"Schließlich geht es um unsere Zukunft"

Soziales: Die Alzenauer Kindertagesstätte Kunterbunt darf sich demnächst Eine-Welt-Kita nennen - Umwelt und Mitmenschen im Blick

Alzenau
3 Min.

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Die Alzenauer Kindertagesstätte Kunterbunt wird als Eine-Welt-Kita zertifiziert. Eisbär -Model das die Kinder selbst gebastelt haben © Harald Schreiber
Foto: Harald Schreiber
Der integrative Kindergarten Kunterbunt in Alzenau wird als Eine-Welt-Kita ausgezeichnet. Die Frage "Was können wir tun, dass es unserer Erde besser geht?" beschäftigt Leiterin Anja Skalitz, ihr Team und die Kinder.
Foto: Victoria Schilde
Ein Me­mo­ry mit Kin­dern aus al­ler Her­ren Län­der, fair ge­han­del­ter Kaf­fee und Ka­kao und ei­ne Sam­mel­kis­te für Klei­dung zu­guns­ten ar­mer Men­schen: Das sind nur drei Bau­stei­ne, die der in­te­g­ra­ti­ven Kin­der­ta­ges­stät­te Kun­ter­b­unt in Al­zenau das Sie­gel "Ei­ne-Welt-Ki­ta" ein­ge­bracht ha­ben. Die Le­bens­hil­fe-Ein­rich­tung er­hält das Zer­ti­fi­kat am 7. Mai als erst fünf­te Kin­der­ta­ges­stät­te des Ve­r­eins Ei­ne-Welt-Netz­werk Bay­ern. Lei­te­rin An­ja Ska­litz (52) er­läu­tert, was das für den All­tag im Kin­der­gar­ten be­deu­tet.

Frau Skalitz, vor einem Jahr haben Sie, Ihr Team und die Kinder auf Strom verzichtet. Nun werden Sie als Eine-Welt-Kita ausgezeichnet. Gibt es einen Zusammenhang?

Ja, das ist aus der stromfreien Woche entstanden. Die Kinder waren so wissbegierig und wollten Hintergründe zur Klimaerwärmung und CO2-Ausstoß erfahren. Die Frage "Was können wir tun, dass es unserer Welt besser geht?" beschäftigt uns. Im August haben wir eine Liste an die Bibliothek gegeben und uns auch ein Buch gewünscht, das zeigt, wie Kinder in Ländern leben, wo Strom und Elektrizität nicht so verbreitet sind wie bei uns. Daraufhin regte eine Bibliotheksmitarbeiterin an, dass wir uns als Fairtrade-Kita bewerben sollen. Beim Recherchieren haben wir erfahren, dass wir die Kriterien dafür eigentlich schon seit Jahren erfüllen. Wir mussten eigentlich nur einen Kindergartenrat bilden. Alzenau ist Fairtrade-Stadt und deshalb war für uns klar, dass wir das Zertifikat wollen, wenn wir uns nicht zu sehr verbiegen müssen.

Eines der Kriterien besagt, dass die Einrichtung mindestens zwei Produkte aus fairem Handel verwenden muss. Ist das nicht viel teurer als herkömmliche Produkte?

Wir benutzen schon immer fair gehandelten Tee, Kaffee und Kakao. Uns ging es darum, biologische und nachhaltige Produkte einzusetzen. Auf die Gebühren schlägt sich das nicht nieder.

Der Eine-Welt-Gedanke geht ja noch über den Umweltschutz hinaus...

Ja, die sozialen Aspekte spielen eine wichtige Rolle. Ein Kriterium heißt deshalb auch kultursensible Haltung. Auch schon früher haben wir mit den Kindern musikalische Weltreisen unternommen oder darüber gesprochen, wie Kinder in anderen Ländern leben. Das haben wir jetzt noch verstärkt, aber anfangs hatten wir ehrlich gesagt etwas Angst davor, mit den Kinder über Themen wie Kinderarbeit zu sprechen. Wie schaffen wir es, das so herunterzubrechen, dass es nicht verfälscht wird, aber trotzdem ankommt?

Wie ist das gelungen?

Wir haben das mit dem Thema "Die Reise des T-Shirts" angepackt. Die Kinder sollten zählen, wie viele T-Shirts sie daheim haben und ihre Lieblings-T-Shirts mitbringen. Dann haben wir auf den Etiketten nachgesehen, wo sie herkommen und das auf einer Weltkarte markiert. Die meisten kamen aus Bangladesch. Als wir uns mit dem Land beschäftigten, sahen die Kinder auch Kinder auf dem Feld stehen. Die erste Reaktion war: "Die verdienen schon ihr eigenes Geld, dafür würde ich mir Spielzeug kaufen!" Wir haben dann erklärt, dass die Familien oft kein Geld für Kindergarten oder Schule haben. Die Kinder fanden es furchtbar, dass ihre Altersgenossen in Bangladesch nicht spielen können. Bald sagte ein fünf Jahre altes Kind: "Da müssen wir doch etwas tun." Das war das bisher bewegendste Projekt für uns.

Sie leiten eine integrative Kindertagesstätte, wo behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam spielen und lernen. Beeinflusst das die Sicht auf die Welt?

Ich denke schon. Unsere Kinder lernen vom ersten Tag an, dass es nicht nur gesunde Kinder gibt. Unsere Kinder sehen schon früh, dass es nicht überall gleich läuft.

Wie engagiert sich die Kita Kunterbunt?

Alle sechs Wochen richten wir ein Fairtrade-Café aus, zu dem jeder kommen kann. Es gibt Kuchen aus fair gehandelten Zutaten, die die Eltern backen. Der Erlös geht an ein Krankenhaus im Kongo. Wir haben auch Kontakt zum Café Arbeit aufgenommen: In einer Kiste sammeln wir nun gut erhaltene Kinderkleidung. Schon früher und weiterhin unterstützen wir Weihnachtstransporte nach Osteuropa.

Wie steht es um den erhobenen Zeigefinger? Dürfen Familien nun nicht mehr mit dem Flugzeug in den Urlaub fahren oder Kindern einen Pudding im Plastikbecher mitgeben, weil es nicht zur Eine-Welt-Kita passt?

Das steht uns gar nicht zu. Was ein Kind zum Essen dabei hat, haben wir nicht zu bewerten. Und wir fliegen auch privat in den Urlaub. Unsere Überlegung ist: Wenn jeder ein bisschen verändert, ist es in der Summe viel. Ein Beispiel: Bei einem Elternabend haben wir für Müllfasten und Nachhaltigkeit geworben. Eine Mutter gibt ihrem Kind seitdem einen selbstgekochten Pudding in einem Döschen mit in den Kindergarten statt eines gekauften Produkts im Plastikbecher.

Könnten Sie auf waschbare Windeln umsteigen, um Müll zu vermeiden?

Nein, das geht nicht wegen der Hygienevorschriften.

Was haben Sie in diesem Kindergartenjahr noch geplant?

Wir wollen demnächst selbst Fußbälle aus Plastiktüten basteln, so wie es Kinder in Afrika machen. Im Juni holen wir einmal mit kleinen Eimern Wasser aus der Kahl, um deutlich zu machen, wie weit Kinder woanders laufen müssen, um an Wasser zu kommen. Dank unserer Kinder gehen uns die Ideen nicht aus.

Würden Sie auch andere Einrichtungen ermutigen, sich um das Zertifikat zu bemühen?

Ja klar! Je mehr mitmachen, umso besser. Schließlich ist es unsere Zukunft, um die es geht.

Nächstes Fairtrade-Café in der Alzenauer Kindertagesstätte Kunterbunt (Schlehenweg 9) am Mittwoch, 20. März, von 15 bis 18 Uhr, Anmeldung: Tel. 06023/310123

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