Dienstag, 22.06.2021

Erst die Blase, dann die Niere

Nierenbeckenentzündung: Rasches Handeln verhindert schwere Verläufe

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Die Nierenbeckenentzündung ist meist eine verschleppte Entzündung der Harnblase.
Foto: Isabell Staab
Flan­ken­sch­mer­zen und star­kes Krank­heits­ge­fühl, das sind die ty­pi­schen Not­si­g­na­le des Kör­pers ei­ner jün­ge­ren Frau bei ei­ner Nie­ren­be­cken­ent­zün­dung. »An­ders schaut es oft bei äl­te­ren Men­schen aus«, sagt Bir­git Reh­bin­der vom Aschaf­fen­bur­ger KfH Ku­ra­to­ri­um für Dia­ly­se und Nie­ren­trans­plan­ta­ti­on.

Senioren hätten oft nur Bauchschmerzen, sie fühlten sich abgeschlagen und müde. Nicht immer komme man dann sofort darauf, dass es sich um eine aufsteigende bakterielle Entzündung des Nierengewebes handelt.

Der Infekt selbst muss so bald wie möglich behandelt werden. »Selbst bei einer einfachen Nierenbeckenentzündung ist eine ein- bis zweiwöchige ambulante Therapie mit Antibiotika zwingend«, betont Rehbinder. In sehr kritischen Fällen drohen sonst - je nach Prädisposition (Krankheitsanfälligkeit) und Begleiterkrankungen - Schock und Blutvergiftung. Die Betroffenen müssten dann oft auf der Intensivstation behandelt werden: »Die Sache kann einen sehr komplizierten Verlauf nehmen.«

Schuld an der Infektion ist meist ein Kolibakterium, das, obwohl es in der Regel harmlos ist, im Harnsystem zu massiven Beschwerden führen kann: Escherichia coli. »Nahezu 90 Prozent der Nierenbeckenentzündungen werden dadurch verursacht«, erklärt Sebastian Rogenhofer, Chefarzt der Klinik für Urologie des Klinikums Aschaffenburg-Alzenau. Der eingebürgerte Ausdruck »Nierenbeckenentzündung« sei im Übrigen medizinisch nicht ganz korrekt, »da ja eigentlich die gesamte Niere entzündet ist«. Das Wort hebe auf den Ursprung der Entzündung an: Die Bakterien wandern den Harnleiter hoch in die Blase und von dort ins Nierenbecken hinein, wo sie das Nierengewebe infizieren.

Schnellstens behandeln

Meist ist ein leidiges Problem, mit dem vor allem junge Frauen zu kämpfen haben, der Grund für die Infektion. »Die Nierenbeckenentzündung ist fast immer eine verschleppte Entzündung der Harnblase«, erklärt Rogenhofer. Eben die wird in erster Linie durch Escherichia coli ausgelöst. Sind die Bakterien erst einmal in der Niere, können sie von dort - da die Niere sehr gut durchblutet ist - leicht im Körper verteilt werden. »Dies zeigt sich darin, dass eine Nierenbeckenentzündung fast immer mit generalisierten Beschwerden wie Schwächegefühl und Fieber einhergeht«, so der Urologe. Blasenentzündungen hingegen würden von vielen Menschen gar nicht bemerkt.

Treten Blasenentzündungen in periodischen Abständen auf, kann möglicherweise ein individuell passendes, homöopathisches Arzneimittel helfen, sagt Heilpraktikerin Christine Heckmann aus Mainaschaff (Kreis Aschaffenburg). »Eine akute Nierenbeckenentzündung hingegen, ja allein der Verdacht darauf, sollte zwingend schulmedizinisch behandelt werden, und zwar schnellstmöglich«, warnt auch sie. Die Pyelonephritis, wie die Nierenbeckenentzündung im Fachjargon heißt, stelle einen Notfall dar. »Und nachdem in den meisten Fällen die Ursache in einer aufsteigenden bakteriellen Entzündung der Harnwege liegt, ist eine Antibiotikabehandlung tatsächlich immer notwendig«, so Heckmann.

Dass es sehr wichtig ist, einen Arzt zu konsultieren, bestätigt auch Frank Schiefelbein, Chefarzt der Urologie in der Würzburger Missio-Klinik: »Unbehandelt kann eine Nierenbeckenentzündung mit Nierenversagen oder einer Blutvergiftung einhergehen.« Aufgrund der kurzen Harnröhre sind Frauen nach seiner Aussage häufiger betroffen als Männer. Im Alter gleiche sich dies etwas aus. Das liegt daran, dass die Prostata älterer Männer häufiger vergrößert ist, woraus Harnabflussstörungen der Harnblase resultieren können. Dies wiederum könne einen aufsteigenden Infekt im Sinne einer Nierenbeckenentzündung begünstigen.

Risikofaktoren

Die Pyelonephritis gehört zu jenen Leiden, die Menschen quer durch alle Schichten und quer durch alle Altersgruppen betrifft, wobei es besondere Risikofaktoren gibt. Bei jungen Frauen, die öfter ihren Partner wechseln, können laut Birgit Rehbinder sogenannte Flitterwochen-Blasenentzündungen auftreten. Diese wiederum können eine Nierenbeckenentzündung begünstigen. Auch ein Harnrückfluss von der Blase in Richtung Niere aufgrund eines nicht funktionstüchtigen Ventilmechanismus der Einmündung des Harnleiters in die Harnblase kann laut Frank Schiefelbein ein Risikofaktor sein.

Unterscheiden können sich die Symptome, je nachdem, ob die Nierenbeckenentzündung akut oder chronisch ist. »Bei einer chronischen Entzündung können unklare Rückenschmerzen, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit im Vordergrund stehen«, so Schiefelbein. Besteht zugleich ein Harnwegsinfekt, sind oft Brennen beim Wasserlassen, häufiges Wasserlassen und diffuser Unterbauchschmerz symptomatisch. Eine chronische Nierenbeckenentzündung verursache nicht selten länger keine Beschwerden. Doch auch der »stumme Verlauf« könne zu einem Verlust der Organfunktion führen.

Blutwerte erlauben Rückschlüsse auf eine mögliche Nierenbeckenentzündung, so Birgit Rehbinder. »In der Regel sind die Entzündungswerte erhöht«, erklärt die Nephrologin. Sinnvoll ist, auch den Urin untersuchen zu lassen, ob sich ein Infekt feststellen lässt. Fieber hingegen tritt im akuten Fall nicht unbedingt auf. Auch kommt es nicht unbedingt zum Brennen beim Wasserlassen.

Mitunter wird gefragt, inwiefern eine Schwangerschaft verantwortlich für eine Pyelonephritis sein kann. Laut Frank Schiefelbein stellen Schwangerschaften in der Tat einen gewissen Risikofaktor dar. Daneben begünstigen Nierensteine Pyelonephriten. Auch Harnblasensteine sowie die Harnableitung durch einen Blasenkatheter gelten als Risikofaktoren. Schließlich neigen Menschen mit einer Stoffwechselerkrankung, zum Beispiel Diabetes mellitus, eher zu Nierenbeckenentzündungen. Diabetes wiederum könne, wie andere Erkrankungen, die die Immunabwehr schwächen, Komplikationen der Nierenbeckenentzündung wie die Bildung eines Nierenabszesses begünstigen.

Ursachen klären

Um die jeweils richtige therapeutische Strategie anwenden zu können, ist es laut Schiefelbein wichtig, die genaue Ursache für die Nierenbeckenentzündung zu klären. Bei einer Harnabflussstörung im Harnleiter könne eine Harnleiterschienung erforderlich sein. Bei einer Harnblasenentleerungsstörung kann die Harnableitung durch einen Katheter notwendig werden. »Bei hohem Fieber ist eine stationäre Behandlung erforderlich«, so der Chefarzt. Hier könnten zusätzlich fiebersenkende Mittel eingesetzt und eine Infusionstherapie eingeleitet werden, um die Nierenfunktion zu sichern.

Gibt es einen Hinweis dafür, dass eine anatomische Besonderheit vorliegt, sollte diese behandelt werden, um chronische Nierenbeckenentzündungen vorzubeugen, sagt auch Birgit Rehbinder: »Ansonsten ist eine sorgfältige Genitalhygiene das A und O.« Für Diabetiker ist die beste Prävention eine gute Einstellung des Blutzuckers. Fließt Urin wegen eines nicht gut funktionierenden Ventilmechanismus schnell von der Blase in die Niere, könne zur Prävention der Pyelonephritis über eine Neueinpflanzung des Harnleiters nachgedacht werden. Wer schon einmal eine Blasenentzündung hatte, sollte auf eine ausreichende Trinkmenge achten.

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