Freitag, 22.01.2021
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Warum wir einen härteren Lockdown brauchen: Gastbeitrag eines Aschaffenburger Arztes

Mediziner Till-Dominik Koch

Aschaffenburg
Corona
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Till-Dominik Kock
Till-Dominik Koch praktiziert als promovierter Facharzt für Allgemeinmedizin in Mainaschaff (Kreis Aschaffenburg)
Foto: Sandra Koch
Ich bin ein All­ge­mein­me­di­zi­ner und kein Ma­the­ma­ti­ker, Epi­de­mio­lo­ge, Bio­lo­ge oder Ge­ne­ti­ker. Aber mit Grund­kennt­nis­sen aus al­len Fach­be­rei­chen und et­was ge­sun­dem Men­schen­ver­stand, kann man durch­aus ei­nen Blick in die Zu­kunft wa­gen. Da­zu kom­men die vie­len Ein­drü­cke aus mei­nem Pra­xi­sall­tag.
--- Gastbeitrag von Till-Dominik Koch ---

Wir haben es mit einer schlichten Codierung in Form einer RNA zu tun: eine Nukleinsäurekette und kein Lebewesen. Diese Nukleinsäurekette hat keine Gedanken und verfolgt keine bösen Absichten. So wie eine Kugel am Roulettetisch. Auch diese Kugel ist nicht böse. Sie folgt schlicht physikalischen Gesetzen. Da helfen weder Glückszahlen oder Stoßgebete, um diese Gesetze auszuhebeln. Es geht hier um Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Beim Roulette ist das recht einfach. Die grüne Null ist eine wichtige, berechenbare Größe für die Gewinnoptimierung des Casinos. Die Null sichert dem Casino einen gewissen Vorteil, sie lässt es langfristig gewinnen. Jemand, der sich mit solchen Berechnungen auskennt, weiß: Umso länger man spielt, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man das Casino als Verlierer verlässt. Alle anderen hoffen auf ihr Glück und finden diesen Nervenkitzel unterhaltsam. Zumindest so lange wie sie es sich leisten können.

Hintergrund: Aschaffenburger Arzt ärgert sich über den Umgang mit Corona

Allerspätestens im Oktober war Till-Dominik Koch klar: »Das fliegt uns um die Ohren.« Koch, promovierter Facharzt für Allgemeinmedizin, praktiziert in Mainaschaff (Kreis Aschaffenburg). Mit »Das« meint er die Corona-Pandemie. Der Umgang damit ärgert ihn. Einer der Gründe, weshalb er sich an seinen Rechner setzte und einen Text (siehe Gastbeitrag, unten) zu schreiben begann - Frustbewältigung sozusagen.

Koch ärgert zum Beispiel die Nachlässigkeit, mit der vielen Menschen dem Virus begegnen. Oder das »Wischiwaschi« der politischen Anti-Corona-Maßnahmen. Oder die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), weil die Ende Oktober in einem Strategiepapier von einem Lockdown abgeraten hatte. Oder, dass die Politik die Bevölkerung viel zu uneffektiv und unzureichend aufklärt - etwa über die verschiedenen Tests oder über die Impfung.

Eben mal Besuche legitimieren

Besonders rund um die Weihnachtszeit saßen ihm viele Patienten gegenüber, die mit Corona-Schnelltests mal eben ihre Verwandtenbesuche legitimieren wollten. Schnelltest-Ergebnis negativ gleich keine Gefahr, war die verbreitete Annahme. »Diese Illusion musste ich ihnen nehmen«, sagt Koch im Gespräch mit unserem Medienhaus. Um seinen Patienten die Gefährlichkeit des Corona-Virus zu erklären, braucht Koch lediglich aus seinen Praxisalltag zu reden.

Die mittlerweile vielen in Deutschland an oder mit Covid-19 gestorbenen Menschen sind das eine. Viel mehr sorgen Koch diejenigen seiner Patienten, die mehr oder weniger intensiv an Covid-19 erkrankt waren, die Infektion überstanden sahen und sich nun schon seit Wochen oder Monaten mit teils gravierenden Folgeerkrankungen herumplagen. Das betrifft etwa Organe, das Gedächtnis, das Nerven- oder Herz-Kreislauf-Systems, Muskeln, den Stoffwechsel, etc. Plötzlich spielt der Körper verrückt - unabhängig vom Alter der zuvor Erkrankten. Forscher rätseln derweil ob des von ihnen »Long Covid« benannten und auf schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der Erkrankten zutreffenden Phänomens.

Es kommt noch schlimmer

Besonders dieses Phänomen erklärt Koch Patienten, die der Corona-Pandemie mit zu viel Leichtigkeit begegnen. Zu weit verbreitet sei die Denke, »es wird schon gut gehen« oder »es wird schon nicht so schlimm werden«. Zu seinem eigenen Ärger ertappt Koch auch immer wieder sich selbst dabei, die Gefährlichkeit von Corona zu relativieren. Dabei ist er sich sicher: So zu denken, ist gefährlich, denn es kommt immer noch schlimmer. In seinem Gastbeitrag vergleicht der Allgemeinmediziner die Corona-Situation passend mit dem Roulette-Spiel.

Immerhin: Über Gefahren des Glücksspiels wird aufgeklärt. Über viele Corona-Thema zwar auch, aber seitens der Politik viel zu wenig, sagt Koch. Sein Vorschlag: Früher gab es im Fernsehen die Verkehrs-Aufklärungssendung, »Der 7. Sinn«. Warum nicht in diesem Stil allabendlich im Fernsehen den Zuschauern kurze Aufklärungssendungen präsentieren? Thema Corona-Tests, Thema Virus-Mutationen, Thema Impfung, etc.. Themen gibt es genug, sagt der vor wenigen Tagen gegen Covid-19 geimpfte Arzt. Nichts sei während der Corona-Pandemie wichtiger, als die Menschen aufzuklären. Immer und immer wieder.

In der Natur ist das oft nicht anders. Für uns mathematische Laien ist der Begriff Zufall ein oft gebrauchtes Wort für Naturereignisse. Aber ein Mathematiker oder Physiker kann dank Stochastik (mathematischer Begriff, der die Bereiche Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik zusammenfasst) solche Ereignisse möglicherweise vorhersagen oder zumindest ihre Auswirkungen berechnen.

Sämtliche Fragen zu dem Thema Corona könnte man eventuell mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen beantworten, denn das Virus ist ja nur eine Folge von Nukleinsäuren, die uns Menschen zur Vermehrung benötigen. Die Übertragbarkeit und damit die Ausbreitung erfolgt nach klaren biologischen und physikalischen Regeln. Der genetische Code des Virus wird dabei früher oder später mutieren und die Eigenschaft des Virus verändern. Es gibt die Möglichkeit, dass das Virus sich irgendwann abschwächt und sich selbst auslöscht. Diese Chance ist denkbar klein, aber es gibt sie.

Dem gegenüber steht die Wahrscheinlichkeit, dass er sich so verändert, dass er uns irgendwann auslöscht und damit auch sich selbst. Ein sehr bedrohliches Szenario, aber es macht Sinn sich darüber Gedanken zu machen.

Keiner kann die Auswirkung der SARS-COV2-Pandemie genau berechnen. Es gibt zu viele Variablen. Das einzige was wir mit Sicherheit wissen ist: Das Virus braucht eine Wirtszelle, zum Beispiel uns Menschen. Ohne diese Wirtszelle kann es nicht existieren. Wenn man ihm diese nicht entzieht, wird es nicht verschwinden. Damit steigt über die Zeit die Wahrscheinlichkeit, dass es weitere, für uns unangenehm Formen annehmen wird. Was wir auch wissen: Das Virus hat Zeit, viel Zeit. Unsere menschliche Lebensspanne hingegen ist begrenzt. Macht es also Sinn, einfach zu warten, bis das Virus für uns harmlos wird? Sicherlich nicht. Macht es Sinn, dass sich generationsübergreifend viele Menschen zu Weihnachten oder Silvester getroffen haben? Aus Sicht des Virus: ja.

Entstünde eine Killervirus-Variante, würde sich die Ausbreitung damit selbst limitieren, weil dann immer weniger Wirte zur Verfügung stünden. Entsteht eine Variante, die die Übertragung einfacher macht, beschleunigt sich die Ausbreitung - was weitere Mutationen fördert und ermöglicht. Die aktuellen in Südafrika und in Großbritannien erstmals entdeckten Virus-Mutation sind wesentlich infektiöser als das Ursprungsvirus. Der biologische Prozess der schnelleren Ausbreitung ist nun voll im Gange.

Es muss unmittelbar ein Extremlockdown erfolgen, wie in Asien, sagt Till-Dominik Koch. Foto: Sebastian Gollnow (dpa)
Foto: Sebastian Gollnow
Eine sichere Möglichkeit

Zum Casino-Vergleich: Umso mehr und öfter man im Casino beim Roulette Geld einsetzt, desto mehr Geld wird man verlieren. Es gäbe eine sichere Möglichkeit dem »Spielsüchtigen« zu helfen: Man schließt das Casino. Dem Spieler nur zu raten, das Spielen zu lassen, würde ihm dagegen nicht helfen.

Um den biologischen Prozess zu stoppen, müsste man dem Virus den Wirt entziehen. Denn umso mehr Wirte wir dem Virus anbieten, desto rascher nimmt das Problem an Fahrt auf. Folglich kostete uns jede Diskussion über Schulöffnungen, Arbeitsplatzanpassung, fangen wir mit dem Impfen am Sonntag oder am Montag an, lassen wir Demos zu oder nicht, dürfen sich fünf oder zehn Erwachsene treffen, Lockdown ja oder nein, etc. sehr viel kostbare Zeit.

Es muss unmittelbar ein Extremlockdown erfolgen, wie in Asien. Sofort. Alles andere wird das Corona-Trauerspiel über Monate hinausziehen. Dass unsere Gastronomie dann für lange Zeit nicht mehr öffnen wird, wäre dann wohl unser kleinstes Problem.

Sicherlich hat die Bundesregierung bereits im Januar 2020 oder spätestens im Oktober 2020 die hellsten Köpfe aktiviert, um der Pandemie Herr zu werden. Oder? Leider habe ich den Eindruck, dass dem nicht so ist. Oder die Politik hat nicht genug auf Experten gehört. Aber warum nicht? Ist es der falsche Optimismus mancher Politiker, dass es schon irgendwie gut gehen wird? Gerade weil das zögerliche politische Handeln erhebliche wirtschaftliche Folgen hat, wäre ein entschlossenes Handeln umso wichtiger. Stattdessen rät uns die Politik immer noch freundlich dazu, unsere Kontakte einzuschränken.

Aufwendig, aber nicht unmöglich

Schulen müssen geschlossen bleiben oder zumindest Klassen halbiert werden mit wesentlich strengeren Konzepten. Ein Lüftungssystem in Klassenzimmern zu installieren - notfalls durch Eigenengagement kreativer Eltern - ist zwar aufwendig, aber nicht unmöglich. Und macht es Sinn, Hundertjährige in Pflegeheimen zuerst zu impfen? Noch vor systemrelevanten Personen? Zugegeben sind das schwierige Themen.

Letztlich stellen wir uns im Umgang mit der Corona-Bedrohung noch immer sehr ungeschickt an. Wir spielen weiter Roulette - obwohl wir wissen, dass wir am Ende nur verlieren können.

 

Eine erste Version dieses Beitrags veröffentlichte Koch rund um den Jahreswechsel auf der Internet-Plattform Facebook.

Zur Person: Till-Dominik Koch

Till-Dominik-Koch ist promovierter Facharzt für Allgemeinmedizin. Seine zusätzliche Spezialgebiete und Interessen sind die Reise- und Tropenmedizin, Impfberatung sowie die Sportmedizin. Er praktiziert zusammen mit einem Kollegen in einer Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin in Mainaschaff (Kreis Aschaffenburg).

Koch wurde 1970 in der Kreisstadt Waiblingen bei Stuttgart geboren. Sein medizinischer Weg führte ihn über Rostock, Tübingen, Schleiden, Alzenau-Wasserlos und Niedernberg nach Mainaschaff. Koch lebt mit Frau und zwei Kindern in Aschaffenburg. (mai)

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