Unendlich zärtlich, sinnlich und schmeichelnd

Aschaffenburger Gitarrentage: Pablo Márquez und Anja Lechner mit südamerikanischer Musik im Stadttheater

Aschaffenburg
2 Min.

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Gitarrenkonzert
Virtuos: Pablo Márquez im Aschaffenburger Stadttheater. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Me­la­nie Pol­lin­ger­Zwei Meis­ter ma­len Skiz­zen, un­end­lich sub­til und in pul­sie­rend le­ben­di­gen Far­ben: Der ar­gen­ti­ni­sche Gi­tar­rist Pa­b­lo Már­qu­ez und die Münch­ner Cel­lis­tin An­ja Lech­ner ha­ben mit mo­der­ner süda­me­ri­ka­ni­scher Mu­sik die oh­ne­hin ho­he Mess­lat­te der Aschaf­fen­bur­ger Gi­tar­ren­ta­ge am Sams­ta­g­a­bend im Stadt­thea­ter ein deut­li­ches Stück wei­ter nach oben ge­rückt.
Der Kubaner Leo Brouwer (geboren 1939) und der Brasilianer Heitor Villa-Lobos (1887 bis 1959) waren, zumindest für Europäer, noch die bekannteren Komponisten auf dem handverlesenen Programm der diesjährigen Auftaktveranstaltung.
Keine leichte Kost
Mit vier unter die Haut gehenden Stücken von Villa-Lobos - vor allem mit der Aria aus den »Bachianas Brasileiras Numero 5«, in der feierliche Bach'sche Polyphonie und eine fragile, den letzten Fragen nachspürenden Modernität miteinander verschmelzen - eroberte das virtuos konzertierende Duo Márquez und Lechner am Ende des ersten Teils den Großteil des Publikums.
Sicher war es keine leichte Kost, mit der der international gefragte Márquez - er lehrt unter anderem in Basel - das Publikum in seinem Soloauftritt gleich zu Beginn konfrontierte. Auf Englisch versuchte der Gitarrist die herausragende Bedeutung des argentinischen Komponisten und Dichters Gustavo Leguizamón (1917 bis 2000) zu vermitteln. Der 1967 geborene Márquez ist in der nordargentinischen Stadt Salta, deren Ehrenbürger er heute ist, mit den Liedern und Tänzen von »El Cuchi«, wie der Volkskomponist Leguizamón auch genannt wird, aufgewachsen.
Völlig unangestrengt
Der musikalische Autodidakt Leguizamón verband in seinen expressiven und raffiniert ausgefeilten Zambas, Cuecas, Chacareras und Vidalas die argentinische Folklore-Tradition mit kühner Moderne, inspiriert von Debussy, Ravel, Strawinsky und Schönberg. Márquez spielte sechs dieser liedhaften Kompositionen - frei von Ballast und scheinbar völlig unangestrengt. Es dauerte ein wenig, sich in den Mikrokosmos der freien Harmonien von El Chuchi hineinzuhören, den Márquez kompromisslos streng und tänzerisch leicht zugleich freilegte. Doch dann schälten sich lebhafte Rhythmen und zärtliche Melodien heraus, so spannend und lebendig, so anmutig und tiefgründig, dass man ewig darin schwimmen und tauchen wollte.
Ein Abenteuer war es auch, der brillanten Grenzgängerin Lechner bei Brouwers Sonate für Violoncello zu lauschen. Vor der Pause spielte sie das kapriziöse, teils elegische, teils widerborstig raue »Scherzo« und danach den vierten »Allegro«-Satz, mit dem sie die Bandbreite ihrer überragenden und höchst kreativen Spieltechnik auslotete. Man glaubte Vögel girren und trillern zu hören bei den teuflisch schnellen Tremoli. Das Cello wurde zum Percussioninstrument beim scharrenden Pizzikato und seufzte wie eine Säge unter den kundig über die Saiten gleitenden Fingern.
Gipfel des Glücks
Eigentlich war Brouwers bezirzende Sonate nur Vorspiel, ebenso wie der »Brief an Perdiguero«, komponiert von Timoteo »Dino« Saluzzi, der 1935 in der argentinischen Provinz Salta geboren wurde. Márquez und Lechner lernten sich über diesen begnadeten Komponisten und Bandoneonspieler kennen, der den Tango Nuevo zum Tango Libre weitergeführt hat. Mit Saluzzi hatte Lechner vor knapp zehn Jahren das Album »Ojos Negros« aufgenommen, und mit Saluzzis »Brief« nach einem Gedicht von Albérico Mansilla machte Márquez die letzten Zweifler süchtig auf sein unendlich zärtliches, sinnliches schmeichelndes Spiel.
Dann, am Schluss des offiziellen Programms, der Gipfel des Glücks in Form der »Sonate für Violoncello und Gitarre« von Radamés Gnattali (1906 bis 1988). Ihm war es gelungen, die brasilianische Volksmusik mit der modernen Klassik zu verbinden. Lechner und Márquez verwandelten das dreisätzige Werk in einen gewaltigen Strom, machtvoll wie der Amazonas, sprudelnd vor Leben und Geheimnis, mit irisierenden, glitzernden, wirbelnden und das Universum erfüllenden sonoren Klängen, denen man sich aus vollem Herzen überlassen konnte.
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