Vom gerügten Bürstenkauf bis zum Oma-Burnout

Humoristische Lesung: Hohler-Chaussee-Autorin Susanne Hasenstab und Emil Emaille unterhalten in Kahl bestens

Kahl
3 Min.

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»Oh, Ursel, was is’ doin Kaffee gut!« – was als friedlicher Kaffeeklatsch beginnt, mündet in eine Nervenkrise. Susanne Hasenstab und Emil Emaille bei ihrer Lesung in Kahl.
Foto: Doris Huhn
Der Klei­ne Saal der Fest­hal­le stand am Don­ners­ta­g­a­bend ganz im Zei­chen des Gel­ben Sacks.
Zur Lesung von Susanne Hasenstab, Autorin der Main-Echo-Kolumne »Hohler Chaussee«, die gemeinsam mit Emil Emaille Geschichten aus ihrem Buch »Hohler Chaussee - Morgen ist Gelber Sack!« und aktuelle Minidramen aus dem Kahlgrund vorlas und schauspielerte, hatte das veranstaltende Team der Gemeindebibliothek die Tische von Abendkasse und Bewirtung und sogar die Bühne liebevoll mit den gelben Plastiksäcken dekoriert.
So kamen die über 70 Besucher der ausverkauften Veranstaltung -  ein ähnliches Publikumsinteresse hatte es hier laut Bibliothekarin Petra Kleine nur bei Bestsellerautor Wladimir Kaminer (»Russendisko«) gegeben -  gleich zu Beginn in Stimmung.
»Das ist wirklich so«
Dabei braucht es nicht viel, um eine Hohler-Chaussee-Lesung zu einem herrlichen Abendvergnügen werden zu lassen. Man nehme zwei Barhocker, zwei Mikrofone, zwei Wassergläser, zwei Bücher und zwei Manuskripte. Dazu zwei bestens gelaunte Akteure auf der Bühne und davor ganz viele Fans jeden Alters, die teilweise schon bei der Ankündigung des jeweiligen Minidramas laut losprusten. »Da steckt viel Wahrheit drin in den Geschichten«, bemerkt eine Frau auf dem Nachhauseweg. »Das ist wirklich so bei den Omas. Die schaffe und schaffe und keiner erkennt das richtig an«, bezieht sie sich auf die Zugabe »Oma macht nichts mehr«, in der sich Emil Emaille in der Rolle der Oma in eine Komplett-Verweigerung hinein steigert, quasi den Oma-Burnout in allen Facetten darstellt - bis der Enkel kommt und nach dem Sonntagsbraten fragt …
Schon in der Pause, in der die Gäste vom Förderverein unter anderem mit selbst gemachter Beeren-Bowle bewirtet wurden, kreist das Thema um die Wiedererkennbarkeit der Personen. »Das ist eins zu eins meine Mutter«, outet sich eine Besucherin und meint die Titelfigur in »Die Königin des Siechtums«, die ihr eingeschlafenes Bein zum Schlaganfall hochdiagnostiziert und ihre Tochter mit ihrer unschlagbaren Argumentation in den Wahnsinn treibt …
Doch zunächst dürfen sich die Gäste über ein Telefonat zwischen dem bekannten Pärchen Doris und Alfred freuen. Doris ist, man höre und staune, alleine nach Venedig gefahren und muss nun als notorischer Kontroll-Freak beim abendlichen Telefonat den Tagesverlauf ihres Ehemanns checken. Und der Dummdösel hat natürlich alles falsch gemacht, hat den Emmentaler statt dem Gouda für das Käsebrot genommen (»der Gouda muss fort!«), hat Brot gekauft statt das eingefrorene zu verwenden und eine Bürste auf dem Handwerkermarkt in Seligenstadt erworben. »Was brauchst ’n du e Berscht? In dei’m ganze Lebe’ hast du noch nie was abgeberscht!«, herrscht ihn Doris aus Venedig an, worauf Alfred kontert: »Weil ich noch nie e gescheit’ Berscht hat!« Nicht fehlen im Programm in Kahl darf natürlich die Episode »Die Todeswindel von Kahl«, die, wie Susanne Hasenstab versichert, tatsächlich von Anfang an in Kahl spielte und nicht von Auftrittsort zu Auftrittsort vom Titel her verändert wird. Auch hier zeigt die Oma, die kurz vor ihrem 90. Geburtstag Besuch von der Lokalreporterin erhält, deutliche Anzeichen von Stress. »Urenkel braucht kein Mensch!«, pfeffert sie der konsternierten Zeitungsfrau entgegen und nimmt kein Blatt vor den Mund. »Irschendwann will mer soi Ruh!«, lautet ihr persönliches Fazit zum Jubiläum.
Zum Schreien komisch
Die Oma ist eine der beliebtesten Figuren im Hohler-Chaussee-Personenkarussell. Emil Emaille spielt und spricht sie zum Schreien komisch. Fast nicht mehr zum Aushalten ist es, wenn Susanne Hasenstab in die Rolle einer zweiten Oma schlüpft. Klar, dass hier sogar ein harmloser Kaffeeklatsch in einer emotionalen Katastrophe endet, wenn Ursel keine Milch offen hat, als Doris zum Kaffee eingeladen ist. »Mach’ se uff, mach‘ se doch uff!«, kreischt Ursel ihre Besucherin an, die »weesche denne drei Trobbe« nicht eigens einen Riesen-Tetra-Pak öffnen will und verfällt fast in Schnapp- atmung bei ihrem wiederholten hysterischen »Eieieieiei«.
Und wo die Omas sind, können die Enkel nicht weit sein. Da sind Cyrillus und Finnegan, die zusammen mit ihren Nachnamen sicher interessante Klangbilder auf den Grabsteinen hinterlassen, wie die Omas genüsslich meinen. Oder Urenkelin Joy-Cosma, die zusammen mit den anderen »Krippeln« die Katze der Oma im Wohnzimmer eingemauert hat …
Der meditativ-mäandernde Dialog zweier Frauen in einem Friseurladen im Kahlgrund beschließt den erfrischenden Abend. Mit dem Engagement der 28-jährigen Autorin aus Mömbris und ihrem Hohler-Chaussee-Kollegen aus Omersbach hat die Bibliothek für ein echtes Sommer-Highlight im Kahler Kulturleben gesorgt. Und das Schönste daran: Doris, Alfred, Hartmut, Ursel, Joy-Cosma und wie sie alle heißen besuchen uns bestimmt bald wieder … Doris Huhn
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