Samstag, 25.09.2021

»Glücksgefühl ohne Ende«

Psychische Störungen: Ähnliche Symptome bei bipolar Erkrankten und Borderline-Patienten

Kommentieren
3 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Fröhlich-traurige Frau
Foto: electravk
Christian Gruß lebt bereits seit über 30 Jahren mit einer psychischen Erkrankung.
Foto: Pat Christ
Der Aus­spruch »Him­mel­hoch jauch­zend, zu To­de be­tr­übt« ist cha­rak­te­ris­tisch für Men­schen, die an ei­ner bi­po­la­ren Stör­ung lei­den. Mal sind sie ma­nisch, mal de­pres­siv. »We­nig be­kannt ist, dass sich der Wech­sel in Se­kun­den­bruch­tei­len voll­zie­hen kann«, sagt Chris­ti­an Gruß.

Der 54-Jährige lebt selbst seit 1994 mit einer bipolaren Störung. Psychisch krank ist der Würzburger schon seit 1988. Durch eine Medikamentenumstellung erlebte er vor 26 Jahren während eines Klinikaufenthalts erstmals eine massive manische Phase.

In einer Manie verliert Gruß komplett den Boden unter den Füßen. »Ich bin dann einfach überhaupt nicht mehr ich selbst«, schildert er. In seiner extremsten manischen Phase- damals, 1994 in der Klinik - stürmte er ins Chefsekretariat, fasste die Kaffeekanne, die auf dem Tisch stand, und goss den frisch gebrühten Kaffee über den Kopf der Sekretärin. »Es war für mich einfach nur ein toller Spaß«, sagt Gruß.

In extremen manischen Phasen werde er von einem »Glücksgefühl ohne Ende« getragen. Würde ihm jemand in so einer Phase sagen, er wäre krank, würde er lachen: »Man fühlt sich total gesund.« Und total high. In der Klinik wurde Gruß' Zustand immer schlimmer. Einmal bedrohte er eine Praktikantin. Sie sei zu Tode erschrocken - »aber auch da wollte ich nur Spaß machen«. Das Schlimme an der Manie sei, dass man überhaupt keinen Kontakt mehr zum normalen Leben habe. »Man ist einfach völlig weg«, sagt Gruß, der im Laufe seines Lebens rund 40-mal in der Psychiatrie war.

Rückfall kam prompt

Nichts sei schlimmer, als wenn eine bipolare Störung nicht adäquat behandelt wird, sagt Sonja (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 49 Jahre alt, arbeitet als Krankenschwester in Würzburg, und leidet seit ihrem 23. Lebensjahr an einer bipolaren Störung. Als die Krankheit ausbrach, befand sie sich mitten im Examen: »Womöglich war der Examensstress auch schuld daran.«

Sie erhielt ein Medikament, durch das sie zehn Jahre stabil war. »Doch dann musste ich es aus gesundheitlichen Gründen absetzen.« Das war fatal, denn es vergingen kaum ein paar Tage, ehe Sonja rückfällig wurde. Das war mitten in der Schwangerschaft. Vier Monate musste sie als Schwangere in die Psychiatrie. Ähnlich wie Christian Gruß erlebte auch Sonja die Manien als etwas »ganz Schreckliches«: »Bei meiner ersten Manie war ich aufgedreht, ich redete viel, hatte völlig unrealistische Pläne und hielt mich für ein verkanntes Genie.«

Sonja hat große Angst, einen Rückfall zu erleiden. Darum nimmt sie konsequent ihre Medikamente ein. Seit 15 Jahren ist sie nun stabil. Dabei half ihr eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit bipolarer Störung, die sie selbst ins Leben gerufen hatte und bis heute leitet. Laut Sonja zeigen noch immer viele Menschen kein oder kaum Verständnis für psychisch Kranke. Deshalb wagt sie es nur im engsten Freundeskreis, sich zu outen.

»Viele schämen sich für ihre Erkrankung«, bestätigt Julia Ehlert. Die Aschaffenburger Psychotherapeutin hat sich unter anderem auf die Behandlung von Menschen mit einer Borderline-Störung spezialisiert. Einige Merkmale dieser Persönlichkeitsstörung können jenen einer bipolaren Störung sehr ähnlich sein: »Auch hier kann sich die Stimmung innerhalb weniger Stunden von >himmelhoch jauchzendzu Tode betrübt

Bipolare Störungen gehören laut der Weltgesundheitsorganisation zu den zehn Krankheiten, die weltweit am meisten zu dauerhafter Beeinträchtigung führen. Betroffene weisen ein erhöhtes Suizidrisiko auf, ebenso Borderline-Patienten.

Die Symptome gerade bei der Borderline-Störung können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, sagt Kathrin Krimm, Psychologin und Leiterin der psychologischen Abteilung im Bezirkskrankenhaus Lohr. Als zentrales Merkmal bei Borderline nennt sie ein tiefgreifendes Gefühl von Einsamkeit: »Die Betroffenen erleben sich meist schon in ihrer Kindheit und Jugend als >anders

Für das Gros der Betroffenen sei ein Interaktionsmuster typisch, das Therapeuten oft vor eine große Herausforderung stellt, so Krimm: »Wir werden meist zunächst idealisiert, im nächsten Atemzug kann dann die komplette Entwertung unserer Person erfolgen.«

Eine Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) - ein in Einzeltherapie, Telefonberatung, Fertigkeitentraining und Supervision gegliedertes Behandlungskonzept - kann Borderline-Patienten sehr gut helfen, so das Fazit aus Julia Ehlerts bisherigen Erfahrungen. Die Psychotherapeutin bietet eine Kombination aus wöchentlicher Einzeltherapie und einer ebenfalls wöchentlich stattfindenden, begleitenden Skillsgruppe an. Die meisten ihrer Borderline-Patienten sind mindestens ein Jahr in Therapie: »Erste Verbesserungen sollten sich aber schon deutlich früher einstellen, bereits zu Beginn der psychotherapeutischen Behandlung.«

Im Vergleich zu Menschen, die an anderen psychischen Erkrankungen leiden, fordern Borderline-Patienten wegen ihrer emotionalen Instabilität sehr stark. Davon weiß auch Eva Forst, Leiterin des Betreuten Wohnens der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Aschaffenburg, zu berichten. Bei der Awo gibt es eine eigene Wohngemeinschaft, in der vorwiegend junge Borderline-Patientinnen für ein bis zwei Jahre aufgenommen werden. Dass diese Frauen Beziehungen sofort in Frage stellen, sobald eine winzige Kleinigkeit nicht passt, kann Forst bestätigen. Beziehungsarbeit sei deshalb das A und O in der sozialpädagogischen Begleitung der jungen Frauen.

Eva Forst, die früher in Hessen tätig war und sich seit 2017 bei der Awo in Aschaffenburg engagiert, signalisiert jeder ihrer Patientinnen: »Ich bin da, wenn du mich brauchst!« Abfuhren interpretiert sie als krankheitstypisch: »Natürlich benötigt man da manchmal schon ein dickes Fell.«

Therapie phasenabhängig

Laut Psychologin Kathrin Krimm profitieren Borderline-Patienten besonders von sehr strukturierten Behandlungskonzepten. Bei Patienten mit einer bipolaren Störung hingegen hänge die Therapie von der jeweiligen Krankheitsphase ab. So müsse eine manische Phase weitgehend abgeklungen sein, bevor man therapeutisch gut arbeiten könne. Christian Gruß ist inzwischen medikamentös so gut eingestellt, dass sich die Phänomene seiner bipolaren Störung verflacht haben. Betroffenen rät er, beim Auftreten erster Anzeichen sofort in eine Klinik zu gehen und sich behandeln zu lassen. Durch den offenen Umgang mit seiner Erkrankung will der 54-Jährige anderen die Angst vor der Psychiatrie nehmen.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!