75 Jahre - 75 Orte: Wie man in Geiselbach versucht, Vergangenes für die folgenden Generationen zu dokumentieren

Erinnerungskultur: Was verschwunden ist, muss nicht vergessen sein

Geiselbach
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Foto: Gescichtsverein Geiselbach
Foto: Geschichtsverein Geiselbach
Foto: Michael Müller
Foto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Michael Müller
Foto: ME-Archiv
Or­te ve­r­än­dern ihr Aus­se­hen. Einst­mals wich­ti­ge Ge­bäu­de ver­lie­ren an Be­deu­tung oder ver­schwin­den ganz von der Bild­fläche. Einst­mals wich­ti­ge Er­eig­nis­se sind ir­gend­wann ver­ges­sen - wenn man sich nicht be­müht, an sie zu er­in­nern.


Bei einem Geiselbach-Rundgang finden sich Beispiele für solche Bemühungen, für die in erster Linie der örtliche Geschichtsverein steht. Die Mitglieder mit ihrem Vorsitzenden Gunter Krohnen zählen das Bestreben, die Ortshistorie lebendig zu halten, zu ihren grundsätzlichen Aufgaben.

Das Vorsteherhaus

Auch gibt es private Initiativen. Das Vorsteherhaus in der Rohrbachstraße 4 ist eins von den Wirtsleuten Elisabeth und Günter Klein (Gasthaus Reising) gekauft und vor dem Verfall gerettet worden. In dem Fachwerkhaus war unter Bürgermeister Anton Heilmann von 1902 bis 1912 die Gemeindeverwaltung untergebracht. Heilmann, der 1945 im Alter von 78 Jahren starb, bewohnte das Haus mit seiner Frau und 13 Kindern. Ihm wird als größte Tat der Bau der ersten Wasserleitung im Jahre 1910 zugeschrieben. Eine kleine Tafel am Gebäude erinnert an die Zeit als Vorsteherhaus.

Das Schießhäuschen

Ein ganz normales Wohnhaus findet sich heute an der Stelle, an der die Waldstraße innerörtlich eine Kurve beschreibt. Nicht zu erkennen ist, was sich hier einst abspielte. Der Geschichtsverein hat es dokumentiert: Von der Waldstraße ging an dieser Stelle die sogenannte Sauhohle ab. Bis Mitte der 30er Jahre wurden die Schweine über diesen Hohlweg hinauf zum Wald getrieben. Dann änderte sich das Bild. Während das Vereinsleben in der NS-Zeit verboten, beziehungsweise stark reglementiert war, hatte die »Kriegerkameradschaft Geiselbach« bessere Karten: Ihr wurde genehmigt, in dieser Hohle ein Schützenhaus (Schießhäuschen) mit Schießstand zu bauen. Am Sonntag, 18. Juni 1939, war Eröffnung. Beworben wurde die Veranstaltung in einer noch vorhandenen Anzeige. Es gab ein »Preisschießen«, einen »Frühschoppen« sowie »Volksbelustigung und Tanz«. Auf den sonntäglichen Schießbetrieb freuten sich auch die Kinder im Ort: Sie durften die Schießscheiben kontrollieren und das Ergebnis melden.


Mit dem Kriegsende war Schluss. Alle Waffen wurden eingezogen, das Schießhäuschen wurde als Wohnraum benötigt. Bereits 1946 ist angebaut worden, um einer siebenköpfigen Familie Raum zu geben. Gebaut wurde mit Nachbarschaftshilfe, wie der Geschichtsverein vermerkt. 1962 ist das Schießhäuschen aufgestockt worden, 1971 folgte der Anbau einer Garage. 2014 kaufte eine Krombacher Familie das Haus und sanierte es grundlegend. Da auch die Hohle (die als Schießstand diente) im Laufe der Jahre verfüllt und Teil eines neuen Wohngebietes wurde, sind Sauhohle und Schießhäuschen nur noch im detailreichen Beitrag des Geschichtsvereins nachvollziehbar.

Die Polizeistation

Anders verhält es sich mit dem Wohnhaus Kirchstraße 15. Das stattliche Gebäude, Baujahr 1863, hat sein Aussehen nur unwesentlich verändert. Hier war einst eine von sechs Polizeistationen, die zur Inspektion Alzenau zählten. Vier Polizisten waren für Geiselbach und Omersbach, für Dörnsteinbach, Oberkrombach, Hofstädten und den Westerngrund zuständig. 1962 wurden die Stationen aufgelöst, die Zuständigkeit in Alzenau konzentriert. Zu einer Polizeistation gehört ein Gefängnis. Das »Kittchen« (eine Stube mit einer Liege) war dem Armenhaus angegliedert. Dieses Haus in der Spessartstraße 14 (Ortsdurchfahrt, Nähe Pfarrgarten) wurde nach einem Anbau 1879 auch zum Stützpunkt der Feuerwehr. Hier, in zentraler Lage, war die Spritze stationiert.

Rathaus statt Schule

Auf der anderen Seite des Pfarrgartens ist 1983 das Geiselbacher Rathaus gebaut worden, das mit einer Erweiterung 20 Jahre später sein heutiges Aussehen erhielt. Der Baugrund war seinerzeit kein Brachland: Hier stand die Geiselbacher Schule, die 1827 gebaut wurde. Unterrichtet wurde in dem Haus bis 1966, der Abriss war 1982.

Die Schwesternstation

Gut aufbereitet ist die Geschichte der Kinderbetreuung in Geiselbach. Vor vier Jahren hat der Geschichtsverein (anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Kita) die äußerst wechselvollen Zeiten dokumentiert. 1951 war ein Anbau an das Schwesternhaus der erste eigenständige Kindergarten. In der NS-Zeit und bis 1951 waren die Kinder im Erdgeschoss der Schule untergebracht. Das Schwesternhaus war im ehemaligen (1860 erbauten) Forsthaus entstanden und beherbergte unter anderem die ambulante Krankenpflege, die es bis 1964 gab. Nach dem Weggang der Schwestern mussten die Geiselbacher Kinder in Nachbargemeinden untergebracht werden. Im September 1976 eröffnete der neue Kindergarten. Schwesternhaus und Alt-Kindergarten verfielen und wurden abgerissen. Auf dem Gelände befindet sich heute das Musikerheim.

Beckstein und Absturzstelle

Mit zwei Gedenktafeln wird an Ereignisse erinnert:
- Gegenüber des Areals Goldbach-Kirchner, auf einer Verkehrsinsel, findet sich der »Beckstein« mit Inschrift. Sie erinnert an den Freitag, 17. August 2007. Damals war Günther Beckstein bayerischer Innenminister. Aber seine Wahl zum Ministerpräsidenten und Nachfolger Edmund Stoibers war bereits eine ausgemachte Sache - und folgte am 9. Oktober 2007. Bürgermeisterin Marianne Krohnen hatte den Minister zum Ende eines Großprojektes eingeladen, das Beckstein gefördert hatte: Von 1997 bis 2007 wurden in vier Abschnitten alle Staatsstraßen in und um Geiselbach saniert. Der Beckstein ist ein sogenannter »Stundenstein«, der einst als Entfernungsweiser an einer Straße diente. Dass Günther Beckstein ordentlich gefeiert wurde, geschah nicht mehr all zu oft: Nach einem (für CSU-Verhältnisse) bescheidenen Abschneiden bei der Landtagswahl im September 2008 trat Beckstein als Landesherr den Rückzug an. Nachfolger wurde Horst Seehofer.

- Im Oktober 2008 ist eine weitere Gedenktafel enthüllt worden - neben einem Feld zwischen Geiselbach und Omersbach. 65 Jahre, nachdem dort ein Bomber der US-Luftwaffe abgestürzt war. An einem Tag, als auf dem Feld geerntet wurde. Besatzungsmitglieder des Flugzeugs retteten sich mit Fallschirmen, mit Gewissheit starb allerdings der Navigator Elbert S. Wood. Und es starb der damals 44-jährige Landwirt Heinrich Rienecker, der von einem Wrackteil getroffen wurde. Mit schweren Verbrennungen überlebte die damals 13-jährige Thekla Peter. Ein kriegsgefangener Franzose hatte die Flammen mit einer Decke ersticken können. Thekla Peter (spätere Weipert) starb 2007.

Altes und Uraltes

Nicht weit entfernt, am Straßenabzweig Richtung Omersbach, hat ein Denkmal seinen Platz, das zu den ältesten Gebilden zählt. Der Bildstock stammt aus dem Jahr 1607. Zusammen mit zwei Sühnekreuzen sind sie wegen des Kreiselbaus an der Spinne an ihren jetzigen Standort versetzt worden. Auch mit alten Grabsteinen ist die Gemeinde behutsam umgegangen: Auf dem Geiselbacher Friedhof sind (nachdem sie von Steinmetzmeister Harald Rosenberger restauriert wurden) Grabsteine aufgestellt worden, die in der alten Friedhofsmauer als Füllsteine verbaut waren. Der älteste Grabstein ist von Susanne Stenger, die 1808 mit 37 Jahren nach der Geburt ihres Kindes gestorben war.

Glückliche Hühner

Gunter Krohnen will sich mit seinem Verein weiter dafür einsetzen, den nachwachsenden Generationen vor Augen zu halten, wie sich in vergangenen Jahrzehnten das Leben im Ort gestaltete. Dazu zählen nicht nur die öffentlichen Einrichtungen.
Nicht minder interessant sei es beispielsweise, auf Handel und Gewerbe einzugehen. Wer erinnert sich beispielsweise noch an das Sägewerk in der Spessartstraße (heute Anwesen Sauer)? Oder an die frischen Eier der Familie Reising? Am Ortseingang (aus Richtung Horbach) wurden von 1936 bis 1975 in recht großem Stil Hühner gehalten - das Federvieh durfte sich über eine große Auslauffläche freuen. Bis zu 500 Hühner pickten umher.


Autor Michael Müller (56) ist seit 15 Jahren Main-Echo-Redakteur. Der Bezug zu Geiselbach besteht seit Kindheitstagen: Müllers Geburts- und Wohnort Horbach ist Geiselbachs hessischer Nachbarort.
Sämtliche Artikel der Serie 75 Orte: www.main-echo.de/75jahre-75orte

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