Stadt zieht Notbremse im Roßmarkt

Bürgerprotest: Genehmigung der zweijährigen Vollsperrung im Zentrum Aschaffenburgs nach starker Kritik vorerst ausgesetzt

Aschaffenburg
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Vorerst gestoppt: Ab Montag wollte die Stadt den Roßmarkt für den Neubau des Hauses 21 (rechts) vollsperren - für zwei Jahre. Im vorderen Roßmarkt (Bildmitte) wäre Lieferverkehr verboten worden. Nun gibt es neue Gespräche. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Bleibt An­woh­nern, Ge­schäfts­leu­ten und Kun­den der Aschaf­fen­bur­ger In­nen­stadt die zwei­jäh­ri­ge Voll­sper­rung des Roß­markts er­spart? Das städ­ti­sche Stra­ßen­ver­kehr­s­amt hat die be­reits er­teil­te Ge­neh­mi­gung vo­r­erst aus­ge­setzt.

Das ist auch eine Reaktion auf die Proteste von Ladeninhabern und Kommunalpolitikern, sagte der zuständige Sachgebietsleiter, Holger Hock.

Anlass ist der geplante Abriss und Neubau des Gebäudes Roßmarkt 21 (ehemals Aloha-Bar). Die Vollsperrung, die kurz vor Weihnachten angekündigt wurde, sollte am Montag, 10. Januar, beginnen und 24 Monate dauern.

Die Nachricht traf Anwohner und Kommunalpolitiker aus heiterem Himmel, empört sich der Vorsitzende der CSU Stadtmitte, Michael Alfen. Sie erfuhren erst aus der Berichterstattung unseres Medienhauses am 21. Dezember von der zweijährigen Vollsperrung. Es habe keinerlei Vorab-Information gegeben. Die Stadtverwaltung habe auch keinen Versuch unternommen, gemeinsam mit den Betroffenen andere Lösungen zu suchen oder zu prüfen.

Sperrung sogar bestritten

»Es ist noch schlimmer«, ergänzt Grünen-Stadtrat Claus Berninger, der mit seinem Colos-Saal direkter Nachbar der Baustelle ist. Die Stadtverwaltung habe zwar mit der Interessengemeinschaft (IG) Roßmarkt gesprochen. Doch da sei nur von einer halbseitigen Sperrung die Rede gewesen. Selbst auf Nachfrage habe das Stadtplanungsamt erklärt, eine Vollsperrung sei nicht vorgesehen.

Hock weist den Verdacht zurück, die Verwaltung habe das Ausmaß bewusst verschleiert. Das fragliche Gespräch habe im Juni 2021 stattgefunden. Damals sei tatsächlich nur eine halbseitige Sperrung genehmigt gewesen. Erst danach habe sich herausgestellt, dass neben dem Baumaterial zusätzlicher Platz für den Kran notwendig und eine Vollsperrung unumgänglich sei.

Den Betroffenen nie mitgeteilt

Richtig sei aber, dass dies den Betroffenen nie mitgeteilt wurde, so Hock. Die Corona-Pandemie habe eine Anwohnerversammlung verhindert, eine Informationsschrift des Bauherren sei erst nach der Veröffentlichung im Main-Echo fertig geworden.

Besonders hart würde die Vollsperrung die Ladeninhaber und Gewerbetreibenden treffen. Denn weil es an der Baustelle keine Wendemöglichkeit gibt, wollte die Stadt den Lieferverkehr »möglichst draußen halten«. Im vorderen Abschnitt des Roßmarkts zwischen DM und Colos-Saal sollte der Lieferverkehr komplett verboten sein, obwohl in diesem Abschnitt ein Einrichtungs- und ein Musikhaus liegen. Die Lieferfahrzeuge sollten in der Friedrichstraße halten, der Transport zu den Läden dann zu Fuß erfolgen.

Dass ein Abriss und Neubau in der engen Innenstadt gelegentlich zu Vollsperrungen führen kann, werde von den Anwohnern nicht in Frage gestellt. Aber 24 Monate seien zu viel. Alfen verweist auf die jüngste Entwicklung. Lange war der Roßmarkt wegen der Umgestaltung gesperrt. Dann folgte für anderthalb Jahre eine halbseitige Sperrung, schließlich der pandemiebedingte Lockdown. Viele Geschäftsleute könnten zwei weitere Jahre mit maximalen Einschränkungen nicht mehr verkraften.

Entsprechend groß ist der Protest aus diesem Kreis. Nahezu alle Geschäftsleute beteiligten sich daran, berichtet Berninger. Zehn gehörten zu den Hauptakteuren - darunter die Vorsitzende der IG Roßmarkt, Hannah Hench-Haupt.

Die Stadtverwaltung reagierte mit einer Anwohnerversammlung zwischen den Jahren. Da habe der Platz für die Interessierten gar nicht gereicht, berichten Alfen und Berninger. Holger Hock, relativ neu im Amt, habe sich als einziger Vertreter der Stadtverwaltung der Diskussion gestellt. Amtsleiter, Referenten oder gar Bürgermeister hätten sich nicht sehen lassen. Auch der zuständige Quartiersmanager Klaus Stöppler sei gar nicht erst gekommen.

Neue Gespräche angekündigt

Entsprechend sei das Treffen ohne Ergebnis verlaufen. Stadt und Bauträger hätten die zweijährige Vollsperrung lediglich als »alternativlos« verteidigt.

Erst nach weiteren Brandbriefen, unter anderem von Hannah Hench-Haupt und Stefan Wagener (Grüne), sowie nach Anträgen der CSU und der KI scheint die Stadtverwaltung jetzt die Notbremse zu ziehen. Die Sperrgenehmigung ist ausgesetzt, der Abriss verschoben. Ab Montag sollen Gespräche über neue Verkehrslösungen geführt werden.

Hock dämpft allerdings die Erwartungen. Die Baugenehmigung sei erteilt. Das Straßenverkehrsamt müsse nun für eine sichere Umsetzung sorgen. Neue Lösungen setzten zudem die Bereitschaft des Bauträgers voraus, daran mitzuwirken.

Dieser Punkt entfacht zusätzliche Kritik der Kommunalpolitiker. Die Stadtverwaltung habe im Vorfeld nur die Interessen des Bauträgers im Blick gehabt. Die 25 Einzelhändler, Gastronomen und Dienstleister hätten aber auch existenzielle Interessen.«

Die neue Bürgernähe

Die Zeiten, in denen »Transparenz und Bürgernähe« zu den Zielen der Aschaffenburger Stadtverwaltung zählten, sind offensichtlich vorbei. Es ist schon ein Hammer, wenn die Stadt die Anwohner, Händler oder Dienstleister im Roßmarkt wenige Tage vor Beginn darüber informiert, dass sie ihnen mal eben für 24 Monate die Straße sperren und Lieferverkehr teilweise sogar verbieten will. Schlimmer noch, wenn sie jeden Versuch vermeidet, mit den Betroffenen vorab über die Notwendigkeit dieses Eingriffs oder mögliche andere Lösungen zu reden.

Dieser Vorgang ist ohne Beispiel in den zurückliegenden Jahrzehnten. Auch die Corona-Pandemie, die für vieles herhalten muss, vermag ihn nicht zu entschuldigen. Gab es zwischen Juni und Weihnachten wirklich keine Gelegenheit, die Betroffenen einzubeziehen. Konnte die Verwaltung nicht einmal selbst darüber nachdenken, ob die angepeilte Lösung wirklich die beste ist - im Sinne aller Interessen?

Im Vordergrund standen wohl eher die Interessen des Bauherrn und die Hoffnung, der Sturm der Entrüstung werde sich schon legen, wenn die Katze aus dem Sack ist und sich nicht mehr einfangen lässt. Das völlige Abtauchen der Verantwortungsträger im Rathaus vor der Kritik spricht Bände. Oder fehlt ein vierter Bürgermeister?

Bessere Lösungen hängen freilich stark von der Bereitschaft des Bauherrn ab, daran mitzuwirken. Er kann auf Genehmigungen pochen, und anders als die Stadt ist er nicht der Bürgernähe verpflichtet. Allerdings ist ihm sicher an einer guten Nachbarschaft gelegen, er könnte daher für Kompromisse offen sein. Diese Hoffnung allein können die Anwohner ihrer Stadtverwaltung entgegensetzen.

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