Dienstag, 03.08.2021

Klingt doch öde?

Orientierung: Wie Berufsnamen die Ausbildungswahl beeinflussen

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Bei der Berufswahl gehen viele Jugendliche vor allem danach, was sie aus der Familie kennen, wovon sie schon gehört haben oder was sie sich selbst erklären können.
Foto: Christin Klose
Well­ness, Fit­ness, ge­sun­de Er­näh­rung: Auf Ins­ta­gram oder Youtu­be sind das gro­ße The­men, für die sich auch vie­le Ju­gend­li­che in­ter­es­sie­ren. Vi­el­leicht wä­re das was fürs Be­rufs­le­ben? Ei­ne pas­sen­de Be­rufs­aus­bil­dung, in der es um ge­nau die­se In­hal­te geht, nennt sich Diä­tas­sis­tent/in. Das klingt für Ju­gend­li­che oft we­nig an­sp­re­chend.

Aber wie sehr beeinflussen solche Bezeichnungen wirklich die Berufswahl - und ist das überhaupt so schlimm? »Meine Erfahrung aus der Berufsberatungspraxis ist, dass sich die Jugendlichen unter vielen Berufen wenig vorstellen können«, sagt Sarah Müller, Berufsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit in Bremen.

Deshalb gehen viele vor allem danach, was sie aus der Familie kennen, wovon sie schon gehört haben oder was sie sich selbst erklären können. Das reproduziert Muster: »Die Mädchen wollen immer noch sehr gerne in den kaufmännischen Berufen arbeiten«, so Müller. Medizinische, zahnmedizinische Fachangestellte und Pflege gehörten außerdem dazu.

Die Jungen würden sich zwar ebenfalls für kaufmännische Berufe entscheiden, hauptsächlich aber für »etwas Handwerkliches«, beispielsweise als Kfz-Mechatroniker, Tischler und Anlagenmechaniker für Sanitär und Klimatechnik.

Dass sie dadurch mitunter Chancen vergeben, ihr Potenzial in unbekannteren Berufen einzusetzen, ist den wenigsten bewusst. »Berufe, unter denen Jugendliche sich nichts vorstellen können oder die unattraktiv klingen, werden oft im Vorfeld ausgeschlossen und nicht weiter beachtet«, sagt Monika Hackel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Das träfe selbst dann zu, wenn deren Tätigkeiten zu ihnen passen würden. Der Berufsname als Aushängeschild sei daher im Berufswahlprozess nicht zu unterschätzen.

Hinzu kommt, dass Jugendliche zum Teil vermuten, »dass sie eher Anerkennung mit Berufen erfahren, in denen mit dem Kopf statt mit den Händen gearbeitet wird«, so Hackel. Das stellt manche Arbeitgeber vor ein Problem.

Marion Presek-Haster vom Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) sieht darin einen Anhaltspunkt, warum seit einigen Jahren »eine akademische Ausbildung der dualen vorgezogen« wird.

Imageproblem

Zusätzlich spiele beim Nachwuchsmangel »sicherlich der demografische Wandel« hinein. Gleichwohl habe es auch mit dem Image eines Berufes zu tun, das sich über den Namen ableitet. »Wenn die Leute an Gebäudereinigung denken, dann denken sie an die klassische Putzfrau. Dabei ist unser Handwerk ein anspruchsvoller Ausbildungsberuf.«

Einige Branchen reagieren darauf inzwischen mit mehr gezielter Kommunikation und breitgestreuten Nachwuchskampagnen. Da wo es möglich ist, hat sich zudem eine geschlechterübergreifende Ansprache durchgesetzt.

André John spricht im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) etwa für die IT-Systemelektroniker - von jeher ein männerdominierter Beruf. John plädiert generell für mehr Berufsorientierung an den Schulen. Die technikorientierten Berufe gerieten bei vielen Frauen gar nicht in das Blickfeld. Wenn Technik aber schon im Unterricht vorkäme, dann könnten sie sich viel eher davon angesprochen fühlen.

Würde es aber nicht auch helfen, manche Ausbildungen attraktiver oder verständlicher zu benennen? In einigen Berufsverbänden wird darüber nachgedacht.

So habe man beispielsweise schon Ende der 90er Jahre festgestellt, dass sich auf Stellen der »Mediengestalter/in Digital und Print« deutlich mehr Frauen bewarben als auf die Vorgängerberufe »Schriftsetzer/in« und »Druckvorlagenhersteller/in«, heißt es beim BIBB.

Andersherum sollen sich möglichst auch mehr Männer angesprochen fühlen, wenn in weiblich dominierten Berufen ein männliches Gegenstück im Namen vorkommt, etwa neuerdings der Pflegefachmann oder der Erzieher.

André John warnt allerdings davor, einen Namen nur zu Marketingzwecken zu vergeben. »Das Ganze muss insgesamt in das System passen und aussagekräftig sein.« Frauen und Männer sollten etwas machen, weil sie das möchten. »Deswegen muss ein Berufsname schon auch ausdrücken, was darin vorkommt«.

Grundsätzlich geht es also für Jugendliche vor allem darum, herauszufinden, welche Ausbildungen es überhaupt gibt und was sich hinter den Bezeichnungen wirklich steckt.

Aktiv beobachten

Berufsberaterin Sarah Müller empfiehlt Jugendlichen dafür, auch im Alltag mehr darauf zu achten, was die Menschen im eigenen Umfeld beruflich machen, und aktiv das Gespräch mit Familie, Freunden und Bekannten zu suchen.

Auch aktiv zu beobachten, welche Berufsgruppen einem tagtäglich begegnen - wie die Verkäuferin, die Angestellten in der Bank, die Fahrerin der Straßenbahn, der Mitarbeiter beim Arzt - kann die Augen für neue oder unbekannte Berufsfelder öffnen. Hilfreich sei auch immer die Frage: Wie verbringe ich gerne meine Freizeit, und kann man das vielleicht zum Beruf machen?

»Viele junge Menschen können nach genauerer Beobachtung zumindest Berufsbereiche benennen, die sie interessant finden«, sagt die Beraterin. Dann würden sich etwa Praktika, der Girls' und Boys' Day oder Messebesuche eignen, um Berufe und Tätigkeiten kennenzulernen.

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