Dienstag, 22.06.2021

»Bewegung bedeutet Prävention«

Franz Jakob: Würzburger Forscher über die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit

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Franz Jakob. Foto: Gertraud Jakob
Foto: Gertraud Jakob
Die Würz­bur­ger Or­tho­pä­d­ie gilt als ei­ne der äl­tes­ten in Eu­ro­pa und brach­te be­deu­ten­de Per­sön­lich­kei­ten her­vor: Bern­hard Hei­ne et­wa, Er­fin­der der ers­ten Kno­chen­sä­ge, so­wie ers­ter Pro­fes­sor für Or­tho­pä­d­ie an der Ju­li­us-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Würz­burg (JMU).

Als im Sommer 2019 das an der Orthopädischen Klinik König-Ludwig-Haus angesiedelte Bernhard-Heine-Centrum für Bewegungsforschung aus der Taufe gehoben wurde, besann man sich auf die Orthopädiegeschichte der Stadt. Franz Jakob, einer der Direktoren des Centrums und Seniorprofessor für Regenerationsforschung an der JMU, sprach mit unserem Medienhaus über die Bedeutung von Bewegung.

Das Bernhard-Heine-Centrum wurde mit dem Ziel gegründet, Konzepte zur Beweglichkeits-Förderung zu entwickeln. Wo?ran wird derzeit gearbeitet?

Aus einem bayerischen Forschungsprojekt heraus etwa daran, wie wir die Interaktion zwischen Muskulatur und Knochen beschreiben können. Zusammen mit Erlanger Kollegen haben wir am Phänomen der Verfettung der Muskulatur geforscht und wollen dies noch aufs Knochenmark ausdehnen. Gewebeverfettung ist immer ein Symptom dafür, dass etwas nicht stimmt und man das entsprechende Gewebe zu wenig nutzt.

Die Erlanger Kollegen haben eine Methode entwickelt, wie man dies im Kernspintomogramm von Muskulatur quantifizieren kann. Wir sehen hier, dass bei vielen Älteren, die Probleme am Rücken haben, die Muskulatur neben der Wirbelsäule stark mit Fett oder Bindegewebe durchsetzt ist. Dadurch regeneriert sich die Muskulatur nicht, denn das Fettgewebe hat ein gewisses chronisches Entzündungspotenzial, was die Regeneration beeinträchtigt. Das treibt Alterungsprozesse voran.

Kann man dann noch etwas tun? Oder ist es zu spät, wenn die Muskulatur einmal verfettet ist?

Genau diese Frage haben wir uns gestellt und eine Studie gemacht mit jüngeren Männern. Bei ihnen wurde das Fett in der Oberschenkelmuskulatur gemessen, anschließend hatten sie sechs Monate zweimal pro Woche einen intensiven Trainingstermin. Wir stellten fest, dass in der Trainingsgruppe etwa 16 Prozent ihres intramuskulären Fettgehalts »wegtrainiert« werden konnten. Als nächstes wollen wir sehen, ob sich Fettgewebe auch noch wegtrainieren lässt, wenn es bei älteren Menschen bereits länger besteht. Das wissen wir derzeit noch nicht.

Was passiert eigentlich mit unserem Körper, wenn wir uns bewegen?

Bewegung wird von der Muskulatur initiiert. Die Kraft, die dabei aufgewendet werden muss, hat zwei Komponenten: zum einen die Kraft, die durch die Schwerkraft entsteht, zum anderen die zwischen den Gelenken ausgeübte Kraft. Das ist eine Anforderung ans Gewebe - und gibt es ein Problem, muss es sich anpassen. Adaptation, so der Fachbegriff für Anpassung, ist ein grundlegendes Prinzip des Lebens. Trainiere ich den Bizeps, wird er größer und stärker, weil er mehr leisten muss. Dieses Adaptationsprinzip gilt für Muskeln, Knochen und viele weitere Körperfunktionen inklusive der geistigen Leistungsfähigkeit. Wir wissen, dass Menschen, die sich bewegen, kognitives Training machen - allerdings wissen wir hier noch zu wenig Messbares und wollen intensiver mit den Neurowissenschaftlern zusammenarbeiten.

Warum ist Bewegung so wichtig für die Gesundheit?

Sie hält den Körper so in Form, dass er den täglichen Anforderungen bis ins hohe Alter genügen kann. Bis auf einen manchmal auch größeren Rest von vererblicher Disposition bedeutet Bewegung also Prävention von Osteoporose, Arthrose, Muskelschwund sowie Fallsucht im Alter oder Arteriosklerose. Eigentlich wird durch gesunde Bewegung jede Volkskrankheit angesprochen.

Bewegen wir uns zu wenig? Und wenn ja, warum?

Wir bewegen uns auf jeden Fall zu wenig. Die Ursachen sind vielfältig: Wir verbringen spielerisch wie beruflich zunehmend Zeit sitzend, meist am Computer. Der Alltag in den Industrieländern hat sich mit der Digitalisierung verändert - und wandelt sich weiter. Die Folgen sind längst sichtbar: Die Hälfte der Frauen und bis zu zwei Drittel der Männer in Deutschland sind messbar übergewichtig. Daraus entstehen Risiken auch für den jungen, vermeintlich noch gesunden Teil der Bevölkerung, weil sich früher Bewegungsmangel in späteren Jahren negativ auf viele Organsysteme auswirkt.

Wie viel sollte man sich denn bewegen?

Diabetologen nennen gern die magische Zahl der 10 000 Schritte, das entspricht einem größeren Spaziergang am Tag - und den kann sich vielleicht nicht jeder täglich leisten. 5000 Schritte wären ein gutes Ziel für den Alltag - und zwei-, dreimal pro Woche zudem ein sportliches Work-out wie 30 bis 60 Minuten Radfahren oder ein- bis eineinhalb Stunden strammes Walken. Zur Vorbeugung reicht für messbare Unterschiede bereits eine Bewegungseinheit von zweimal pro Woche einer Stunde.

Worauf sollte man achten?

Menschen wollen ganz schnelle Erfolge. Unser Organismus, besonders das Muskel- und Skelettsystem, ist aber ein langsam adaptierendes System. Wenn wir es ad hoc überfordern, schaden wir ihm. Beachtet man nicht, dass sich unser System langsam anpasst, kommt es zu Muskelrissen, Ermüdungsbrüchen oder Bänderrissen. Das ist eine der wichtigsten Botschaften: Man muss im Training, aber auch in der Rehabilitation Geduld und Langatmigkeit mitbringen.

Forschung am Bernhard-Heine-Centrum

Forschungsgruppen decken am Bernhard-Heine-Centrum in Würzburg drei Sektoren ab: Bei der Grundlagenforschung geht es etwa um Störungen der Knochenregeneration oder um die Frage von molekularen Ursachen für Trainingsresistenz. Mögliche Fragestellungen: Warum spricht ein Gewebe nicht mehr auf mechanische Reize an? Wie lässt sich auch im Alter die Geweberegeneration, -anpassung und -erhaltung noch verbessern?

Geforscht wird zudem etwa an den Mechanismen von Knochenmetastasen. In Studien zeigte sich, dass Krebsüberlebende, die sich viel bewegen, seltener Rückfälle erleben.

Der zweite Sektor, die Translationale Forschung, stellt die Verbindung zur operativen Orthopädie und generell zur Klinik her, um zu erforschen, wie man Menschen nach Operationen wieder mobilisiert, ohne den Heilungserfolg zu gefährden. Wie schafft man es etwa, dass sich Gewebe an der Operationsstelle wieder möglichst gut regeneriert und vermeidet gleichzeitig den Abbau von Muskeln und Knochen durch die Einschränkung der Beweglichkeit?

Im dritten Sektor, der Klinischen Bewegungsforschung, geht es um die Versorgung der Bevölkerung, zum Beispiel mit Medikamenten, Trainingsprogrammen, Physiotherapie, Endoprothesen und anderen Hilfsmitteln bei Arthrose, Osteoporose, Knochenbrüchen und Muskelschwund. Wie lässt sich dieser Bereich effektiver gestalten - in der präventiven, operativen wie auch post?operativen Situation? ()

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