Dienstag, 22.06.2021

Der Feind im eigenen Bett

Hausstaub- und Tierallergien:Frühzeitige Behandlung verhindert »allergischen Marsch«

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Für Allergiker ist das Schmusen mit der Katze kaum ohne Beschwerden möglich. Foto: undefined undefined/Getty images
Foto: undefined undefined/Getty images
Nachts ist die Na­se ver­stopft, am Mor­gen pla­gen Nie­s­at­ta­cken. Zu­dem sind die Sch­leim­häu­te an­fäl­li­ger für In­fek­te: Tat­säch­lich bleibt bei an­fangs recht un­spe­zi­fi­schen Symp­to­men ei­ne Haus­stau­ball­er­gie nicht sel­ten zu­nächst un­er­kannt.

Dabei ist - wie auch bei einer Tierhaarallergie - eine frühzeitige Behandlung sinnvoll, Mediziner verweisen auf den »allergischen Marsch«. Das bedeutet, die Erkrankung verschlimmert sich unbehandelt stetig und der Patient durchläuft eine regelrechte »Allergiekarriere«.

Entzündete Schleimhäute

»Durch die Allergie entzünden sich die Schleimhäute der Atemwege, dadurch entstehen an der Nasenschleimhaut Schäden. Das kann dann zu einer verstärkten bronchialen Überempfindlichkeit führen«, erläutert Mathias Rolke, Pneumologe und Allergologe in einer Aschaffenburger Gemeinschaftspraxis. Auf die verstopfte Nase könnten Asthma, Neurodermitis oder auch eine Nahrungsmittelallergie folgen. Und das ist nicht der einzige Grund, weshalb auch Holger Klein, niedergelassener Pneumologe in Mainschaff (Kreis Aschaffenburg), zum frühzeitigen Handeln rät. Studien hätten gezeigt, dass Kinder mit einer Allergie in der Schule im Schnitt eine Note schlechter im Abitur abschneiden als ihre Mitschüler. »Der Schlaf, die Konzentration und die Lebensqualität leiden bei einer Allergie«, sagt der 44-jährige Facharzt.

Auslöser der aller?gischen Reaktionen ist nicht der Hausstaub selbst, vielmehr befinden sich die Aller?gene - also die Stoffe, die Überempfindlichkeitsreaktionen hervorrufen - im Kot der Hausstaubmilbe. Milben kommen in fast jedem Haushalt vor, und zwar nicht nur im Bett, sondern etwa auch auf der Couch, unterm Kleiderständer oder im Auto. Denn Milben sind Nahrungs-spezialisten: Sie ernähren sich von menschlichen Hautschuppen. Besonders wohl fühlen sie sich in feucht-warmem Klima.

Auch bei einer Tierhaar?allergie sind es nicht die Haare an sich, die Reaktionen auslösen. Die Allergene befinden sich unter anderem im Speichel, Kot und Urin der Tiere. Diese Partikel haften an den Tierhaaren und verteilen sich so in der Umgebung. Es ist also richtiger, von einer Tierallergie zu sprechen.

»Kein allergiefreies Tier«

Vor allem auf Katzen reagieren Allergiker oft besonders heftig. Doch auch Hunde, Schlangen, Vögel, Geckos, Pferde oder Rinder können der Grund für Allergien sein. »Es gibt kein allergiefreies Tier«, sagt Klein.

Sollten Eltern gefährdete Kinder also von Tieren generell fernhalten? Nicht unbedingt. »Wir wissen inzwischen, dass sich bei kleinen Kindern eine Hundehaltung eher positiv auf den Allergenstatus auswirkt«, sagt Pneumologe Klein. Mit anderen Worten: Eine frühe Exposition kann sogar vorteilhaft sein. Allerdings gilt dies zwar für die Hundehaltung, greift aber nicht bei einer Katzenallergie.

Diagnostiziert und behandelt werden Hausstaubmilben- und Tierallergien laut Klein recht ähnlich. Auf eine gründliche Anamnese (medizinische Vorgeschichte des Patienten) folgt der sogenannte Prick-Test. Dabei werden verschiedene Allergene auf die Innenseite des Unterarms getropft und die Haut wird oberflächlich eingestochen. Bei einer Allergie reagiert der Patient nach einer gewissen Zeit mit Rötung der Haut, Juckreiz oder Quaddelbildung.

Bei Atembeschwerden wird die Lunge abgehört und untersucht, vor allem auch bei Nahrungsmittelallergien wird zudem Blut abgenommen. Bei einer Milbenallergie empfiehlt Klein zudem unter Umständen einen nasalen Test, bei dem ein Nasenspray mit dem Allergen gegebenenfalls unmittelbare Reaktionen auslöst.

»Politisches Problem«

Behandelt werden Allergien üblicherweise mit Antihista?minika. Diese Medikamente unterdrücken die Symptome, schwächen sie ab oder beugen ihnen vor. Eingenommen werden sie täglich. Von einem politischen Problem spricht Facharzt Klein, weil viele dieser Präparate von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen werden.

Als wirksam (und krankenkassenfinanziert) erweist sich in bestimmten Fällen zudem eine in der Regel dreijährige Spezifische Immuntherapie. Dabei werden dem Patienten die entsprechenden Allergene in stetig steigender Konzentration verabreicht. »Die Fähigkeit des Immunsystems wird ausgenutzt, um eine Toleranz zu erzeugen«, erläutert der Facharzt. Mit Blick auf Milben spricht Klein von einer Ansprechrate von 70 Prozent. Erkältungen würden seltener, die Ausweitung auf weitere Allergien unwahrscheinlicher. Bei Tierallergikern ist die Ansprechrate niedriger, bei bislang recht hohen Nebenwirkungen. Bei Insektengift liegt sie indes bei 95 Prozent.

Die Behandlung mit Medikamenten ist aber nur ein Teil der Therapie. Vor allem geht es auch darum, Allergieauslöser aus dem Alltag zu verbannen. Bei einer Tierhaarallergie kann dies bedeuten, sich vom Tier zu trennen. Kommt dies nicht in Frage, sollte es zumindest keinen Zugang zum Schlafraum erhalten.

Bei einer Hausstaub?allergie empfehlen die Pneumologen Klein und Rolke einen ganzen Maßnahmenkatalog, um die Milbenlast zu reduzieren: Sinnvoll sei ein neues Kopfkissen, am besten mit waschmaschinentauglicher Kunststoffflockenfüllung. Eventuell sollte eine neue Matratze inklusive Spezialüberzug aus milbenundurchlässigem Material angeschafft werden, letzterer wird im Normalfall von Krankenkassen bezahlt.

Beim Bettwäschekauf sollten Allergiker auf das »Nomite«-Siegel achten sowie darauf, dass diese bei 60 Grad waschbar ist. Problematisch sind Langflorteppiche, am besten geeignet sind feucht wischbare Böden. Zudem sollte der Staubsauger mit einem Hepa-Filter ausgestattet sein, um die Luft auch von mikroskopisch kleinen Stoffen zu befreien. Wird ein Zimmer gerade gesaugt, sollten Allergiker dieses in dieser Zeit verlassen.

Weiter hilft regelmäßiges Stoßlüften, um ein milbenfreundliches, feucht-warmes Klima zu verhindern. Mit dem sogenannten Acarextest lässt sich der heimische Milbenanteil messen. Auch gibt es chemische Mittel, um Milben zu töten. Damit verbleibt zwar der Kot der Milben im Raum, aber sie vermehren sich nicht weiter.

Bewusste Ernährung

Was Wissenschaftler inzwischen herausgefunden haben: Der genetische Faktor spielt bei Allergien eine sehr große Rolle. Wer also selbst Allergiker ist, sollte an seine Kinder und eine präventive Behandlung denken. »Früher riet man zum Vermeiden, heute rät man zur frühen Konfrontation mit den Allergenen, am besten schon als Embryo«, sagt Klein.

Helfen kann laut dem Mediziner auch eine bewusste Ernährung - mit viel Fisch, Gemüse und einem hohen Ballaststoffanteil.

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