Donnerstag, 24.06.2021

»Der schönste Beruf, den es gibt«

Alexander Beck: Würzburger Chirurg fährt seit 30 Jahren an Wochenenden Notarzteinsätze

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Notarzt Alexander Beck. Foto: Mario Schmitt
Foto: Mario Schmitt
Dass Alex­an­der Beck seit sei­ner früh­es­ten Kind­heit nie et­was an­de­res als Arzt wer­den woll­te, liegt zum Teil an der Fa­mi­li­entra­di­ti­on: 1926 er­öff­ne­te sein Großva­ter, Eber­hard Beck, in Augs­burg die ers­te Rönt­gen­pra­xis Schwa­bens, auch der Va­ter wur­de Ra­dio­lo­ge. Aus die­sen Fuß­stap­fen scher­te Beck aus:

»Wäre vor meinem Vater jemand mit Herzstillstand umgefallen und hätte reanimiert werden müssen, hätte es ihn als Radiologen wohl überfordert.« Es überwog der Wunsch, bei aller Spezialisierung vor allem in Notsituationen helfen zu können.

Und so arbeitet der 55-Jährige nicht nur fünf Tage die Woche als Chefarzt der Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Würzburg Mitte, sondern fährt zudem seit 30 Jahren, meistens an Wochenenden, Notarzteinsätze in Würzburg und seiner alten Heimat Augsburg. Seit Herbst 2017 vertritt er als Vorsitzender der »Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte« (AGBN) die Interessen seiner Kollegen. Wie das auf Dauer durchzuhalten ist? Beck lacht: »Der menschliche Körper ist sehr belastungsfähig.«

Mehr als 10 000 Einsätze

Wie vielen Menschen der Wahl-Würzburger über die Jahre das Leben gerettet hat, kann er nicht sagen, weit mehr als 10 000 Einsätze sei er gefahren. Nicht bei jedem rette man Leben, »aber jedes Leben, das gerettet wurde, ist es wert, den Beruf auszuüben«, betont Beck. Doch Notarztalltag besteht nicht nur aus schwersten Verletzungen. Zu den häufigsten Krankheitsbildern gehören Herzrhythmusstörungen, hoher Blutdruck, Schlaganfall oder Asthma. Hin und wieder kommen Reanimationen und unfallchirurgische Einsätze dazu. An einem Wochenende in Augsburg sei er vor Kurzem in 24 Stunden 21 Einsätze gefahren inklusive Messerstecherei mit fünf Schwerstverletzten und einem Toten.

Der Notarztberuf an sich habe sich nicht allzu sehr verändert, findet Beck. »Den Herzinfarkt gab es vor 30 Jahren und gibt es heute noch.« Allerdings sei früher die Wertschätzung gegenüber Rettungskräften gefühlt höher gewesen. »Heute kommt es schon einmal vor, dass ich angespuckt werde.« Und gerade bei Wochenendeinsätzen sei tätliche Gewalt nicht selten. Da spielten Enthemmtheit durch Alkohol und Drogen eine Rolle, Beck beobachtet aber auch eine gewisse Verrohung der Gesellschaft, einhergehend mit erhöhter Gewaltbereitschaft. Und dennoch: »Zweifel an meiner Arbeit gab es für mich nie und wird es auch hoffentlich niemals geben. Das ist für mich nach wie vor der schönste Beruf, den es gibt. Ich könnte mir keinen anderen vorstellen.« Auch weil es persönliche Befriedigung gebe, richtig zu agieren und helfen zu können.

Nicht vergessen wird der Notarzt in diesem Zusammenhang einen Schwimmwettkampf, bei dem er vor vielen Jahren mit seinem Sohn war. Ein 14-jähriger Teilnehmer ertrank beim Ausschwimmen, Beck gelang es, ihn wiederzubeleben. »Ich war privat da, aber so wie es halt immer ist, hatte ich meinen Notfallkoffer im Auto liegen.« Monate später rief der Jugendliche an, um sich zu bedanken.

Ehrenamtlich betreut Beck als DSV-Teamarzt Freiwasserschwimmen die Nationalmannschaft. Zudem vertritt er Bayerns knapp 3700 Notärzte in berufspolitischen Fragen. Beck und der in Würzburg niedergelassene Anästhesist Thomas Jarausch teilen sich den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte als Doppelspitze.

Dauerbrenner ist die flächendeckende Notarztversorgung, vor allem in ländlichen Regionen. Die AGBN steht im Kontakt und Austausch mit dem Rettungsdienstausschuss, dem Innenministerium und der Kassenärztlichen Vereinigung. Aktuell könnten vor allem die häufig frequentierten Standorte gut besetzt werden.

Augen nicht verschließen

Trotzdem warnt Beck davor, die Augen vor der Zukunft zu verschließen: In ländlichen Regionen gebe es Standorte mit nur ein oder zwei Einsätzen pro 24-Stunden-Schicht. Hier werde man früher oder später strukturelle Änderungen akzeptieren müssen, um die Notarztversorgung weiter zu gewährleisten, indem etwa aus vier Standorten drei werden. Auch um Notärzten überhaupt ein rentables Arbeiten zu ermöglichen, denn bezahlt wird eine Kombination aus Bereitschafts- und Einsatzpauschale.

Damit einhergehend steht das Thema Notarztnachwuchs im Raum: Wie lässt sich dieser generieren? »Wir können letztendlich nur begeistern, indem wir jüngeren Generationen vorleben, dass Notarzt eine tolle Arbeit ist. Die Empathie, die wir für den Beruf empfinden, müssen wir weitergeben«, ist Beck überzeugt. Das beginne damit, Medizinstudenten einzuladen, als Praktikanten Einsätze mitzufahren.

Weitaus entspannter blickt Beck indes aufs Thema SARS-CoV2 - auch nach eigenen ersten Corona-Einsätzen in Würzburg. Er rechnet nicht damit, dass hierzulande Kapazitätsgrenzen überschritten werden. Wie sieht der Umgang mit Corona-Patienten im Notarztalltag aus? Kommt ein Einsatz rein, wird abgefragt, ob Verdacht auf Corona bestehe. Im Ernstfall trägt das Team vor Ort dann die nötige Schutzkleidung inklusive FFP2-Masken. Das Verfahren sei letztendlich kein anderes als bei anderen infektiösen Patienten, betont der 55-Jährige. Bei Influenza gehe man ähnlich vor.

Wichtig ist dem Mediziner, klarzustellen: »Neben Covid 19 gibt es auch noch andere wichtige Erkrankungen - vom Tumor bis zur Schenkelhalsfraktur.« Er fordert deshalb, das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. In der Ärzteschaft sei dies völlig unstrittig - in Nichtmediziner-Köpfen sei es nicht überall angekommen.

Zur Person

Alexander Beck (55) ist Chefarzt der Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie am Klinikum Würzburg Mitte. Er studierte an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Auslandsaufenthalte führten ihn unter anderem nach Zürich, Wien, Kapstadt und zum Royal Flying Doctor Service of Australia. Als ermächtigter Notarzt, Verlegungsarzt und Leitender Notarzt ist er in den Rettungsdienstbereichen Augsburg und Würzburg aktiv.

Beck ist zudem unter anderem Mitglied im Vorstand des Berufsverbands der Orthopäden und Unfallchirurgen (BVOU), im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), im Gesamtvorstand der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) sowie in der Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik (AE). Der gebürtige Augsburger lebt in Würzburg, ist verheiratet und hat drei Kinder. ()

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