Donnerstag, 24.06.2021

»Gemeinschaft macht stark«

Theresa Keidel: Geschäftsführerin Selbsthilfekoordination Bayern fordert Anerkennung als systemrelevant

Kommentieren
2 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Diese 1,50 Meter langen Schwimmnudeln hat Theresa Keidel im Gepäck, wenn sie Veranstaltungen für die Selbsthilfe-Szene organisiert: So viel Abstand muss zwischen den einzelnen Teilnehmern sein. Foto: Pat Christ
Foto: Pat Christ
Wer ei­ne chro­ni­sche Krank­heit hat, fin­det oft Halt und Un­ter­stüt­zung beim Aus­tausch mit an­de­ren Be­trof­fe­nen in ei­ner Selb­st?hil­fe­grup­pe. Rund 11 000 Grup­pen zu 900 The­men gibt es al­lein in Bay­ern. Die Fä­den al­ler In­i­tia­ti­ven lau­fen bei The­re­sa Kei­del in Würz­burg zu­sam­men:

Die Sozialpädagogin leitet die seit 2002 in der Residenzstadt etablierte Selbsthilfekoordination Bayern (Seko).

Seit 32 Jahren befasst sich Keidel schon mit dem Thema Selbsthilfe: »1988 fing alles an, als ich eine Stelle im Würzburger Selbsthilfebüro erhielt«, erzählt die 59-Jährige. Heute ist sie überzeugt: »Selbsthilfe ist systemrelevant.« Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da. Wie wichtig Selbsthilfe ist, wird gerade in der Corona-Krise deutlich. Deshalb starteten Münchner Aktivisten eine von Theresa Keidel unterstützte Petition, um Selbsthilfegruppen von der Politik als systemrelevant einordnen zu lassen.

»Wie ein Medikament«

Gerade Menschen, die eine chronische psychische Erkrankung oder ein Suchtproblem haben, litten laut Keidel darunter, dass coronabedingt wochenlang keine Treffen möglich waren.»Im Suchtbereich kam es dadurch zu Rückfällen«, so die Seko-Geschäftsführerin. Teilweise seien ihr Rückfallquoten von 20 Prozent gemeldet worden.

Bei Menschen, die an einer Suchterkrankung leiden, kann selbst nach Jahren der Abstinenz ein Rückfall drohen. »Die Gruppe ist wie ein Medikament für sie, um abstinent zu bleiben«, erläutert Keidel. Eben das macht die Arbeit der Selbsthilfe in ihren Augen genauso systemrelevant wie etwa die Pflege.

Die Nachfrage in der Selbsthilfe zu decken, ist vergleichsweise einfach: Wen immer es drängt, eine neue Gruppe zu eröffnen, kann dies tun. Bayernweit unterstützen Selbsthilfebüros und -kontaktstellen beim Gruppenaufbau und bei der Suche nach Räumen.

»Gemeinschaft macht stark« war von Anfang Theresa Keidels Wahlspruch beim Engagement für die Selbsthilfe. Bereits neben ihrem Studium der Sozialpädagogik engagierte sich die junge Mutter ehrenamtlich in einer Würzburger Eltern-Kind-Initiative.

Durch ihre berufliche Auseinandersetzung mit der Selbsthilfe verstärkte sich ihre Überzeugung, dass gerade Menschen mit gesund?heitlichen oder sozialen Problemen Gemeinschaft brauchen - und dass es dafür Strukturen geben muss. Nicht zuletzt ihr ist es zu verdanken, dass es in Bayern eine Selbsthilfekoordination gibt.

Über die Jahre hat manches Schicksal Keidel tief ergriffen: »Ich lernte ganz wunderbare Leute kennen, die es geschafft haben, sich durch Selbsthilfe aus dem Sumpf zu ziehen.« Fasziniert ist die Sozialarbeiterin auch immer wieder von der Kreativität der Gruppen: So trafen sich manche in den vergangenen Corona-Monaten zum Beispiel unter Autobahnbrücken, um an der frischen Luft die Infektionsgefahr zu reduzieren - und gleichzeitig auch bei Regen trocken zu bleiben. Das Seko-Team selbst geht mit Schwimmnudeln zu Veranstaltungen: »Die sind 1,50 Meter lang und zeigen, wie viel Abstand eingehalten werden muss.«

Spannend sei auch, dass immer wieder andere Themen in den Vordergrund treten: »In den 1990er Jahren wurden viele Gruppen zu Essstörungen gegründet«, berichtet Keidel. Die vergangenen Jahre waren davon geprägt, dass sich vermehrt jüngere Menschen zusammenschlossen: »Sie vermeiden allerdings oft das Wort ›Selbsthilfe‹, sondern nennen sich ›Initiative‹, ›Forum‹ oder zum Beispiel ›Junge Rheumis‹.« Wichtig bleibe ihnen - unabhängig vom »Label« - der Austausch und die Gemeinschaft. Denn beides helfe, den Alltag besser zu bewältigen, mache Mut und wecke Zuversicht.

Zur Person

Theresa Keidel (59) studierte an der Würzburger Fachhochschule Sozialpädagogik. Später bildete sie sich zur Entspannungspädagogin und Humortrainerin fort. Anfang 2011 schloss sie eine Coach-Ausbildung ab.

Ihr Engagement für die Selbsthilfe begann 1988. Da?mals stieg sie in das Würzburger Projekt »IKOS - Informations- und Kontaktstelle für Mitarbeit und Selbsthilfe« ein. Daraus ging später das Würzburger Selbsthilfebüro hervor, das sich heute Aktivbüro nennt.

Weil Würzburg als Selbsthilfe-Hochburg in Bayern galt, wurde hier 2002, nicht zuletzt dank Keidels Einsatz, die Selbsthilfekoordination Bayern (Seko) etabliert. Von Anfang an und bis heute ist Theresa Keidel Seko-Geschäftsführerin. ()

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!