Freitag, 26.02.2021
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Von Gaffern gefilmt während in Aschaffenburg Ersthelfer um ein Leben kämpfen

Video kursiert über Whatsapp

Aschaffenburg
Rettungsarbeit in der Region
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Wenn Rettungskräfte im Einsatz sind, kommt es immer wieder vor, dass Menschen ihr Handy zücken. So auch kürzlich in Aschaffenburg. Nun wird ein Video per Whatsapp und Co. geteilt.
Foto: Johannes Krey (dpa)/pixabay/Melanie Lurz
Ein Mann stürzt vom Parkhaus der City-Galerie in Aschaffenburg. Er wird lebensgefährlich verletzt – und mindestens eine Person zückt ihr Handy und filmt. Filmt, wie die Einsatzkräfte versuchen, das schwer verletzte Opfer wiederzubeleben. Seither wird dieses Video, das unserer Redaktion vorliegt, über soziale Medien geteilt. Es ist mindestens in einer Whatsapp-Gruppe aufgetaucht. Wird aber auch als Einzelnachricht verbreitet.

Während einige Menschen nach dem Sturz des Mannes stehenbleiben, von der Straße aus oder aus der City-Galerie heraus zuschauen, helfen andere. Die medizinische Fachangestellte Nadine Safran und Arzt Alexander Henze aus der frauenheilkundlichen Praxis Dr. Henze & Kolleginnen in der Goldbacher Straße waren als Ersthelfer vor Ort.

Alexander Henze ist in einem Sprechzimmer der Praxis, schaut in dem Moment aus dem Fenster, als der Mann stürzt. »Das war der Bruchteil einer Sekunde«, erzählt Henze. Er läuft aus dem Sprechzimmer, ruft Safran zu, sie solle den Notfallkoffer mitnehmen und mit ihm kommen. »Sie wusste erst gar nicht, was los ist«, sagt er. Gemeinsam laufen sie auf die Straße, zu dem Schwerstverletzten.

Filmen? Nicht nachvollziehbar!

Eine Passantin – offenbar eine Sanitäterin aus Offenbach – hat bereits mit der Herz-Druck-Massage begonnen. »Und wir haben dann geholfen«, erzählt Safran. Henze beatmet den Mann, Safran reicht ihm und der Sanitäterin Material, erzählt der Arzt. Als der Rettungsdienst und der Notarzt eintreffen, »haben wir zusammen weiter gemacht«, erinnert sich Henze. »Aber nach 20 Minuten haben wir entschieden aufzuhören. Wir konnten ihm nicht mehr helfen.«

Dass Menschen stehenbleiben, wenn sie sehen, wie jemand stürzt, oder kurz sehen wollen, was los ist, verstehe sie, sagt Safran. »Da wäre ich vielleicht auch erstmal wie angewurzelt stehengeblieben«, sagt die Ersthelferin unserer Redaktion. Sie klingt nachdenklich. »Aber dann stehenzubleiben und zuzuschauen und dann noch zu filmen – das kann ich nicht verstehen.« Sie habe zunächst gar nicht mitbekommen, dass jemand gefilmt habe. »Ich war wie in Trance.«

Kommentar: Das ist widerwärtig

Man kann es sich eigentlich kaum vorstellen: Ersthelfer versuchen in Aschaffenburg, einen lebensgefährlich verletzten Mann zu retten – und jemand hält mit der Handykamera voll drauf. Schlimmer noch: Danach wird das Video per Whatsapp und Co. verschickt und das viele Male. Es ist nun im Netz – und wird dort nicht verschwinden.

Abgesehen davon, dass das Weiterleiten eines solchen Videos strafbar sein kann: Ein solches Ereignis zu filmen und dann noch zu verschicken ist widerwärtig.

Der Schritt vom Bemerken, dass etwas passiert, zum Schauen: nachvollziehbar. Das Stehenbleiben: bedingt nachvollziehbar. Der Schritt zum Handyzücken: nicht nachvollziehbar. Der Schritt zum Verbreiten der Aufnahmen auf allen möglichen Plattformen: ohne jede Rechtfertigung und keinesfalls nachvollziehbar oder akzeptabel.

Eine Bekannte des Opfers bekam das Video zu sehen. Als sie erkannte, was es zeigte, brach sie es ab. Sie verhielt sich, wie man erwarten könnte. Sie löschte es. Es ist nicht das erste Mal, dass sie eine Tragödie sieht. Aber es ist das erste Mal, dass sie das Opfer persönlich kennt. Sie ist sauer. Und angeekelt. Und bat unsere Redaktion um Hilfe.

Nun ist sie nicht die Partnerin des Opfers. Oder dessen Schwester. Oder dessen Mutter. Doch wer sagt, dass diese das Video nicht auf die gleiche Art erhalten und vielleicht versehentlich sehen werden?

Weil jemand ohne über die Folgen nachzudenken den Button »Weiterleiten« antippt. Weil jemand seine eigene Sensationslust über das Mindestmaß an Anstand stellt, das jeder Mensch haben sollte. Weil jemand denkt, dass ?Andere sehen müssen, wie ein Mensch um sein Leben kämpft, wie andere um sein Leben kämpfen. Und diesen Kampf vielleicht verlieren.

Veronika Schreck

Beim Gaffen handelt es sich inzwischen um ein gesellschaftliches Phänomen, erklärt Dominikus Bönsch. Ärztlicher Direktor am Bezirkskrankenhaus in Lohr (Kreis Main-Spessart) und ergänzt: »Durch dieses Geflutet-werden von verschiedensten Bildern im Netz ist es zum Standard geworden, so etwas zu sehen, zu verteilen und sich daran zu belustigen. Das hat die Hemmschwelle wahnsinnig niedrig gemacht.« Er denkt, dass sich der Reflex, der früher noch »Kann ich da helfen?« lautete, inzwischen zu »Jetzt filme ich!« verändert hat.

Hinter der Glasfront

Dies scheint in Aschaffenburg mindestens bei einem Schaulustigen der Fall gewesen zu sein. Ersthelferin Nadine Safran erinnert sich: »Ein Polizist war relativ sauer und hat die Leute gebeten, sich abzuwenden.« Diese gehen zwar von der Straße weg, schauen aber hinter der Glasfront der City-Galerie weiter zu – so lange, bis Security-Mitarbeiter sie wegschicken, erinnert sich Safran.

Rechtliche Schritte, weil er und seine Mitarbeiterin auf dem Video zu sehen sind, das in Aschaffenburg verbreitet wird, will der Arzt Henze nicht einleiten. »Ich habe ja nur meinen Job gemacht«, sagt er und setzt nach: »Die Tatsache, dass das jemand filmt ... Das ist gruselig und grausam. Vor allem für die Angehörigen.« Er macht eine Pause. Dann: »Das geht gar nicht.«

Safran sieht das ähnlich: »Das gehört bestraft.« Als der Rettungsdienst und der Notarzt eintreffen, verhält sie sich so wie es sein sollte: »Was will ich da noch? Zuschauen?« Und geht. 

>>Mehr zum Thema: Wie Gaffer sich strafbar machen

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