Goldbach erinnert an Pogromnacht und mahnt zugleich

Knapp 100 Menschen am Gedenkort Sachsenhausen

Goldbach
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Knapp 100 Menschen versammelten sich am Dienstagabend in Goldbach beim Gedenkstein an der Straße Sachsenhausen, um an die Opfer der Pogromnacht zu erinnern.
Foto: Andreas Mueller
Knapp 100 Men­schen ha­ben am Di­ens­ta­g­a­bend in Gold­bach am Ge­denk­stein an der Stra­ße Sach­sen­hau­sen ih­rer jü­di­schen Mit­bür­ger ge­dacht, die wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu­nächst sys­te­ma­tisch aus­ge­g­renzt wur­den und an den No­vem­ber­ta­gen vor mitt­ler­wei­le 83 Jah­ren zu­neh­mend auch Ge­walt er­le­ben muss­ten. Un­ter ih­nen bei­spiels­wei­se der Vieh­händ­ler Bern­hard Op­pen­hei­mer, die Ge­schäfts­frau Ba­bett Roth­schild oder die Kin­der Jo­sef Brand­städ­ter und Il­se Re­gen­stein.

Kraftdemonstrationen in jenem November, die sich zunächst noch vor allem gegen Sachen richteten: Scheiben waren am 9. November während der Reichspogromnacht in Goldbach wieder einmal zu Bruch gegangen, einen Tag später wurde dann die Synagoge verwüstet. Sie befand sich genau gegenüber des heutigen Gedenkortes, mittlerweile stehen dort längst Wohnhäuser. Noch ging fremdes Eigentum mutwillig zu Bruch, bald sollte das Wohlergehen zahlreicher Juden folgen. Nicht nur die Genannten, auch 22 weitere Goldbacher mussten ihr Leben in den Lagern im heutigen tschechischen Theresienstadt oder dem polnischen Izbica lassen.

Die lange Tradition jüdischen Glaubens im Markt Goldbach, die bis in das 17. Jahrhundert zurück nachgewiesen werden kann und wahrscheinlich sogar noch Jahrhunderte älter ist, fand ein bitteres und jähes Ende. Von einst mehreren Dutzend Juden, die sich vornehmlich als Viehhändler, Makler und Metzger verdingt hatten, war wenig geblieben: Von bis zu 72 Personen waren 1943 nur noch zwei dort wohnhaft.

Teil des Projekts »Denkort Deportationen«

Um die Erinnerung am Leben zu halten, wurde neben das bestehende Denkmal nun noch ein zusätzlicher Koffer aus Stein platziert. Das herrenlose Gepäckstück - das in anderen Gemeinden auch ein Rucksack oder eine Deckenrolle sein kann - symbolisiert das seinerzeitige Verschwinden aus dem Gemeindeleben. Als Teil des Projekts »Denkort Deportationen« steht ein Gepäckstück jeweils in einer der 79 beteiligten unterfränkischen Kommunen, ein zweites, identisch aussehendes, unweit des Würzburger Hauptbahnhofes. Würzburg ist nämlich der Ort, an dem alle Deportierten aus Unterfranken ankamen und von dort dann weiter in Konzentrationslager gebracht wurden.

»Mich überkommt tiefe Scham, manchmal sogar Wut«, bekannte der im Gemeindeleben seit Jahrzehnten engagierte Lehrer Wolfgang Mauler, als er am Dienstabend auf die Zeit zurückblickte, in der Synagogen zerstört wurden, Scheiben splitterten und Juden gedemütigt wurden. Schweigend und nachdenklich verfolgten um ihn herum Menschen mit Kerzen in der Hand seinen Worten. »Zu viele haben weggeschaut«, ergänzte Bürgermeisterin Sandra Rußmann, »dabei ist kein Anschlag zu entschuldigen«. Worte, die sie in heutigen Zeiten auch in Richtung Rostock, Mölln, Hoyerswerda, dem NSU, Hanau oder dem bildhaften Werfen von Steinen auf andere über die eigene Computertastatur verstanden wissen will. Sie hält es mit Max Mannheimer und seinem Zitat: »Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich, dass es nicht wieder geschieht.«

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