Dienstag, 22.06.2021

Ausgeleiert, vernarbt, abstehend

Ohrkorrekturen: Wann Krankenkassen die Kosten übernehmen -Tunnel- und Piercingschäden meist nicht gedeckt

Kommentieren
4 Min.

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Close-up portrait of a bearded hipster man with piercing in the ears and lips. Studio shot over black background.
Foto: Andrey Kiselev - stock.adobe.com
Es war ein Feh­ler, stell­te die jun­ge Frau be­trof­fen fest, dass sie sich am obe­ren Rand der Ohr­mu­schel hat­te pier­cen las­sen. Denn die Sa­che war nicht gut ge­gan­gen:

»Sie litt unter überschießender Narbenbildung, was sehr schwierig zu behandeln war«, berichtet Tobias Stripf von der Partnergesellschaft HNO-Ärzte Aschaffenburg, der die Patientin operierte. Immer wieder, so Stripf, wendeten sich junge Menschen an die Aschaffenburger Ärzte, weil Piercings Probleme bereiten.

Was die junge Frau erlebte, ist also kein Einzelfall. »Piercings können die Knorpel schädigen«, weiß auch Gheorghe Steffen, Ohrenarzt im Bad Neustadter Rhön-Klinikum. Weil Piercings den Knorpel durchtrennen, bieten sie nach seinen Worten ideale Eintrittsorte für Krankheitserreger, was Entzündungen hervorrufen kann. Dann bleibt nur der Weg zum Ohrenarzt.

In den HNO-Praxen im Mainviereck tauchen aber auch vermehrt Patienten auf, die das, was der sogenannte Tunnel bei ihnen angerichtet hat, korrigiert haben möchten. »Auch wir hatten schon extrem gedehnte Ohrläppchen«, sagt HNO-Facharzt Stripf. Fragte man ihn vorab, betont er, würde er immer von Tunnels und Piercings abraten.

Manchmal gelingt es, die Kasse zu überzeugen, dass sie in diesen F?ällen die Behandlungskosten übernimmt. Aber das ist eher die Ausnahme. »Die gesetzliche Krankenversicherung darf nur dann die Kosten für Korrekturen von Piercings oder Ohrlöchern übernehmen, wenn eine nicht selbst verschuldete, medizinische Indikation vorliegt«, erklärt Hans-Joachim Scheller von der AOK. Laut dem Fachbereichsleiter Innere Dienste bei der Würzburger AOK-Direktion sind bei Piercings aber trotz medizinischer Indikation meist Leistungsbeschränkungen vorgesehen. Der Patient werde in diesen Fällen »angemessen« an den Kosten der ärztlichen Behandlung beteiligt.

Laut Sozialgesetzbuch dürfen die Kosten für plastische Eingriffe nur dann finanziert werden, wenn Körperfunktionen beeinträchtigt sind oder wenn die betroffene Person »entstellt« ist. Infektionen, ein Tumor, eine Verletzung oder eine angeborene Fehlbildung können solche Entstellungen verursachen. »Es handelt sich jedoch immer um Einzelfälle, bei denen der Medizinische Dienst der Krankenversicherung zur Beurteilung mit eingebunden wird«, unterstreicht Scheller.

Angst vor Hänseleien

Das Hauptproblem bei Ohren, die stark von der Norm abweichen, ist meist nicht physischer, sondern psychischer Natur. So werden Kinder mit Segelohren nicht selten gehänselt. »Wir haben mehrfach im Monat Beratungsgespräche wegen Segelohren in unserer Praxis«, sagt Stripf.

Bis zu 20-mal im Jahr komme es zu einer Ohranlegeplastik. Etwa 90 Prozent aller Eingriffe werden bei Kindern vorgenommen: »Doch das wird gerade kontrovers diskutiert.« In Österreich seien kosmetische Eingriffe bei Kindern unter 16 Jahren seit 2013 verboten. In Deutschland allerdings wünschen nach wie vor viele Eltern, dass ihr Kind operiert wird, bevor es in die Schule kommt.

Bei deutschen Ärzten gilt seit der österreichischen Gesetzesinitiative das Credo: Operiert werden darf nur dann, wenn die Segelohren das Kind tatsächlich belasten. »Ein gewisser Leidensdruck muss also erkennbar sein«, erklärt Stephan Hackenberg, Leitender Oberarzt der Würzburger HNO-Universitätsklinik. Ein Kind mit Segelohren darf demnach nicht mehr operiert werden, nur weil seine Eltern das wünschen. Auch wenn die Sorge von Vater und Mutter nachvollziehbar ist, dass das Kind verspottet werden könnte. »Wir Ärzte müssen uns im Gespräch davon überzeugen, dass das Kind selbst einen gewissen Leidensdruck wegen seiner Ohrmuschelstellung hat«, sagt Hackenberg.

Ein Kind mit Segelohren, das sich bereits im Kindergarten isolierte, weil es Angst vor dem Spott der anderen Kinder hatte, darf in Deutschland also weiterhin operiert werden. Nicht relevant ist für die HNO-Ärzte an der Uni-Klinik laut Hackenberg, wie stark das Ohr absteht: »Wir messen keine Gradzahlen.«

Rund 1000 Euro pro Ohr

Auch in der Aschaffenburger Praxis haben Gradzahlen wenig Bedeutung. »Es geht um den gesamten optischen Eindruck«, erläutert Tobias Stripf. Manchmal werde ein sehrgroßes Ohr von Eltern als abstehend empfunden - »streng genommen steht es aber gar nicht ab«. Auch laut Stephan Hackenberg muss sich der Ohrenarzt immer das gesamte Gesicht anschauen.

Die Kosten belaufen sich laut Stripf bei der Korrektur beider Ohren auf etwa2000 Euro. In rund 75 Prozent aller Fälle würden beide Ohren operiert. Oft muss die Behandlung privat bezahlt werden. Operiert wird ambulant, bei Kindern findet der Eingriff prinzipiell unter Narkose statt.

Bei den wenigen Erwachsenen, die sich Segelohren korrigieren lassen, muss individuell geschaut werden, ob sie die bis zu zweistündige Operation mit lokaler Betäubung durchstehen. »Man muss also abklären, ob der Erwachsene imstande ist, zwei Stunden im OP zu liegen und dabei Geräusche und Gespräche zu hören«, informiert Tobias Stripf.

Weil oft viel abgeklärt werden muss, bevor alle Beteiligten guten Gewissens >Ja

Kommt der Arzt zu dem Schluss, dass es besser ist, den Wunsch der Eltern abzulehnen, werden die Gründe ausführlich erläutert. »Wir wollen die Eltern nicht vor den Kopf stoßen, denn in aller Regel möchten sie ja das Beste für ihr Kind«, sagt Hackenberg. Erscheint eine Operation sinnvoll, erfahren die Eltern, wie der Eingriff vor sich geht. »Wir arbeiten beim Ohrenanlegen mit Nahtmaterial, das für immer im Knorpel bleibt«, erläutert der stellvertretende Direktor der Würzburger HNO-Klinik. Dass es überhaupt zu Segelohren kommt, liege daran, dass bestimmte Falten, die eine Ohrmuschel normalerweise hat, nicht ausreichend vorhanden oder nicht stark genug ausgeprägt sind.

Die Ohren der betroffenen Kinder werden dadurch angelegt, dass der Chirurg Nähte an das Ohr setzt, die die Ohrmuschel in Form halten. Von aufwendigen Schnitttechniken kommt man in der HNO-Praxis immer mehr weg, so Hackenberg: »Denn das ist kosmetisch nicht so schön.« Gut gemachte Nähte hingegen seien für den Laien nicht zu erkennen.

Ist die Operation überstanden, erhält das Kind eine Bandage.»Das kann man sich wie ein Stirnband vorstellen«, sagt Hackenberg. Meist muss diese Bandage vier Wochen lang getragen werden. Dadurch soll vermieden werden, dass die Fäden aufgehen, wenn sich das Kind nachts einmal heftiger umdreht.

Sehr hohe Erfolgsrate

Fast alle Patienten sind am Ende zufrieden mit dem Ergebnis, so der Würzburger Ohrenarzt: »Die Erfolgsrate beim Anlegen von Segelohren ist sehr hoch.« Er selbst könne sich kaum an einen Patienten erinnern, der sich über das Resultat der OP beklagt hat. Anzuraten sei, den Eingriff in der kühleren Jahreszeit durchführen zu lassen: »Im Sommer ist die Bandage nicht so angenehm, denn es kann darunter jucken.« Wobei immer wieder Eltern in die Uni-Klinik kommen, die den Eingriff im Sommer wünschen. Damit ihr ABC-Schütze im September mit wohlgeformten Ohren in die erste Klasse gehen kann.

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!