Dienstag, 22.06.2021

Apotheker stehen in den Startlöchern

E-Rezept: Gesetz für mehr Sicherheit in Arzneimittelversorgung soll ab Herbst in Praxis umgesetzt sein

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Pharmacist, Physician using a mobile phone at drugstore room. Doctor touching a cell phone in medical concept
Foto: twinsterphoto/Getty Images
»Ich wer­de nicht in ein Sys­tem in­ves­tie­ren, das ich dann nicht be­nut­zen kann«;, sagt Cle­mens Hock. Wor­auf der Apo­the­ker aus Mil­ten­berg und Re­gio­nal­sp­re­cher in der Baye­ri­schen Lan­de­s­a­po­the­ker­kam­mer (BLAK) an­spielt:

Bis September sollen Apotheker an eine neue Telematikinfrastruktur (TI) angebunden sein und mittels neuer Software elektronische Rezepte aufrufen und bearbeiten können. Grundlage ist das »Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung«, das die Bundesregierung im August 2019 verabschiedet hat.

Testprojekte laufen

Am Aufbau der TI arbeiten Ärzte, Apotheker, Krankenkassen, aber etwa auch das Gesundheitsministerium gemeinsam in der Gesellschaft für Telematikanwendungen (Gematik). Testprojekte zur Vereinheitlichung von Soft- und Hardware laufen, eine endgültige Entscheidung steht aber noch aus. Da die Apotheken neue Kartenlesegeräte benötigen werden, müssen diese erst flächendeckend produziert werden.

Und so stehen die Apotheker in der Region zwar in den Startlöchern, doch mit gebundenen Händen. »Noch nicht mal auf die Konnektoren hat man sich bislang geeinigt. Wir würden gern loslegen, aber können nicht«, sagt Theodor Hofmann, BLAK-Sprecher im Kreis Aschaffenburg mit eigener Apotheke in Kahl. Es fehle die Technik, die Ärzteschaft müsse auch ans System angebunden werden, verschiedene rechtliche Vorgaben zum Patientenschutz seien noch nicht abschließend geregelt. »Ich bin seit 45 Jahren im Beruf. Die Apotheken haben bei der Digitalisierung von Beginn an mitgemacht«, sagt Hofmann. Er erinnert sich an erste digitale Bestellungen im Jahr 1971.

Die Ärzteschaft wirkt gleichzeitig recht entspannt. Das zumindest legt ein Gespräch mit Jörg Frieß, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Aschaffenburg, nahe. »Das elektronische Rezept ist vom Prinzip her nichts anderes als zum Beispiel eine Banküberweisung«, sagt er. Eine Lösung müsse her, die einfach und praktikabel zu handhaben sei. Keinesfalls dürfe sich der Verwaltungsaufwand in den Praxen erhöhen. Doch er betont: Der Digitalisierung stünde die Ärzteschaft keineswegs ablehnend gegenüber. Jüngst habe der Kreisverband entschieden, dass im Frühjahr 2021 in Aschaffenburg ein Ärztetag zur »Digitalisierung in der Medizin« stattfinden soll - mit namhaften Vertretern aus Medizin und Politik, aber etwa auch mit Experten des Chaos-Computer-Clubs (CCC).

Tatsächlich eilt die Umsetzung des E-Rezepts aus Sicht der Mediziner wohl auch nicht so sehr, weil Ärzte künftig in ihrer Praxis-Software auswählen können, ob sie ein Rezept ausdrucken oder digital erzeugen. Die Entscheidung wird beim Patienten liegen. Fürs E-Rezept erhält er dann einen Code, mit dem er auf die Verordnung zugreifen und einen Apotheker befähigen kann, diese in dessen Software aufzurufen.

Vor allem aufs Thema Datenschutz blicken Hock und Hofmann noch mit Skepsis: Ende Dezember hatte der CCC Medienberichten zufolge eine massive Sicherheitslücke in der Telematikinfrastruktur aufgedeckt. Das neue System sieht vor, dass sich Apotheker mit einem elektronischen Heilberufsausweis (bezogen auf die Personen) und mit einer Institutionenkarte (bezogen auf die Apotheke) identifizieren müssen. Diese sollen im ersten Halbjahr 2020 ausgestellt werden. Ärzte benötigen einen Praxisausweis. Patienten erhalten neue Gesundheitskarten.

Sicherheitslücken

Dem CCC war es jedoch gelungen, einen elektronischen Heilberufs-, einen Praxisausweis und eine elektronische Gesundheitskarte über einen Dritten zu bestellen und an eine Wunschadresse liefern zu lassen. »Alle Sicherheitslücken müssen geschlossen sein«, sagt Hock. »Schlimm wäre, wenn sensible Patientendaten gehackt, noch schlimmer, wenn sie manipuliert würden.«

Zudem dürfe das E-Rezept keinesfalls an Werbung gekoppelt werden, fordert Hofmann. Und die Entscheidung, wo Rezepte eingelöst werden, müsse unbedingt weiter in Patientenhand liegen: »Es muss verhindert werden, dass Institutionen wie die Krankenkassen entscheiden, wo Medikamente bestellt werden.« Denn: In einigen Ländern sind zwar nicht die Medikamente selbst günstiger, aber die Umsatzsteuer ist niedriger als hier.

Hinzu kommt in Deutschland die Preisbindung rezeptpflichtiger Arzneimitteln, die Patienten und Solidargemeinschaft vor finanzieller Überforderung schützen soll. Doch diese Preisbindung gilt für Vor-Ort-Apotheken, ist aber auf EU-Versandapotheken nicht anwendbar.

Der Dorfapotheker sieht sich also mit schlechteren Konditionen konfrontiert und mit höheren Anforderungen wie der Pflicht zu Notdienst und Akutversorgung. Vor-Ort-Apotheken sind zur Beratung verpflichtet. Dies hält Hock für absolut wesentlich: »Die meisten Fehler, die wir erkennen, sähe ein Patient selbst nicht.«

»Der Weg zu Versandapotheken wird mit dem E-Rezept etwas leichter«, sagt Hofmann. Er ist dennoch zuversichtlich: Durch die neue Technik könn?ten sich Apotheker künftig noch mehr Zeit für Beratung nehmen. Außerdem gehörten etwa Lesefehler auf handgeschriebenen Rezepten der Vergangenheit an.

Bessere Basis für Beratung

Mehr Sicherheit könnte es durch die Neuregelung vor allem mit Blick auf mögliche Wechselwirkungen geben. »Digital hinterlegt sein soll künftig der ganze Medikationsplan«, sagt Hock. Als Apotheker kenne er dann nicht mehr nur jene Arzneien, die der Patient bei ihm bekommt, sondern alle. »Ich werde damit eine bessere Basis für die Beratung haben, die ureigenste Aufgabe des Apothekers.«

Hofmann geht zudem davon aus, dass mit einer App weiterer Service für Patienten einhergehen wird - etwa digitale Informationen zur Einnahme und Erinnerungsfunktionen.

Hintergrund

» Das elektronische Rezept ist vom Prinzip her nichts anderes als zum Beispiel eine Banküberweisung.«

Jörg Frieß, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands Aschaffenburg

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