Szenen aus dem prallen Alltag

Kabarett: Die Hohler Chaussee gastiert im Maximilian-Kolbe-Haus und hält nicht nur den Kahlgründern den Spiegel vor

Alzenau
2 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

»Guck emool do vorne, die Gelbe Säck!« Die Tochter (Tanja Bandhauer, rechts) fährt ihre Mutter (Susanne Hasenstab) heim in den Kahlgrund und braucht starke Nerven.
Foto: Miriam Schnurr
Mit der gewohnt-liebevollen Portion Lokalkolorit zeigte die Hohler Chaussee am Freitag im ausverkauften Maximilian-Kolbe-Haus skurrile und humorvolle Alltagsszenen aus dem Kahlgrund.
Das Team, bestehend aus Autorin Susanne Hasenstab, Emil Emaille, Tanja Bandhauer und Vic Schlusky, präsentierte nach dem gelungenen Auftritt in Hörstein bereits zum zweiten Mal sein aktuelles Programm »Ich wollt’ net hii« in Alzenau.

Erlös für Seniorenförderverein
Diesmal hatte das Lustige einen ernsten Hintergrund: Alle Einnahmen der rund 250 verkauften Karten kommen dem Seniorenförderverein zugute. Der genaue Betrag der Spende wird später bekannt gegeben.
In sieben amüsanten Kurzepisoden bekommt der Zuschauer Geschichten aus dem prallen Alltag zu sehen. Diese spielen zwar im Kahlgrund, aber auch der Besucher von außerhalb merkt schnell, dass darin eine manchmal erschreckende regionenübergreifende Allgemeingültigkeit enthalten ist, die uns in vertrauten Situationen gekonnt den Sinn und Unsinn unseres täglichen Handelns vor Augen führt.
Der Fleck auf der Hose
Ein wichtiger Teilaspekt ist dabei die Verschiedenheit der Geschlechter. Da haben wir als erstes das Ehepaar Doris und Alfred. Die beiden sind im Auto unterwegs zum Verwandtschaftsbesuch, und Doris nörgelt die ganze Zeit an ihrem Gatten herum: Was er denn für Klamotten anhabe, und da sei ein Fleck auf seiner Hose. Typisch Hausfrau muss sie diesen natürlich bekämpfen - und macht das Ganze nur noch schlimmer. Die Autofahrer mit hessischem Kennzeichen tragen nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Der größer werdende Fleck und die zunehmende Hysterie im Fahrerraum sorgen das erste Mal für schallendes Gelächter im Saal.
Aber auch die Damen bedienen ordentlich die Klischees. Später in der Kneipe geht es nämlich um die Esoterik-Ticks der Ehefrauen. Da liegen seit neuestem CDs mit Walgesängen und finnischen Chören daheim rum. Die beiden Männer entdecken ihr eigenes musikalisches Talent und ahmen prompt die Laute der im Spessart heimischen Tiere nach. Die Erkenntnis: Die Frauen verstehe, wer will. Zu Hause klingt es doch am schönsten.
Eine weitere Station des Alltags repräsentiert Aygüls Friseursalon: Dort tauschen Ursel und Notburga den neuesten Klatsch aus, den sie aus Zeitschriften erfahren. Das ist gar nicht so einfach, denn bei so viel Neuigkeiten verliert man schnell den Überblick. Die arme Heidemarie versucht unterdessen verzweifelt, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Irgendwie kommunizieren alle drei aneinander vorbei, und zeigen so, wie schrecklich inhaltslos manche Gespräche doch sein können, und wie wenig man eigentlich dem Gesprächspartner zuhört.
Amüsante Seitenhiebe auf Hessen
Eine wichtige Neuigkeit gibt es im Wirtshaus, wo der Zuschauer erfährt, dass der »Dings«, früher regelmäßiger Gast, doch tatsächlich in Offenbach wegen Unzucht verhaftet wurde. Selbst schuld, wer nach Hessen zieht - die netten kleinen Seitenhiebe auf’s Nachbarbundesland sind überall in den Episoden eingestreut und amüsieren die Zuschauer köstlich.
Die beiden in pink gekleideten Mädels, die in der Bembel den anstrengenden Schulalltag Revue passieren lassen, fragen sich unterdessen, warum sie nicht in Hessen zur Schule gehen dürfen. Da sei schließlich alles viel einfacher. Aber schnell steht fest: Auch der Besuch eines bayerischen Gymnasiums schützt nicht vor Bildungslücken. Myanmar ist schließlich kein neues Wellenbad in Hanau - oder doch?
Einer der Höhepunkte des Abends: Die Episode mit den beiden gesundheitlich angeschlagenen Damen beim Metzger, die einen fettigen Großeinkauf erledigen. Die schlechtesten Blutwerte aller Zeiten hin oder her - Hauptsache etwas Deftiges auf dem Teller. Eine einerseits lustige, andererseits böse Kritik ungesunder Essgewohnheiten mit einem Anflug von schwarzem Humor, die nachdenklich machen sollte.
Höhepunkt Nummer zwei: Mutter und Tochter auf der Fahrt von Aschaffenburg zurück in den Kahlgrund. Die alte Dame interessiert sich brennend für die Dinge, die gerade in der Nachbarschaft vor sich gehen: Wie viele Gelbe Säcke stehen vor welchem Haus? Wie groß ist Beates Garage? Schön langsam soll die Tochter fahren, damit die Frau Mama auch bloß nichts verpasst. Auch hier wird wieder deutlich, wie nahe das Überzogene und Realität beisammen liegen. So manche Dorf-Klatschbase wird sich in der betagten Dame mit der übertriebenen Neugier unfreiwillig wiedererkannt haben.
Fazit: Die Hohler Chaussee hält uns einen Spiegel vor, und ein bisschen erschreckt man vor dem Bild, das man sieht. Aber wie schräg wir in unserem Verhalten auch manchmal sein mögen - die Kahlgründer Kabarettgruppe zeigt: Irgendwie sind wir doch auch liebenswert.
Miriam Schnurr
Nächste Aufführung: Samstag, 27. November, Clubheim FV Viktoria Brücken, 20 Uhr (Kartenvorverkauf beginnt in Kürze).
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!