»Zeigen Sie klare Kante!«

Reichspogromnacht: Gedenkfeier am Kahler Rathaus - »Rechtsstaatliche Demokratie ist gefährdete Staatsform«

Kahl a. Main
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Erinnerung an die Reichspogromnacht: 25 Bürger kamen zur Gedenkfeier am Kahler Rathaus. Foto: Michael Hofmann
Foto: Michael Hofmann

»Die Verrohung der Sprache führt zu einer Verrohung der Sitten: Erst sind es Worte, dann folgen die Taten.« Die Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht am Samstag in Kahl nutzte Bürgermeister Jürgen Seitz (SPD), um auf die Aktualität der Ereignisse von damals hinzuweisen: »Antisemitismus ist kein Phänomen von gestern.«

Rund 25 Kahler Bürger waren am Samstag um 17.30 Uhr an die Gedenkstele am Rathaus gekommen, um der jüdischen Opfer der Reichspogromnacht vor 81 Jahren zu gedenken: »Ein Schicksalstag in der deutschen Geschichte, deren jährliche Erinnerung zur Pflichtaufgabe jeder Generation geworden ist«, meinte Seitz.

Er erinnerte daran, was in Deutschland am 9. November 1938 geschah: »Eine vierstellige Zahl zerstörter Synagogen, tausende demolierter Geschäfte, ungezählte verwüstete Wohnungen und Friedhöfe.« 91 Menschen seien direkt getötet worden, über tausend indirekt durch Freitode oder infolge Verletzungen. 30 000 Juden seien in den darauf folgenden Tagen in Konzentrationslager deportiert worden.

Wer sich aufmerksam umschaue und die Nachrichten verfolge, für den werde deutlich, dass das Gedenken an das Inferno sinnvoll und notwendig sei, so Bürgermeister Seitz. Es sei alarmierend, dass es in manchen Städten Viertel gebe, in denen vor dem offenen Tragen der Kippa gewarnt werde.

»Die rechtsstaatliche Demokratie war und ist eine gefährdete Staatsform.« Sie setze voraus, dass sich die Bürger im Alltag mit Respekt, Fairness und Wohlwollen begegneten und sich auch im Streit um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bemühten.

»Wo diese Werte missachtet werden, gerät das friedliche Zusammenleben in Gefahr.« Rassistischer Ausgrenzung dürfe kein Raum geboten werden, mahnte der Rathauschef. Populisten und Nationalisten wollten spalten, indem sie Vorurteile schürten und Hassparolen verbreiteten. Seitz forderte seine Zuhörer auf: »Beziehen Sie Position, zeigen Sie klare Kante, machen Sie sich stark für Toleranz, Respekt und Mitgefühl.«

Der evangelische Pfarrer Christian Riewald veranschaulichte anhand eines Zeitungsbeitrags von 1926, wie schnell sich das gesellschaftliche Klima damals wandelte. 1926 wurde über die 100-Jahr-Feier der Alzenauer Synagoge berichtet - eine »völlig harmonische« Feier, die im Beisein zahlreicher Christen vonstatten ging. Ein wichtiger und in der Kommune hoch geachteter Vertreter der Synagogengemeinde: der Lehrer Benzion Wechsler. »Nur zwölf Jahre später wurde die Synagoge geplündert, 1943 wurde Benzion Wechsel in Sobibor umgebracht«, so Riewald.

Riewald bezweifelte auch, dass es möglich sei, »Geschichte aufzuarbeiten«. Vielmehr müsse man »der Trauer Raum geben« - denn wer trauere, mache nicht die gleichen Fehler wieder.

Auch an den Fall der Mauer vor 30 erinnerte Riewald: Auf dieses Ereignis dürfe man stolz sein; mit Blick auf die Reichspogromnacht dürfe man aber »die dunklen Seiten der Geschichte nicht ausblenden«.

Sein katholischer Kollege, Pfarrer Mariusz Kowalski, warnte vor der »Versuchung, die Vergangenheit vergessen zu wollen«. Er trug Fürbitten vor für die Opfer von Terror und Gewalt, bat um Frieden und Gerechtigkeit.

Mit Schweigeminute

Verbunden war die Gedenkveranstaltung auch mit einer Schweigeminute und einem gemeinsamen Vaterunser. Zuletzt lud Bürgermeister Seitz zu einem weiteren Gedenktag ein: zum Volkstrauertag am 17. November um 11 Uhr vor der Pfarrkirche Sankt Margareta.

Hintergrund

» Antisemitismus ist

kein Phänomen von gestern. «

Jürgen Seitz,Bürgermeister

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