Dienstag, 27.10.2020
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Wenn Aschaffenburg in Südhessen liegt: Was der Satiriker Miguel Robitzky dazu sagt

Interview mit dem Aschaffenburger Autoren für Jan Böhmermann

Aschaffenburg
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Aschaffenburg, Café-Bar "Human": Interview mit dem 22jährigen Miguel Robitzky, der im Team von TV-Unterhalter Jan Böhmermann mitarbeitet. Foto: Stefan Gregor 12.07.2019
Foto: Stefan Gregor
Miguel Robitzky ist Satiriker. Der Aschaffenburger trat jüngst in der TV-Show von Jan Böhmermann auf. Im Interview sagt er, wie er an den Job gekommen ist. Wie ernst manche Antwort gemeint ist? Wer weiß das schon bei Satirikern.

Wer mit Mi­gu­el Ro­bitz­ky re­den will, ver­ab­re­det sich am bes­ten wie Do­nald Trump mit dem nord­ko­rea­ni­schen Dik­ta­tor Kim-Jong Un: über Twit­ter. Auf der In­ter­net­sei­te mit den kur­zen Text­bot­schaf­ten fol­gen dem 22-jäh­ri­gen Aschaf­fen­bur­ger knapp 6000 Men­schen - um Sät­ze zu le­sen wie: »Was der Union fehlt, ist ein geiler Sex-Boy wie Knattergranate Robert Habeck.« Oder: »Pilze sind die Muscheln des Waldes.«

Auf Twitter entdeckte TV-Moderator und Satiriker Jan Böhmermann den Karikaturisten und bot ihm einen Job als Autor der Satire-Sendung »Neo Magazin Royale« im ZDF an. Bei Robitzkys erstem Auftritt in der Show verortete Böhmermann Aschaffenburg ausgerechnet in Südhessen. Grund genug für Reporter Kevin Zahn, bei Robitzky nachzuhaken - und ihn für ein Video in der Main-Echo Mediathek mit seinen eigenen Tweets zu konfrontieren.

Im Interview: Der Aschaffenburger Autor Miguel Robitzky
Quelle: Kevin Zahn, Stephanie Renger

Herr Robitzky, wie ist es denn, für Jan Böhmermann zu arbeiten?

Da muss ich eine Antwort geben, die vertraglich festgelegt ist: Es ist eine nahezu gottgleiche Erfahrung. Er ist einer der besten Menschen, die ich kenne. Was anderes darf ich nicht sagen. So ist es.

Was genau machen Sie als Autor vom Neo Magazine Royale?

Der Job ist wahrscheinlich viel dröger, als es im Fernsehen aussieht. Die Wahrheit ist: Wir Autoren und Autorinnen sitzen in einem trostlosen Raum vor unseren Laptops und müssen gucken, wie Dinge witzig werden. Wir schreiben, suchen Themen und Ansätze, wie wir diese Themen bearbeiten können. Es ist wie ein normaler Bürojob.

Und wie sind Sie als 22-Jähriger an den Job gekommen?

Ich habe sehr früh angefangen, Karikaturen für das Medien-Magazin DWDL zu zeichnen, habe Kolumnen veröffentlicht. Irgendwann hat mich Jan auf Twitter verfolgt und mich gefragt, ob ich auch für seine Sendung solche Sachen produzieren möchte. Ich habe mich nicht aktiv beworben.

Wer also zu Neo Magazin Royale will ...

... der sollte viel twittern! Wir sind eine sehr twitterfreudige Gemeinde. Es wird ja immer als das zynische, impulsive Medium gesehen. Wir sehen das eher so, dass da die Debatten der heutigen Zeit als erstes stattfinden und viele gesellschaftliche Probleme besprochen werden. Nicht unbedingt immer im angenehmsten Ton.

Vor ein paar Wochen sind Sie zum ersten Mal in der Show aufgetreten, prompt verlegte Böhmermann Aschaffenburg nach Südhessen, als er Sie vorstellte. Wie konnte ihm das passieren?

Ich kann mir das nicht anders erklären, als dass Böhmermann mittlerweile in einer solchen Showbiz-Blase lebt, dass er gar nicht mehr mitbekommt, was links und rechts von ihm passiert. Der hat den Kontakt zum echten Menschen verloren und weiß nicht, wie doll das den Aschaffenburger am Herzen treffen kann, wenn er fünfzig Meter weiter rechts oder links verortet wird. Ist Südhessen links oder rechts von Aschaffenburg?

Südwestlich.

Dann schreiben wir das so, ich habe nichts anderes behauptet.

Komische Körpersprache: Robitzky 2012 im Schultheater.
Foto: Bjoern Friedrich

Was haben Sie sich gedacht, als Böhmermann den Fehler beging?

Mein erster Gedanke war, hoffentlich will mich das Main-Echo dazu nicht interviewen. Der zweite, jetzt bitte weiter im Text! Sprich ihn nicht darauf an, sonst rastet er komplett aus. Ist natürlich ein Skandal! Erdogan-Gedicht, Ibiza-Affäre und Aschaffenburg in Südhessen: Das sind die drei großen Nummern, auf die Jan jetzt permanent angesprochen wird.

Haben Sie ihm inzwischen erklärt, wo Aschaffenburg liegt?

Ja, na klar! Aber ich glaube, er hat nicht zugehört. Wie gesagt, er hat komplett den menschlichen Kontakt verloren.

Wie lief Ihr Auftritt in der Sendung denn aus Ihrer Sicht?

Keine Ahnung, das Urteil würde ich im Zweifel dem Zuschauer überlassen.

Sie haben in Ihrer Schulzeit auf der Aschaffenburger Realschule...

... Knabenrealschule! Das muss man mal dazu sagen: Das klingt wie eine Schule aus dem Dritten Reich. Knabenrealschule! Es ist wichtig, dass man die Geschlechter in Knaben und Mädchen einteilt, dass man ein hegemoniales Zwei-Geschlechter-Denken direkt in die Köpfe reinballert...

... jetzt habe ich meine Frage noch gar nicht gestellt: Was haben Sie im Schultheater für die Auftritte vor der Kamera gelernt?

Was Regisseur Sigi Staab mit uns gemacht hat, war eher eine Parodie auf klassisches Schultheater. Weil wir nur Knaben auf der Schule hatten, mussten wir Knaben auch die Frauenrollen übernehmen. Es gab vorher ein Casting, man musste da viele Peinlichkeiten aushalten. Da habe ich in der siebten Klasse als Dornröschen verkleidet den »Earth Song« von Michael Jackson performt. So lernt man schnell, schmerzfrei zu sein, was die eigene Schamgrenze angeht.

Was hat Sie denn in Aschaffenburg geprägt?

Was ich mitgenommen habe, ist die unterfränkische Gelassenheit. Die hat zum Beispiel dazu geführt hat, dass die Straße im Bahnhofsviertel, die hier früher Adolf-Hitler-Straße hieß, nach dem Krieg ziemlich schnell in Frohsinnstraße umbenannt worden ist. Das kann nur in Aschaffenburg passieren, dass eine so belastete Straße ausgerechnet auf Frohsinn getauft wird.

Warum machen Sie politische Satire und Karikaturen?

Ich habe eigentlich mit Karikaturen über die Medien angefangen, rutsche aber immer wieder in politische Themen ab, weil es die aktuelle Lage einfach benötigt. Nicht, weil einen der eigene Größenwahn dazu treibt. Wir leben in einer Zeit, in der jede einzelne Stimme, die erhoben wird, wichtig ist.

Wie oft haben Sie das Gefühl, mit einem Witz zu weit gegangen zu sein?

Schwer zu sagen, weil dafür ein Konsens herrschen müsste, ab wann man genau zu weit gegangen ist. Allerdings ist es eher so, dass man in Themen reinsticht und guckt was passiert. Das meiste geht in der Masse des Internets eh unter. Klar tritt man mal daneben. Aber ich mache mir schon mehr Gedanken, als es vielleicht von außen wirkt. Es gehört halt zur Kunstform dazu, dass man das öffentlich nicht sagt.

Einmal mussten Sie sich für eine Karikatur öffentlich entschuldigen. Was war da passiert?

An dem Tag, an dem der Prozess um die Vergewaltigung von Gina Lisa war, hat das Medien-Magazin DWDL eine Karikatur von mir veröffentlicht. Der Witz war: »Neues aus dem Prozess - das Urteil lautet Versöhnungssex«. Mit der Weitsicht eines 18-Jährigen wollte ich damals die Berichterstattung zu diesem Fall parodieren, habe aber nicht beachtet, dass aus einer männlichen Perspektive jegliche Witze über Vergewaltigung problematisch sind. DWDL hatte die Karikatur dann gelöscht und mich den Witz öffentlich erklären lassen, was bestimmt auch nicht richtig war.

Zeichnung für die "sehr gute Zeitung Main Echo" ein Zkyggel.
Foto: Stefan Gregor

Warum?

Damals habe ich mich entschuldigt und gesagt, dass der Text geändert wird zu »Neues aus dem Prozess - Das Urteil lautet kein Versöhnungssex«. Mittlerweile finde ich gut, dass man durch #metoo auf solche Themen besser sensibilisiert ist. Ich empfinde es überhaupt nicht als Freiheitseinschränkung.

Sie haben auf Twitter fast 6000 Follower, dort herrscht oft ein rauer Tonfall. Muss man immer provokativer werden, um beachtet zu werden?

Es ist eher andersherum, da findet ein Wandel statt: Die Politik und der Journalismus sind auf den Trichter gekommen, dass sie mit provokativen, ironisch gemeinten Inhalten an Klicks kommen. Da sehen sich viele Komiker gezwungen, journalistischer zu arbeiten. Man muss ja immer öfter nur die Realität wiederholen, um Lacher zu bekommen. Ich weiß nicht, ob das eine gute Entwicklung ist. Zum Beispiel »Die Partei« von Martin Sonneborn: Die arbeiten im Grunde nicht anders als die AfD, mit den gleichen Stilmitteln. Nur dass es die AfD halt ernst meint.

Muss man als Satiriker »Die Partei« wählen?

Nee, überhaupt nicht. Ich wähle die nicht.

Im Internet geht es auch schnell zur Sache: Setzt es Sie unter Druck, nicht bissig genug, nicht aktuell genug, nicht so lustig wie andere im Netz zu sein?

Druck? Ich weiß nicht. Es ist eher so, dass man in einem täglichen Flow ist. Wenn man viel produziert, fällt es auch nicht so auf, wenn manches davon nicht gelungen ist. Twitter ist eher ein egales Nebenbei-Medium.

Können Sie mich mal was zu Harald Schmidt fragen? Ich würde gerne mal in einer Zeitung sagen: »Harald Schmidt, wer ist das?«

Es gibt ja auch Kritiker von Böhmermann, zuletzt hat sich überraschend sein Ziehvater Harald Schmidt gegen ihn geäußert. Was halten Sie von Schmidt?

Harald Schmidt, wer ist das? Sagt mir eigentlich gar nichts. Das war doch der alte Bundeskanzler oder?

Ja, der hat viel geraucht.

Der hat viel geraucht!

Zur Person: Miguel Robitzky

Miguel Robitzky (22) ist ein Karikaturist und Satiriker. Er wohnt heute in Köln, stammt aus Aschaffenburg und malt, seit er Denken kann. Schon als Dreijähriger habe er ein Skizzenbuch geführt, erzählt er. Als Sechsjähriger gewann er einen Preis bei einem Main-Echo-Malwettbewerb für Kinder. Nach der Grundschule ging er auf die Aschaffenburger Knabenrealschule, weil ihm dort das Schultheater so gut gefiel. Sein Regisseur aus damaliger Zeit, Sigi Staab, sagt über ihn: »Er war genial präsent auf der Bühne, hat viel Komik versprüht, konnte damals schon Satire und Witz durch die Körpersprache gut rüberbringen.«

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