Es geht oft auch ohne OP

Konservative Behandlung bei Rückenschmerzen in vielen Fällen die bessere Wahl für den Patienten

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Heike Rittner leitet die Schmerztagesklinik am Uniklinikum Würzburg.
Foto: daniel biscan
Arash Moghaddam
Foto: Björn Friedrich
Manch­mal gibt es kei­nen Plan B: Der Arzt muss ope­rie­ren, weil ei­ne Krank­heit sonst sch­lim­mer wür­de. Mit­un­ter wird je­doch vor­sch­nell ope­riert - ge­ra­de bei Rü­cken­sch­mer­zen. »Hier ist ei­ne Ope­ra­ti­on nicht im­mer von Vor­teil«, sagt der Aschaf­fen­bur­ger Chir­urg Arash Mog­h­ad­dam.

Langfristig gesehen kann der chirurgische Eingriff dem Privatarzt zufolge mehr schaden als nutzen. »Es muss ganz genau analysiert werden, ob ein Patient von einer Operation profitiert«, fordert er.

Ein großes Problem besteht laut Moghaddam darin, dass viele niedergelassene Ärzte nicht die Zeit haben, sich intensiv mit ihrem Patienten zu befassen. Doch das sei notwendig, um herauszufinden, woher die Schmerzen im Rücken wirklich kommen. »Manchmal habe ich zum Beispiel Patienten mit Beschwerden in der Halswirbelsäule, die, wie sich herausstellt, von der Schulter herrühren«, erläutert er.

Bei Rückenschmerzen ist oft jede Bewegung eine Tortur. Durch eine Operation bessern sich die Schmerzen zwar zunächst oft. Wird jedoch das Grundproblem nicht angegangen, kann es sein, dass es vier oder fünf Jahre nach dem Eingriff in angrenzenden Wirbelsegmenten zu neuen Problemen kommt, erklärt er. Nach eigenen Angaben hat er schon über tausend Operationen durchgeführt. »Dann beginnt für viele Patienten eine traurige Odyssee auf der Suche nach Hilfe«, so der Gründer und Leiter des Privatärztlichen Zentrums Aschaffenburg, der sowohl chirurgische als auch orthopädische Erfahrung hat.

Die ärztliche Aufklärung, klagen Patienten, lasse mitunter zu wünschen übrig. Das liegt daran, dass Kassenärzte im Durchschnitt nur zehn Minuten Zeit pro Patient haben. Als Privatarzt kann sich Arash Moghaddam mehr Zeit nehmen. Er hat zudem die Ausstattung, um Patienten mit Rückenschmerzen konservativ behandeln zu können: Bei starken Schmerzen injiziert der Mediziner zunächst ein Schmerzmittel. Er zeigt Übungen, mit deren Hilfe Blockaden gelöst werden können. Außerdem bietet er Stoßwellen- und Kälteschocktherapie an. Leiten lässt er sich immer von der Frage: Profitiert der Patient tatsächlich?

Viele Alternativen

»Ein Bandscheibenvorfall heilt in 90 Prozent der Fälle natürlich aus«, sagt der Aschaffenburger Physiotherapeut Sven Schneller. Nur werde die konservative Therapie, bestehend aus Schmerzmedikation, Krankengymnastik und Schmerzedukation, nicht konsequent und lange genug verfolgt. Bei unspezifischen Rückenleiden wie einem Hexenschuss klingen die Schmerzen bei den allermeisten Patienten nach spätestens acht Wochen ab: »Beim Bandscheibenvorfall muss man mit einer Erholungszeit von drei bis sechs Monaten rechnen.«

Bei einer konservativen Behandlung heißt es also, sich mit Geduld zu wappnen. Schmerzen allerdings muss man laut Moghaddam in den Wochen und Monaten der Therapie nicht ertragen: »Ich sorge dafür, dass meine Patienten nach dem ersten Kontakt schmerzfrei aus meiner Praxis herausgehen.« Zu den Behandlungsprinzipien des Arztes gehört es außerdem, den Patienten zunächst klinisch zu untersuchen und dann erst die Bilder aus bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) anzuschauen: »Denn ich will nicht einem Bild hinterherlaufen.«

Häufig würden chirurgische Eingriffe allein aus Basis der Bildgebung empfohlen. Dahinter stecke eine Bilder- und Technikgläubigkeit, die im Falle von Rückenbeschwerden oft nicht zielführend sei: »Denn bei fast allen Patienten über 50 Jahren findet man Veränderungen an der Wirbelsäule.« Hinzu komme, dass chirurgisch und anästhesiologisch immer mehr möglich ist: »Das verleitet dazu, das, was man technisch sehr gut beherrscht, auch häufiger anzuwenden.« Vergessen werde die Frage, ob das Mögliche und Machbare für den Patienten wirklich akut und und langfristig von Vorteil ist.

Zum Teil sind die Eingriffe auch wirtschaftlich begründet, berichten Patientenschützer: Rückenoperationen bringen Geld. Laut der Orthopädischen Gelenkklinik in Gundelfingen liegt Deutschland mit 500 offenen chirurgischen Eingriffen an der Wirbelsäule pro 100.00 Einwohner europaweit mit an der Spitze. Zum Vergleich:In England würden nur 150 Eingriffe pro 100.000 Personen im Jahr durchgeführt.

In Bewegung bleiben

Eine sorgfältige Diagnostik ist das A und O, bestätigt Heike Rittner, die das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) in der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Uniklinikums Würzburg leitet. Wichtig für die meisten Patienten mit unspezifischen Kreuzschmerzen sei es, in Bewegung zu bleiben oder in Bewegung zu kommen. Manchmal brauche es dazu Medikamente und Wärmepflaster. Durch Schulung könne vermittelt werden, welches Maß an Bewegung gut und sinnvoll ist: »Es gibt Patienten, die Sorge vor zu viel Bewegung haben, und andere, die trotz Rückenschmerzen viel zu viel machen.« Das Thema »Wirbelsäulen-OP« ist brisant, findet auch Heike Rittner. Ihrem Kollegen Arash Moghaddam pflichtet sie bei, dass bildgebenden Verfahren oft ein zu großes Gewicht beigemessen wird. Rittner bestätigt, dass man bei 60 Prozent aller Gesunden im MRT Veränderungen an der Wirbelsäule sehen kann: »Was nicht unbedingt bedeutet, dass die Betreffenden Schmerzen haben oder die Veränderungen krankhaft sind.« Stellen sich Patienten mit starken Rückenschmerzen im Zentrum für Schmerztherapie vor, werden sie oft zu den Neurochirurgen des Uniklinikums geschickt, »die jedoch mit OP-Indikationen zurückhaltend sind«.

Auch Rittner sieht in konservativen Methoden wie Physiotherapie eine Chance auf Beschwerdefreiheit. Allerdings ziehen die Patienten nicht immer am selben Strang: »Es ist viel mühsamer, jeden Tag oder zumindest jeden zweiten Tag Rückenübungen zu machen, statt sich operieren zu lassen.« Laut der Medizinerin sollten sich Rückenschmerz-Patienten auch Gedanken machen, wie sie mit Stress umgehen. Also, wie sie Stress im Berufs- und Alltagsleben reduzieren können. Nicht selten müsse außerdem über eine Reduktion des Körpergewichts nachgedacht werden: »Konservative Behandlungen sind sehr häufig möglich, aber sie können auch sehr anstrengend sein.«

Oft arbeitsunfähig

Insgesamt werden in Deutschland im Durchschnitt 38 Millionen Patienten pro Jahr mit Rückenschmerzen behandelt. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) leiden im Laufe eines Jahres 62 Prozent aller Frauen und 56 Prozent aller Männer an Rückenschmerzen. Durch Rückenleiden werden um die 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage verursacht. Rund 80 Prozent aller Rückenschmerz-Patienten sind dem RKI zufolge nach zwei Monaten wieder beschwerdefrei: »Rückenschmerzen haben eine sehr gute spontane Rückbildungstendenz.« Nur bei einem Teil der Patienten komme es zu episodischem Wiederauftreten und manchmal zu einer Chronifizierung.

Endlich wieder schmerzfrei und mit Elan an seine Aufgaben herangehen zu können, wünschen sich alle Rückenpatienten. Vor allem Physiotherapeuten helfen, dieses Ziel zu erreichen. Um seine Patienten zu unterstützen, drehte Sven Schneller Videos, die auf der Videoplattform Youtube aufgerufen werden können. In einem Film geht es auch darum, ob bei Bandscheibenvorfällen tatsächlich operiert werden muss.

Hintergrund

» Es muss ganz genau analysiert werden, ob ein Patient von einer Operation profitiert.«

Arash Moghaddam,Chirurg

Hintergrund

» Konservative Behandlungen sind sehr häufig möglich, aber sie können sehr anstrengend sein.«

Heike Rittner,Leiterin ZiS

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