»Urenkel brauch kaan Mensch«

Lesung: Susanne Hasenstab präsentiert ausgewählte literarische Kabinettstückchen aus ihrer Kolumne »Hohler Chaussee«

Schöllkrippen
3 Min.

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Autorin Susanne Hasenstab und Emil Emaille (am Tisch) bescherten den Besuchern in der »Lesekatze« einen heiteren Abend.
Foto: Doris Pfaff
Eine heitere Lesestunde erlebten am Freitagabend rund fünfzig Gäste in der Buchhandlung »Lesekatze«. Susanne Hasenstab, deren Mundart-Dialogkolumne »Hohler Chaussee« seit drei Jahren wöchentlich im Main-Echo erscheint, ließ Figuren dieser Serie - liebenswert skurrile und bewusst überspitzt gezeichnete Gestalten - lebendig werden.
Partner der Autorin bei der Premiere-Lesung war Emil Emaille. »Das ist der, der normalerweise mit Lockenwicklern auf der Bühne sitzt,« klärte Buchhändlerin Christina Kelm auf.
Die »Hohler Chaussee« mit den Darstellern Susanne Hasenstab, Emil Emaille, Tanja Bandhauer und Vic Schlusky macht schon seit einem Jahr als Kabarett-Bühnenfassung von sich reden. Bei der Vorstellung am Freitag bedurfte es indes keiner Masken, Verkleidungen und Requisiten. Vielmehr gelang es dem Duo, fast allein mit dem Instrument ihrer Stimme, menschliche Charaktere in amüsanten und haarsträubenden Lebenssituationen zu spiegeln.
Unverwechselbares Timbre
Einfühlungsvermögen, Tonfall, Ausdruck und Rhythmus ließen Susanne Hasenstabs ausgewählte literarische Kabinettstückchen in unverwechselbarem Kahlgründer Timbre hörbar werden. Das Publikum gluckste, prustete und lachte herzhaft über die so abgebildeten elf Minidramen, in der sich sicher der eine oder andere entdecken konnte.
So geschehen in der Story vom Ehepaar Doris und Alfred. Er telefoniert mit der Gattin, die mit einem Reiseunternehmen nach Venedig, die Stadt der Liebe, gefahren ist. Doch die Liebe ist nicht ihr Thema, vielmehr Doris’ hausfrauliche Sorgen und Ermahnungen, wie: »Vergess net die Altpapiertonne, ich hab dir ’n Zettel geschriwwe«. Im Stück »Keine Zeit für Tiere« brilliert darauf Emil Emaille einmal mehr als kauzige Großmutter. Entgegen ihrer früheren Leidenschaft »guggt« sie jetzt »üwwerhaupt kaa Tierfilme mehr«, erzählt die Oma ihrer Enkelin. Offenbar fehlt der rüstigen Seniorin bei den heutigen Zoo-Reportagen der richtige Biss, wenn »nur so in e Gehege noi gefilmt wird«. Interessanter wäre es doch, »emool so e poar Pinguine zu denne Eisbärn ins Becke zu schleudern unn zu gugge, was dann bassiert«, meint die Oma. Um die richtigen »Vorkehrungen« ging es im Gespräch von Mann zu Mann. Doch Heriberts umständliche Aufklärungsversuche - »wenn, dann musste gugge, dass net …, du waaßt schon …« an seinen Filius, Kevin-André, fruchten nicht: Vier Tage nach diesem Gespräch wurde dessen Freundin Romina schwanger.
Joy-Kosma gratuliert
Im »Hochzeitsspiel« geraten Doris und Alfred in Streit um die Einlösung des Versprechens, ihren Neffen Roland und seine Frau Miranda zum »Esse oizulade«. Am Ende rettet Doris und Alfred »e Wunner: Des Brautpaar hat sich getrennt«. »Die fünf Urenkel Melvin, Can-Luca, Lucy-Nell, Kendra und Joy-Kosma gratulieren ihrer stolzen Oma Heidemarie zum 90. Geburtstag«, erfuhren Leser vor einigen Tagen in der Lokalpresse. Die wahren Gedanken der fitten Seniorin, die ihren Freudentag (angeblich) am liebsten im Kreise ihrer Familie feiert, offenbarten sich jedoch vorab im Gespräch mit einer Reporterin vorgetragen im Stück »Die Todeswindel von Kahl«. Natürlich stand nichts davon in der Zeitung, dass die Oma auf die »ganz Bagaasch« verzichten könnte. »Urenkel brauch kaan Mensch«, ganz zu schweigen von den madigen Windelhinterlassenschaften, so die Oma.
Bei ihrem Einkauf im Dritte-Welt-Laden unterstützt Seniorin Ursel zwar die halbe Welt, aber nicht auch die armen Österreicher, so die nächste Schmunzelepisode. Lange steht Heinz auf dem Schlauch, bis er im Gespräch mit seinem Nachbar Giovanni kapiert, dass mit »Ock-Diff« - »isse größte Baufirma in Deutschland« - Hochtief gemeint ist.
»Fleischworscht und Säufüßchen«
Im nächsten Höhepunkt der Lesung wissen die Zuhörer, was »teure Tiere« sind. Zwei Damen tätigen im Metzgerladen einen monströsen Einkauf. Zwischen »Fleischworscht und Säufüßchen« jammern sie, wie viel Geld sie für ihre Lieblinge, Hund Toni und Co., beim Tierarzt lassen müssen.
In einen literarischen Rausch fällt Holger im Fußpflegestudio bei Mileta. Wahrhaft beglückend seine lyrischen Ergüsse, bis die Fußpflegerin mit der Reflexzonenmassage »fertisch« ist!
»Äawe is Schluss. Ich mach nix mehr«, lässt gleich darauf Oma Waltraud unmutig verlauten. »Dann könne die (Enkel Eduard, der mit Frau und Kindern im selben Haus wohnt) emool sehe, was ich früher gemacht hab.«
Wie im richtigen Leben, befand auch hier das Publikum, das sich mit »Dr. Klopfers Geburtstag« noch eine Zugabe herausklatschte. Beim Fest des »reichen Pinkels« benimmt sich Doris' bessere Ehehälfte Alfred absichtlich daneben, um sicher zu gehen, »dass mir werklisch nimmer oigelade wern«.

Doris Pfaff
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