »Auch wenn die Haut völlig normal aussieht, muss ein Neurodermitiker sich immer eincremen. Dabei ist es ganz individuell, was er gerne hat: Viele wollen eine leichte Lotion, andere können es nicht fett genug haben.«

Wenn sich das Hautbild verschlechtert, Ekzeme auftauchen und der Juckreiz stärker wird, verordnen die Ärzte zusätzlich zur Basistherapie wirkstoffhaltige Cremes oder Salben. Dazu gehören die Glukokortikoide, besser bekannt als Cortison, das entzündungshemmend wirkt.

Viele Menschen hegen Vorbehalte gegen die Substanz, weil sie beispielsweise zu einem Ausdünnen der Haut führen kann. Ute Wienke-Graul kommt diesen Bedenken entgegen, indem sie zunächst Alternativen ausprobiert: »Durch intensives Cremen mit zinkhaltigen Salben, mit juckreizstillenden Präparaten, mit Schwarztee-Kompressen usw. versuchen wir, die Entzündung auf sanfte Art einzudämmen. Es gibt aber auch mal hartnäckige Stellen, bei denen das nicht wirkt, sodass wir Cortison brauchen. Wir sagen den Patienten aber: Es wird nur für eine gewisse Zeit eingesetzt und dann auch wieder schrittweise abgesetzt.«

Auch Katrin Oppmann kennt die Diskussionen ums Cortison zur Genüge, betont aber auch die Vorzüge des Medikaments: »Cortison ist eigentlich ein körpereigenes Hormon. Richtig und vernünftig angewendet, in der richtigen Stärke auf die verschiedenen Hautstellen gebracht, ist es ein sicheres und bewährtes Medikament. Es wäre furchtbar für die Neurodermitiker, wenn es das nicht gäbe.«

Neuer Wirkstoff

Ein anderes Salbenpräparat, die sogenannten Calcineurin-Inhibitoren, wirken ebenfalls antientzündlich und haben keinen hautverdünnenden Effekt. Sie eignen sich für Bereiche, in denen kein Cortison eingesetzt wird, wie im Gesicht oder Genitalbereich, oder für ausgedehnte Hautbereiche.

Bei schwereren Verläufen kommen neben den auf die Haut aufgetragenen (topischen) Mitteln auch Medikamente zum Einsatz, die innerlich (systemisch) angewendet werden. Dazu gehört das erfolgreiche Biologikum Dupilumab, das seit 2017 bei mittelschweren und schweren Fällen für Erwachsene und neuerdings auch für Jugendlicheab zwölf Jahren zugelassen ist. Es wird unter die Haut gespritzt, bessert Entzündung und Juckreiz und hat kaum Nebenwirkungen.

Auch in Alzenau-Michelbach werden inzwischen Patienten weiterbetreut, die das Arzneimittel zuvor in der Universitätsklinik Frankfurt erhalten haben. »Dupilumab funktioniert gut, die Werte bessern sich schnell«, sagt Wienke-Graul«, deswegen sind wir dabei, die ersten Erwachsenen bei uns neu darauf einzustellen.«

Allerdings seien noch wichtige Fragen offen: »Wie lange muss ich es nehmen? Und was passiert, wenn ich es wieder absetze?« Das Biologikum sei ein Fortschritt, aber kein Wundermittel.

Dies gelte auch für einen weiteren Wirkstoff, der in Studien an der Medizinischen Hochschule Hannover erfolgreich abschnitt, den Histamin-4-Rezeptorblocker ZPL-3893787. Er unterbricht den Entzündungsprozess, indem er verhindert, dass der Botenstoff Histamin an den entsprechenden Zellen wirken kann. Inzwischen sei es um dieses Projekt etwas ruhiger geworden, erläutert Wienke-Graul, da als Nebenwirkung ein starker Abfall der Granulozyten, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen, aufgetreten sei.

Auch Lichttherapie wird an der Vital-Klinik durchgeführt, hauptsächlich mit UV-B-Strahlen. Eine besonders fortschrittliche Bestrahlungsmethode, die UV-A-1-Therapie, bietet die Hautklinik in Hanau an. »Das Gerät erzeugt ein UV-A-Licht in einer Dosierung, wie sie auf der Erde nicht vorkommt«, sagt Chefarzt Hans Michael Ockenfels. Liege man eine halbe Stunde unter diesen Lampen, bekomme man so viel UV-A-Licht wie in acht Stunden am Toten Meer oder auf Kreta. »Das Licht wirkt auf die Substanz P, die die Juck-Empfindung ausmacht.« Nach der dritten oder vierten Bestrahlung sei der Juckreiz weg, jedenfalls für eine gewisse Zeit.

Keine spezielle Diät

Was den Einfluss der Ernährung angeht, erlebt Wienke-Graul immer wieder, dass kleine Kinder auf Milch, Ei oder manchmal auch auf Getreide allergisch reagieren. Hier könne ein Weglassen dieser Lebensmittel sinnvoll sein. »Es gibt aber in dem Sinne keine Neurodermitis-Diät«, erklärt sie.

Besonders wichtig ist es in den Augen der Ärztin, dass die Patienten lernen, mit ihrer Krankheit besser umzugehen. Da geht es darum, die Zeichen zu erkennen, wenn wieder ein Schub losgeht, und rechtzeitig entgegenzusteuern oder Defizite bei der Salbenbehandlung zu beheben. Weiter sollte auf individuelle Auslösefaktoren wie falsche Kleidung, Rauchen, Infekte, Nahrungsmittelzusatzstoffe et cetera geachtet werden.

Das Wissen darüber wird in speziellen Neurodermitis-Schulungen in der Klinik vermittelt. Sie beinhalten auch einen psychologischen Teil, in dem Schlafprobleme, Bewältigung von Umbrüchen wie Pubertät und Schwangerschaft oder auch Partnerprobleme angesprochen werden. In schwierigen Fällen gibt eine Diplom-Psychologin Hilfestellung.

Psychologische Betreuung, Ernährungsberatung und Elternschulungen bietet auch das Sozialpädiatrische Zentrum der Kinderklinik des Klinikums Aschaffenburg an. Dort können sich Eltern mit ihren Kindern in der Neurodermitis-Sprechstunde vorstellen. Sie benötigen aber eine Überweisung von einem Kinderarzt.

Wie die zuständige Ärztin und Neurodermitis-Trainerin Ivonne Windmüller erklärt, erfolgt immer eine ausführliche diagnostische Abklärung einschließlich eventuell erforderlicher Allergietests, eine Anamnese, eine Hautanalyse sowie das Erstellen eines individuellen Behandlungsplans. In schweren Fällen kann ein Kind auch stationär aufgenommen werden. »Neurodermitis wird in vier Schweregrade eingeteilt«, so Windmüller. »Uns gelingt es fast immer, durch eine intensive Behandlung mit Salben und fett-feuchten Verbänden in der Stufe zwei den Zustand der Haut so zu verbessern, dass wir kein Cortison benötigen, das meist in Stufe drei eingesetzt wird.«

Gestörte Immunabwehr

Eine Schlüsselfunktion bei der Abwehrreaktion haben spezielle Immunzellen, zu denen unter anderem die T-Zellen, die T-Helferzellen und bestimmte Botenstoffe, die sogenannten Zytokine, gehören. Die Botenstoffe sorgen für die Informationsübertragung zwischen Immunzellen.

Bei Neurodermitis reagiert das Immunsystem überempfindlich. Eine Untergruppe der T-Helferzellen, die Th2-Zellen, sind überaktiv. Da bei der Krankheit die Hautbarriere gestört ist, dringen körperfremde Substanzen wie Allergene, Schadstoffe und Bakterien leichter in die Haut ein. Dadurch werden die Th2-Zellen angeregt, Botenstoffe zu bilden, darunter die Zytokine IL-4 und IL-13.

Diese beiden Zytokine sind nach heutigem Kenntnisstand maßgeblich an der Entstehung einer chronischen Entzündung der Haut bei Neurodermitis beteiligt. Der neue Wirkstoff Dupilumab blockiert exakt die Signalwege von IL-4 und IL-13. (mp)

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