Mittwoch, 23.06.2021

Damit das Studium nicht krank macht

Initiative »Blaupause«: Würzburger Lokalgruppe engagiert sich für psychische Gesundheit von Studierenden

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Felix Hornauer und Viktoria Kastner engagieren sich in Würzburg in der studentischen Initiative »Blaupause«.
Foto: Pat Christ
End­lich in der Ko­je lie­gen, die Au­gen sch­lie­ßen, auf den Schlaf war­ten. Aber der will trotz un­glaub­li­cher Mü­dig­keit nicht kom­men. Die Ge­dan­ken fah­ren Ka­rus­sell, dre­hen sich um die nächs­te Klau­sur, das be­vor­ste­hen­de Exa­men und die Fra­ge: Schaff ich das? Und was, wenn ich all das nicht schaf­fe?

»Solche Schlafstörungen können ein Frühwarnzeichen für seelische Probleme sein«, sagt Viktoria Kastner, Würzburger Medizinstudentin und Mitglied der studentischen Initiative »Blaupause«.

Aus dem Gleichgewicht

Wer vom Arztberuf träumt, muss sich auf einen alles andere als einfachen Weg machen, um sein Ziel zu erreichen. Das Studium ist extrem fordernd, bestätigt Kastner. Immense Stoffmengen müssen gepaukt werden. Kommen zu den Vorlesungen, Praktika, Prüfungen und Famulaturen (viermonatiges Praktikum mit vorgeschriebenen Stationen) auch noch Nebenjobs, weil das Bafög nicht reicht, kann der Stress ein Maß annehmen, das krank macht.

Der deutschlandweite Verein »Blaupause«, der seit Herbst 2018 eine Lokalgruppe in Würzburg hat, macht darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, auf die eigene mentale Gesundheit zu achten. Und was man tun kann, wenn die Psyche aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Studierende, die gar kein Land mehr sehen, beginnen mitunter, darüber nachzudenken, ob sich für sie das Leben überhaupt noch lohnt. Suizidgedanken unter Studierenden sind keineswegs selten. So veröffentlichte das »Ärzteblatt« vor vier Jahren die Ergebnisse einer amerikanischen Metaanalyse, nach der sich jeder zehnte Studierende im Laufe des Studiums mit dem Gedanken an Suizid beschäftigt. Dass solche Analysen nicht aus der Luft gegriffen sind, bestätigt auch Kastner: »Vor drei Jahren hat sich bei uns eine Medizinstudentin das Leben genommen.« Daraufhin begann Kastner, sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen.

Neben ihrem Studium investiert sie viel Zeit in die Aufklärung über psychische Erkrankungen: »Sicher um die drei bis vier Stunden pro Woche.« Zunächst tat sie dies in der studentischen »Initiative gegen Depression«, die vor drei Jahren entstand. Vor zwei Jahren kam dann der Anschluss an den Verein »Blaupause - Initiative für mentale Gesundheit im Gesundheitswesen«.

Im März 2018 wurde diese Organisation von der Medizinstudentin Katharina Eyme in Berlin gegründet. In der Würzburger Lokalgruppe engagieren sich rund 20 Studierende. Die meisten studieren Humanmedizin: »Wir haben aber auch Studierende der Psychologie, der Zahn- und der Biomedizin.«

Auch Medizinstudent Felix Hornauer ließ sich mobilisieren. Der 28-Jährige aus Wangen im Allgäu wurde aufgrund einer Famulatur in der Psychiatrie bei »Blaupause« aktiv. »Ich lernte Patienten kennen, bei denen klar war, dass sie sehr viel früher Hilfe gebraucht hätten«, sagt er. Weil viele Menschen trotz gravierender psychischer Erkrankungen erst spät in die Klinik kommen, sei es für die Ärzte schwierig, zu helfen: »Und für die Patienten bedeutet das lange Warten viel Leid.« Hornauer erfuhr durch seine Famulatur, dass zahlreiche Menschen noch immer nicht wissen, wann sie Hilfe suchen sollen - und wo es frühe Hilfe bei psychischen Problemen gibt.

Viele Studierende versuchen, sich im Studium hervorzutun. Sie möchten etwas Besonderes leisten, um aus der Masse ihrer Kommilitonen herauszustechen. Auf diese Weise setzen sie sich unter unglaublichen Druck. Viktoria Kastner kennt Studierende, die neben dem Studium kaum noch etwas anderes machen. Doch das sei nicht gut, warnen die »Blaupause«-Mitglieder. Es brauche den Ausgleich zum Studium. Und es sei wichtig, selbst in stressigen Phasen Hobbys zu pflegen. »Für mich selbst zum Beispiel ist Sport, aber auch Kochen und Backen ein guter Ausgleich zum Lernen«, erzählt Kastner.

Die Vereinsmitglieder sind ständig bemüht, neue Erkenntnisse über psychische Erkrankungen zu gewinnen, um auf die Fragen, die Studierende ihnen stellen, qualifiziert antworten zu können.

Stark belastet

Dass Dauerstress im Studium Gift ist, wurde inzwischen mehrfach wissenschaftlich belegt. Aufsehen erregte 2017 die Untersuchung »Studieren(de) als Herausforderung. Psychische Probleme Studierender und deren Behandlung« von Günter Reich und Manfred Cierpka. Die beiden Wissenschaftler fanden heraus, dass die Zahl der Erstgespräche der psychotherapeutischen Ambulanz in Göttingen für Studierende im Zeitraum von 2010 bis 2015 um 30 Prozent anstieg. 20 bis 25 Prozent aller Studierenden wiesen laut der Studie ausgeprägte Symptome auf, die auf psychische Belastungen zurückzuführen seien.

Sich einer Operation zu unterziehen, sei für viele Menschen heute immer noch leichter, als sich in psychologische oder psychiatrische Behandlung zu begeben, bedauert Felix Hornauer.

Immer noch ein Stigma

Das Stigma »psychisch krank« bröckele zwar, sei aber längst noch nicht aufgelöst - obwohl so viele Menschen betroffen seien. In Vorträgen weisen die Mitglieder von »Blaupause« ihre Kommilitonen darauf hin, welche Möglichkeiten es in Würzburg gibt, sich niedrigschwellig Hilfe zu holen. So bieten etwa Psychologie- und Pädagogikstudenten in der Evangelischen Studentengemeinde psychologische Beratung an. Eine ähnliche Initiative gibt es bei der Katholischen Studentengemeinde.

Hier kann man etwa um Rat fragen, wenn man nicht weiß, wie man mit der überbordenden Prüfungsangst umgehen soll. Außerdem werden Kurse angeboten, in denen Studierende Meditation oder Entspannungsverfahren kennenlernen. Letzteres, sagt Hornauer, ist wichtig, um Burn-out oder Depression vorzubeugen. Er selbst hat begonnen, Yoga zu praktizieren. Außerdem ist er von der Methode der »achtsamkeitsbasierten Stressreduktion« überzeugt.

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