Samstag, 23.01.2021
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So hat Notärztin Silke Staudt den Aschaffenburger Wohnungsbrand erlebt

Motto ist "Finde die Roten und hilf ihnen"

Aschaffenburg
Dramatische Rettung in Aschaffenburg
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2 Min.

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Wärmelampen werden für den Verbandwechsel benötigt. Foto: Arne Dedert (dpa)
Foto: Arne Dedert
Eine Intensivtherapieeinheiten für Brandverletzten. Foto: Holger Hollemann (dpa)
Foto: Holger Hollemann
Eine Intensivtherapieeinheit für Brandverletzte. Foto: Holger Hollemann (dpa)
Foto: Holger Hollemann
Als No­t­ärz­tin Sil­ke Staudt am 6. Sep­tem­ber zu ei­nem Woh­nungs­brand in die Obernau­er Stra­ße in Aschaf­fen­burg alar­miert wird, rückt nicht nur sie ge­mein­sam mit ih­rer Fah­re­rin an, son­dern zwei wei­te­re Not­arzt­ein­satz­fahr­zeu­ge, sie­ben Ret­tungs­wa­gen, drei Ret­tungs­hub­schrau­ber, ein Ein­satz­mo­tor­rad so­wie elf Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge in­k­lu­si­ve zwei Dreh­lei­tern. Ins­ge­s­amt sind et­wa 85 Ein­satz­kräf­te vor dem Wohn­haus. Wie be­hält man in ei­ner sol­chen Si­tua­ti­on den Über­blick? Wie or­ga­ni­siert man die Hel­fer-Men­gen?

»Als ich kam, hieß es zunächst noch, dass es vier Verletzte gibt«, erinnert sich Staudt. Später stellte sich heraus, dass es acht Patienten gibt. Neben der Mutter und den beiden Söhnen, die bei dem Wohnungsbrand Verbrennungen, Inhalationstraumata und einen Bruch erlitten, wurden auch fünf Ersthelfer verletzt. Einigen machte der eingeatmete Rauch zu schaffen. Andere hatten sich beim Auffangen der Familie mit Hilfe von Matratzen zum Beispiel Brüche zugezogen.

Statt zu behandeln übernahm Notärztin Silke Staudt die Organisation. Foto: S.Gregor
Foto: Stefan Gregor

Instinktiv das Richtige getan

Auch wenn einige der Nachbarn und Passanten dabei verletzt wurden, war diese Art, die Familie zu retten, »eine saugute Idee«, wie Staudt sagt. »Ich konnte es kurz nicht fassen, aber das war klasse.« Auch danach hätten die Ersthelfer direkt das Richtige getan, »wahrscheinlich instinktiv«. Sie redeten mit der Mutter und den Kindern. »Reden nimmt die Schmerzen nicht komplett, aber es hilft.«

Die Ersthelfer hatten die Mutter und ihre Söhne bereits auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Wohnhaus gesammelt, als Staudt am Einsatzort eintraf. »Da habe ich zugesehen, dass ich hinkomme«, erinnert sie sich. »Ein verletzter Ersthelfer konnte laufen, dem habe ich gesagt: Setz dich und schau, dass du nicht vergessen wirst.«

Dann habe sie die übrigen Patienten von rechts nach links angeschaut. »Wichtig ist, dass man die Verletzten der Reihe nach sichtet, damit man keinen vergisst.« Das Sichten gehört zum sogenannten Triage-System, mit dem Patienten nach Dringlichkeit eingeteilt werden: Grün sind all jene, die laufen können. Bei Rot müsse man genauer hinsehen. »Die Mutter war definitiv rot, die Kinder wegen des Inhalationstraumas auch.« Im Nachhinein denkt Staudt, dass sie den Fünfjährigen zu hoch triagiert hat, also als schwerer verletzt eingeordnet hat, als er eigentlich war. »Aber er hat den Mund nicht aufgemacht«, erinnert sie sich. Das habe eine Einschätzung für sie erschwert.

Aschaffenburg, BRK Rettungswache: Anhängekarte für Verletzte/Kranke bei größeren Notfalleinsätzen. Foto: Stefan Gregor 16.09.2020
Foto: Stefan Gregor
Aschaffenburg, BRK Rettungswache: Anhängekarte für Verletzte/Kranke bei größeren Notfalleinsätzen. Foto: Stefan Gregor 16.09.2020
Foto: Stefan Gregor

Einsatzkräfte sortieren erstmal

Für die Patienten und Ersthelfer muss sich dieses Triage-System befremdlich angefühlt haben, mutmaßt die Notärztin. »Das irritiert, weil Einsatzkräfte in so einem Fall erstmal sortieren.« Die Notärztin läuft herum, schaut die Patienten kurz an und ihre Fahrerin verteilt die Zettel mit der Farbe, die die Notärztin vorgibt. »Der Gedanke ist: Finde die Roten und hilf ihnen.«

Dadurch, dass Staudt noch vor dem ersten Rettungswagen vor Ort war, hat sie dieses Sortieren und Organisieren übernommen. Denn normalerweise tut dies die Besatzung des ersteintreffenden Rettungswagens. »Ärztlich gearbeitet habe ich eigentlich gar nicht. Ich war an keinem Patienten, sondern habe nur organisiert.« Nach dem Sichten hat Staudt die weiteren eintreffenden Kräfte dorthin geschickt, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Denn: »Wer wo ist, wusste ich immer.«

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Wohnungsbrand in Aschaffenburg
Foto: Ralf Hettler |  20 Bilder
Hintergrund: Verbrennungsverletzungen und die Folgen

Verbrennungen können unterschiedlich schlimm ausfallen:

  • 1. Grad: Die Haut ist gerötet, leicht geschwollen und schmerzt. Die Verbrennung heilt jedoch wieder völlig ab.
  • 2. Grad: Es bilden sich Blasen. Der Patient hat starke Schmerzen. Die Verbrennung kann komplett abheilen oder Narben hinterlassen.
  • 3. Grad: Die Haut wird schwarz-weiß, aber der Patient hat keine oder nur geringe Schmerzen, da die Nervenenden zerstört sind. Die Verbrennungen sind irreversibel.
  • ?4. Grad: Die Haut ist verkohlt, alle Hautschichten sowie darunter liegende Knochen und Muskeln sind betroffen. Der Patient hat keine Schmerzen. Die Verbrennungen sind irreversibel.

Notärztin Silke Staudt erklärt, dass Verbrennungsopfer Flüssigkeit bekommen und wegen des eingeatmeten Rauchs Sauerstoff. Sie werden an den verbrannten Hautstellen mit einem etwa Bettlaken großen Tuch steril abgedeckt und möglichst schnell in eine von etwa 25 Spezialkliniken in Deutschland gebracht.

In diesen Kliniken gehe es darum, die verbrannten Hautflächen soweit möglich zu retten und die Narbenbildung zu beeinflussen, damit es zum Beispiel nicht zu dauerhaften Einschränkungen bei der Nutzung der Hände komme. Außerdem gebe es dort Druckkammern, die quasi das Kohlenmonoxid aus dem Blut holen. 

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