Unter der Lupe: Wie viel Franken steckt in Aschaffenburg?

Blick auf hiesigen Dialekt und Videoumfrage in der Innenstadt

Aschaffenburg
4 Min.

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Tag der Franken
Foto: Petra Reith
Bevor am Sonntag in Aschaffenburg der "Tag der Franken" gefeiert wird, muss eine Nachfrage erlaubt sein: Wie viel Franken steckt eigentlich in Aschaffenburg? Wir haben eine Videoumfrage in der Stadt gemacht, Passanten interviewt und eine Dialektforscherin gefragt. Sie erklärt, warum die Ascheberger so anders klingen als der Rest von Franken – obwohl sie mitten im ehemaligen Frankenreich leben.

 Seh' ich mei' Ländche, herzig, sunnig, friedlich,
Seh' ich mei' Ascheberg, so kloor, so wunnerschö', 
Seh' ich mei' Landsleit' lustig un gemietlich, 
Hippt mer mei Herz vor Frääd houch in die Höh'!
Kenn' jede Gaß', jed' Häusje,
Kenn' jeden Baam un Berg,
Kä Wunner! 's is mei' Heimat!
Es is mei' Ascheberg!

Umfrage: Wie viel Franken steckt in Aschaffenburg?
Quelle: Moni Münch

Die Liebe der Aschaffenburger zu ihrer Heimatstadt – sie wurde selten schöner beschrieben als in diesen Zeilen von Gustav Trockenbrodt. Der Heimatdichter und gebürtige Aschaffenburger verfasste seinen »Gruß an Ascheberg« um 1900; bis heute gelten seine Wortwahl und sein Dialekt als Blaupause für waschechte Aschebercher Mundart. Oder, wie Trockenbrodt geschrieben hätte: für waschechte Ascheberger Mundart.

Doch darf man den Zungenschlag der Aschaffenburger auch Fränkisch nennen? Klingt er nicht doch eher hessisch? Oder vielmehr nach Main, also Meenzerisch? Wer fragt, wie viel Franken in Aschaffenburg steckt, kommt um die Sprache nicht herum. Denn der Dialekt ist ein wesentlicher Teil von regionaler Identität.

Das sagt auch die Würzburger Linguistin Monika Fritz-Scheuplein. Sie ist Teamleiterin am Unterfränkischen Dialektinstitut der Uni Würzburg und Mitverfasserin des Unterfränkischen Sprachatlas. »Besonders mit dem Dialekt oder einer landschaftlich gefärbten Umgangssprache schafft man regionale Identität«, erklärt die Wissenschaftlerin. »Das hat doch jeder schon erlebt, etwa im Urlaub: Wenn man jemanden reden hört, der einen ähnlichen Dialekt wie man selbst spricht, das erzeugt Nähe und Vertrauen.«

Ein klanglicher Keil

Am Samstag, 2. Juli, wird Fritz-Scheuplein bei einer Tagung im Aschaffenburger Stadttheater einen Vortrag über die rheinfränkisch-ostfränkische Dialektgrenze halten, die sich quer durch den Spessart schlängelt. Diese Sprachgrenze ist es, die einen klanglichen Keil zwischen Aschaffenburg und den Rest von Franken treibt. Im Fachjargon heißt sie Germersheimer Linie, umgangssprachlich »Appel-Apfel-Linie« oder gleich »Äppeläquator«: Östlich davon werden Äpfel oder Öpfel verspeist. Westlich, etwa in Aschaffenburg, wachsen Äppel am Baum. Aus Pf wird P. 

Wenn Fritz-Scheuplein Unterschiede und Gemeinsamkeiten beidseits des Äppeläquators erläutert, kommt sie an linguistischen Feinheiten nicht vorbei. An der zweiten hochdeutschen Lautverschiebung etwa, die zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert stattgefunden hat. Denn nicht nur das Fränkische scheidet sich an der Germersheimer Linie, sondern der ganze deutsche Sprachraum: Sie trennt das Oberdeutsche (Schwäbisch, Bairisch, Ostfränkisch zum Beispiel) vom Mitteldeutschen (Hessisch, Sächsisch, Moselfränkisch – unter anderem). 

Hintergrund: Tag der Franken« am 3. Juli in Aschaffenburg 

Der »Tag der Franken« wird seit 2006 jährlich Anfang Juli gefeiert – abwechselnd in einem der drei fränkischen Bezirke Ober-, Mittel und Unterfranken. Am Sonntag, 3. Juli, kommt das Fest erstmals nach Aschaffenburg – dafür reist unter anderem Ministerpräsident Markus Söder (CSU) an.

Alle Infos zum Programm sind unter tag-der-franken.bezirk-unterfranken.de und unter anderem auf unserer interaktiven Karte  zu finden:


Wir berichten über den »Tag der Franken« am Sonntag in einem -> Liveblog. Unsere gesamte Berichterstattung finden Sie in unserem Dossier.

In Bamberg, Würzburg, Nürnberg oder Lohr wird deshalb ein ganz anderes Fränkisch gesprochen als in Aschaffenburg. Das hadde B (also das P) und das hadde D (das T) hat in Aschaffenburg nichts verloren. Während die Würzburger gerne auf die Wortendung ihrer Verben verzichten, wird uff de Herschelgass' vergleichsweise gründlich konjugiert. Das fränkische Füllwörtchen »fei« kennt man dagegen auf beiden Seiten des Äppeläquators. 

Ein Fazit, zu dem Monika Fritz-Scheuplein in ihrem Vortrag kommt: Fränkisch ist mehr als das, was das Ohr des Laien als »dypisch Frängisch« zu kennen meint. »Das Fränkische gibt es nicht«, erklärt die Sprachwissenschaftlerin. Denn das Frankenreich erstreckte sich zwischen dem 5. und dem 9. Jahrhundert von Barcelona bis Böhmen – und Linguisten zählen alle germanischen Sprachen, die in diesen Regionen gesprochen wurden, zur fränkischen Sprachfamilie. Sie unterscheiden zum Beispiel zwischen Niederfränkisch, Moselfränkisch, Rheinfränkisch – sogar Afrikaans gehört dazu. In Unterfranken ist der Ostfränkische Dialekt daheim. 

Doch für Monika Fritz-Scheuplein ist das Unterfränkische der spannendste Dialekt überhaupt. Warum? »Weil wir hier eine sprachliche Vielfalt haben, die man so nicht überall in Franken oder Bayern findet.«  

Interview mit Monika Fritz-Scheuplein: "So schnell stirbt der Dialekt nicht aus"
Die Würzburger Linguistin Monika Fritz-Scheuplein wird am Samstag, 2. Juli, bei der Tagung "Wie viel Franken steckt in Aschaffenburg?"  im Aschaffenburger Stadttheater einen Vortrag halten. Wir haben ihr schon vorab Fragen zur hiesigen Mundart gestellt.

Wir Aschaffenburger halten uns immer schnell für was ganz besonderes! Das gilt auch für die Sprache, denn hier treffen ja viele Einflüsse zusammen: wo wir dazugehören, darüber herrscht in Aschaffenburg Verwirrung bis Uneinigkeit. Die Frage ist: Sind wir in dieser Hinsicht wirklich etwas besonderes? (Mehr als der Rest von Unterfranken?) Oder ist Sprache immer und überall ein Produkt vieler Einflüsse?

Da sprechen Sie drei Aspekte an: den sprachlichen mit hessisch, den regionalen/politisch-administrativen mit Franken und den historischen mit Mainz. Doch solche Einflüsse, die sich dann auch in der Sprache niederschlagen, gibt es nicht nur in Aschaffenburg. Wenn ich jetzt an meine Herkunftsregion denke, das ist das nördliche Unterfranken direkt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, da gibt es sprachliche Einflüsse aus dem Osthessischen und Thüringischen neben dem Unterostfränkischen, regional natürlich Franken. Ich würde aber eher sagen ich komme aus der Rhön beziehungsweise dem Grabfeld, historisch lag die Region im Herrschaftsgebiet und Einflussbereich der Henneberger.
Dr. Monika Fritz-Scheuplein
Foto: Uni Würzburg

Und solche vielfältigen Einflüsse lassen sich in mehreren Ecken in Unterfranken finden, von daher würde ich sagen, dass es Besonderheiten nicht nur in Aschaffenburg gibt. Die Besonderheit, die aber nicht nur die Aschaffenburger betrifft, sondern generell die Region Untermain sowie auch ein kleines Gebiet bei Bad Brückenau, ist aber zweifellos, dass wir hier mit der Appel-Apfel-Linie eine relativ stabile Dialektgrenze haben, die den (nord)westlichsten Teil Unterfrankens deutlich vom restlichen Unterfranken unterscheidet.

Warum ist Unterfranken für Sie der spannendste Dialektraum? 

Weil wir in Unterfranken eine sprachliche und dialektale Vielfalt haben, die man so nicht überall in Franken oder Bayern findet. Denn wir sind nicht nur ein Übergangsgebiet zwischen dem Mittel- und Oberdeutschen, sondern auch in sich sind die sprachlichen Kernlandschaften in Unterfranken nochmal unterteilt in viele kleinere Sprachräume und in einige Mischgebiete, in denen Merkmale beider Kernlandschaften zu beobachten sind. Außerdem ist Unterfranken meine Heimat und es war wirklich spannend, die Dialekte hier im Rahmen der Erhebungen für den Sprachatlas von Unterfranken kennenzulernen!

Wie wichtig ist die Sprache für unsere Identität? 

Sehr wichtig, mit Sprache und besonders mit dem Dialekt oder einer landschaftlich gefärbten Umgangssprache schafft man regionale Identität. Man stellt den Bezug zu seiner Heimat her. An der Sprache erkennt man doch am ehesten, woher jemand kommt. Das hat doch jeder schon mal erlebt, wenn man zum Beispiel im Urlaub in einem fremden Land ist, der Sprache dort vielleicht nicht mächtig ist und dann jemanden reden hört, der deutsch oder sogar einen ähnlichen Dialekt wie man selbst spricht. Das erzeugt Nähe und Vertrauen.

Stirbt unser Dialekt aus?

Nein, so schnell stirbt der Dialekt nicht aus. Aber er verändert sich und das ist auch ganz normal, dass Sprache sich verändert. Sprachwandel gibt es immer, wenn eine Sprache lebt, also gesprochen wird. Erst wenn eine Sprache nicht mehr gesprochen wird, also tot ist, findet kein Wandel mehr statt. Im Hinblick auf den Dialekt ist es so, dass die so genannten Ortsdialekte – also Varianten, die man nur an einem Ort oder in einer kleinen Region spricht – zugunsten von Varianten aufgegeben werden, die in einer größeren Region gesprochen und verstanden werden. Es geht also heute mehr in Richtung Regiolekte.

 

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