Wohin der Innenstadt-Verkehr steuert

Bürgerdialog: Vier Varianten der möglichen Verkehrsentwicklung in Aschaffenburg - Sorgen und Hoffnungen

Aschaffenburg
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Die innerstädtische Verkehrsentwicklung ist das Thema in Aschaffenburg, das ein besonders breites Interesse weckt. Deutlich über 300 Besucher haben am Montagabend das Angebot der Stadt genutzt, sich im kleinen Saal der Stadthalle über den Stand der Verkehrsplanung zu informieren - und mitzureden.

Die mehr als 30 Wortmeldungen machten deutlich: Die Standpunkte liegen zum Teil weit auseinander. Trotzdem lasse sich im Dialog eine Lösung finden, zeigte sich Oberbürgermeister Klaus Herzog überzeugt. Das habe in Aschaffenburg oft geklappt, erinnerte er an umstrittene Projekte bis hin zum Bau der Ringstraße.

Gerade an die Ringstraße seien Erwartungen geknüpft gewesen, die es nun einzulösen gelte. Herzog nannte die Ziele, die mit der Fortschreibung des alten Verkehrsentwicklungsplans erreicht werden sollen: die Innenstadt von weiterem Durchgangsverkehr zu entlasten und dadurch mehr Raum und Aufenthaltsqualität für Fußgänger zu schaffen sowie den Bus- und Radverkehr zu stärken.

Erreichbar bleiben

An die weiteren Ziele, die bereits im ersten Bürgerdialog im Jahr 2016 festgelegt wurden, erinnerte Stadtentwicklungsreferent Bernhard Keßler: Die Erreichbarkeit der Innenstadt müsse sichergestellt bleiben - nicht nur für Bus und Rad, sondern auch für Anwohner, Kunden oder Besucher, die mit dem Auto kommen. Die Verkehrsentwicklung solle helfen, die Attraktivität Aschaffenburgs in allen Bereichen zu stärken: als Wohn-, Einkaufs-, Dienstleistungs und Kulturstandort.

Vier Grundvarianten, in welche Richtung es gehen könnte, liegen auf dem Tisch. Gutachter Michael Volpert vom Büro LK Argus und der städtische Verkehrsplaner, Michael Schmerbauch, stellten sie kurz vor (siehe »Hintergrund«). Zu finden sind die Informationen auch auf Internetseiten, die seit Montagabend freigeschaltet sind: www.verkehrsentwicklung-ab.de.

Der Leiter des Stadtplanungsamts, Dirk Kleinerüschkamp, fasste die Bewertung zusammen. Über alle Aspekte betrachtet, schneide die Variante 4 (auch 1+) am besten ab, die im Stadtrat von CSU, SPD, UBV und FDP mitgetragen wird: flächendeckend Tempo 30, Umbau der Luitpoldstraße zur Umweltstraße, weitere verkehrsberuhigte Bereiche am Herstallturm und Scharfeck.

Chaos oder Gewinn?

Die Umfahrung der Innenstadt in Einbahnrichtung (Variante 2, von Grünen und ADFC) oder der Ausbau weiterer Umweltstraßen, um Fahrbeziehungen für den motorisierten Individualverkehr zu unterbrechen (Variante 3, KI), böten in den Hauptstraßen zwar mehr Entlastung. Sie sorgten aber für Umwege, könnten Verkehr in Wohnquartiere verdrängen und drohten, die Anschlüsse der Ringstraße zu überlasten.

Etlichen Diskussionsteilnehmern ging schon die moderate Variante zu weit. Allein das flächendeckende Tempo 30 löse komplettes Chaos aus, prophezeite Wolfgang Hörnig. Die Ringstraße könne keinen Verkehr mehr aufnehmen, sie sei schon überlastet, sagten auch andere. Ein heutiger Kleinwallstadter berichtete, er sei aus Aschaffenburg weggezogen, weil er auf dem Weg zur Arbeitsstätte und zurück nicht mehr im Stau stehen wollte.

»Verkehrsgerechtigkeit«

Die Sorge, die Innenstadt werde durch Eingriffe in den Individualverkehr als Wohn- und Einkaufsstandort unattraktiv, trieb auch Einzelhändler, Dienstleister, Ärzte oder Hoteliers aus der Innenstadt um. Der Center-Manager der City-Galerie, Ragnar Cornelius, oder Michael Kahl vom Einzelhandelsverband warnten vor Sperrungen oder Einbahnregelungen. Es gebe keinen Anlass für eine weitere Umverteilung der Verkehrsflächen, sagte Anwalt Günter Bach aus der Frohsinnstraße. Er mahnte Verkehrsgerechtigkeit an.

Gerade die Verkehrsgerechtigkeit verlange es jedoch, mehr für Bus-, Rad- und Fußverkehr zu tun, hielt Gutachter Volpert dagegen. Über Jahrzehnte habe Aschaffenburg nur den motorisierten Individualverkehr im Blick gehabt.

So ging vielen Diskussionsteilnehmern die moderate Lösung nicht weit genug. Innenstadtbewohner wie Stefanie Schütze und Klaus Mungel oder Vertreter des ADFC wie Tino Fleckenstein und Renate Gernhardt forderten Mut zu einer echten Verkehrswende, die nicht nur den Bürgern mehr Platz gebe, sondern auch der Stadt Gestaltungsspielraum eröffne. Damit gewinne die Stadt Attraktivität, statt sie zu verlieren.

Verschärfte Kontrollen

Deutlich machten die Befürworter auch: Damit die Verkehrsentlastung gelinge, müsse mehr passieren als die Umverteilung von Verkehrsflächen. Wiederholt wurden bessere Busverbindungen zwischen Aschaffenburg und dem Umland sowie zwischen den Stadtteilen gefordert, um Autofahrern den Umstieg auf den öffentlichen Personen-Nahverkehr zu erleichtern.

Nachdrücklich mahnten etliche Bürger vermehrte Kontrollen an. Tempo-30-Zonen oder verkehrsberuhigte Bereiche seien sinnlos, wenn sie Autofahrer nicht an die Geschwindigkeitsgrenzen hielten. Und mehr unternehmen müsse die Stadt gegen wildes Parken.

Die Verkehrswende verlange auch eine Bewusstseinsänderung, hieß es. Christiane Michaeli aus Leider rief die Versammlungsteilnehmer auf, sich selbst zu fragen, ob und warum sie mit dem Auto oder mit dem Rad und zu Fuß in die Stadthalle gekommen seien.

Gegensätze überbrückbar?

Lassen sich die gegensätzlichen Standpunkte überbrücken? Dieter Gerlach, als Stadtwerkeleiter auch Herr über die Parkhäuser und Stadtbusse, sah einen Weg: Aschaffenburg könne bei der Verkehrsentwicklung mit der moderaten Variante beginnen, die Wirkung bewerten und dann nachsteuern oder die nächsten Schritte unternehmen.

Hintergrund: Vier mögliche Varianten

Derzeit gibt es vier Varianten einer möglichen Verkehrsentwicklung in der Aschaffenburger Innenstadt:

Variante 1: Flächendeckend Tempo 30 innerhalb der Ringstraße. Die Luitpoldstraße sollte darüber hinaus zur Umweltstraße umgewandelt werden, das heißt: nur noch frei für Fußgänger, Rad-, Bus- und Anliegerverkehr, die sich den Straßenraum teilen (Shared Space). Das ist auch die Grundlage für die weiteren Varianten:

Variante 2: Ein Einbahnstraßenring als Innenstadt-Umfahrung (Wermbach-, Alexandra-, Hofgartenstraße, Platanenallee, Goldbacher-, Weißenburger-, Erthal-, Landingstraße) gegen den Uhrzeigersinn (»rechts rein, rechts raus«). Die Fahrspur in Gegenrichtung nur für Rad- und Busverkehr (Umweltring).

Variante 3: Flächendeckende Umweltzone innerhalb des Rings. Nicht nur die Luitpoldstraße, sondern auch andere Straßen mit vielen Fußgängerquerungen wie Landing- oder Abschnitte der Friedrich-/Weißenburger Straße würden Umweltstraßen. Einbahnregelungen im Bahnhofsquartier und im Zuge der Innenstadt-Umfahrung sollen Durchgangsverkehr unterbinden.

Variante 4, eigentlich als »1 plus« bezeichnet. Sie soll die Variante 1 mit den großzügigen Fußgängerquerungen aus Variante 3 verknüpfen. Keine Einbahnregelungen oder Sperrungen. ()

bDetails und Bewertung:

www.verkehrsentwicklung-ab.de

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