Osterlämmer zur Weihnachtszeit

Natur: Jetzt werden die Tiere geboren, die zu Jesu Auferstehung auf den Tisch kommen - Besuch bei Schäfer Theo Merkel

Aschaffenburg
4 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Irgendwie immer im Dienst: Schäfer Theo Merkel.
Foto: Stefan Gregor
Gerade geboren: zwei Lämmer aus der Herde von Schäfer Theo Merkel. Er hat in den Weihnachtswochen viel zu tun - im Dezember kommen die Osterlämmer zur Welt. Fotos: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Da hat’s doch tat­säch­lich ge­klappt: Pünkt­lich zum Ter­min mit Schä­fer Theo Mer­kel hat ei­nes sei­ner Mut­ter­tie­re Nach­wuchs be­kom­men - dop­pelt so­gar. Die Läm­mer, kei­ne zwei Stun­den alt, ste­hen schon. Drau­ßen auf der Wei­de, der Bo­den ge­fro­ren. Für Schä­fer Mer­kel herrscht jetzt im De­zem­ber Hoch­kon­junk­tur. Wenn’s übe­rall weih­nach­tet, kom­men die Läm­mer zur Welt, die für das Os­ter­fest - nun ja - be­stimmt sind.
Merkel ist 60 Jahre alt, gebürtiger Niedernberger, wohnt dort und hat dort seinen Stall. Sein Vater war Berufsschäfer. Er ist es auch. Mit zwölf hat er sich seine beiden ersten Mutterschafe gekauft. Merkel ist Wanderschäfer. Er hütet seine Tiere, zieht mit ihnen umher. Schweinheim, ehemaliger Exerzierplatz, oben an den drei Kreuzen, Obernau, auch bis runter an die Fasanerie: Merkels Herde - 500 Mutterschafe - beweiden in Aschaffenburg 150 Hektar, gepachtet von der Stadt und von vielen Privatbesitzern.
Von Januar bis Dezember ist Merkel mit seinen Merino-Schafen im Freien, Ausnahme: März, seit zwei Jahren. Da sind die Tiere im Stall. Die Bauern machen - früher als früher - Silage. Da ist das Angebot an Fressbarem draußen rar. Merkel hat Wiesen und Äcker in Obernau. Von dort kommt das Futter, das im Stall gereicht wird. Hafer und Wintergerste, dazu, weil’s Kraft gibt, Grassilage und Heu. »Alles selbst angepflanzt.« Man merkt bei Merkel: Das Futter ist das Wichtigste, da ist er in seinem Element…
…und kommt gleich auf die Lämmer zu sprechen. Davon, wann sie »Fleischfülle haben«, schlachtreif sind. Brust, Rücken, Keule: Der Schäfer sieht das, da muss er gar nicht hinlangen. »Mastfutter gibt’s bei mir nicht. Das Lamm darf nicht verfettet sein.«
Während er in gefütterten Schuhen, im Mantel und mit Hut auf der Winter-Wiese steht, genügt ein Blick, um seine Herde zu dirigieren. Ein »Komm!« zu Schäferhündin Dolli reicht, und die Schafe stehen wieder beieinander.
Merkels 500 Mutterschafe bekommen im Jahr rund 650 Lämmer. Vom Schallenberg-Virus, das im Januar/Februar in anderen Herden zu Missbildungen geführt hat, seien sie verschont geblieben. 500 schlachtet er im eigenen Betrieb. Viermal in zwölf Monaten ist »Lammzeit«. Ein Großteil des Nachwuchses kommt jetzt im Dezember und im Februar zur Welt, dann noch mal im März und im Juli/August. Das will geplant sein.
Für die Dezember-Lämmer heißt das: Am 1. Juli hat Merkel drei Böcke zur Herde gelassen - für vier Wochen. Im Dezember erwartet er nach fünfmonatiger Tragzeit 200 Lämmer. Zu Weihnachten geboren, fürs Geschäft zu Jesu Auferstehung eingeplant.
Diese Dezember-Lämmer und ihre Mütter fährt Merkel in den Stall, damit sie bestens versorgt werden. Ein Schlachtgewicht von 20 Kilo ist das Ziel. »Fleischfülle, kein Knochengerüst.« Merkel hebt den Zeigefinger.
Er selbst steht auf Kuchen und Mehlspeisen, ist kein großer Fleischesser. »Ich kann doch nicht den ganzen Tag meine Tierlein hüten und sie dann aufessen. Das mach’ ich nicht.«
Gestiegen sind die Preise fürs Lammfleisch. Sieben Euro fürs Kilo (geschlachtet), früher waren es einmal fünf. Das liege auch daran, dass es immer weniger Schäfer gibt. Das Fleisch verkauft er an Metzger, türkische Geschäfte, Gaststätten.
Gestiegen sind auch die Preise für die Wolle. Geschoren wird ein Mal im Jahr. Rund 65 Cent pro Kilo habe es über Jahre hinweg gegeben, 2011 waren es 1,80 Euro, heuer 1,60. Dahinter stecke die Nachfrage aus China.
Lämmer braucht Merkel auch, um seine Herde aufrecht zu erhalten. Pro Jahr hat er 60 bis 70 Brackschafe. Das sind etwa zehn Jahre alte Wiederkäuer, deren Gebiss abgenutzt ist. Schlachtschafe, die zu Wurst verarbeitet werden. Deren Stelle in der Herde nehmen »Zutreter« ein - Lämmer aus dem eigenen Bestand.
Während Merkel sich auf seine Schäferschippe mit Fanghaken lehnt (»Mein drittes Standbein«) und das alles erzählt, steht unweit das Mutterschaf mit den beiden Neugeborenen. »Ein gutes Mutterschaf.« Es tut sich bei der Geburt - der Schäfer spricht vom »Lammen« - nicht schwer; es hat genügend Milch (vor allem die Biest- oder Erstmilch, die wichtig ist für die Abwehrkräfte); es kümmert sich sofort um den Nachwuchs, leckt die Lämmer ab.
Merkels Tag beginnt um sechs. Wenn’s hell wird, fährt er raus zur Herde; sie hat die Nacht in einem Pferch verbracht. Dann Stallarbeit. Nach dem Mittagessen wird der Pferch geöffnet, Merkel geht mit seinen Schafen auf Reisen. Bei Brüll-Hitze, bei Peitsch-Regen, wenn Wind von vorne kommt, wenn Kälte in die Knochen beißt. Wann er heimkommt? »Dunkel wird’s immer.« Dann warten die Hunde und das Büro. Seine Frau arbeitet mit, der Sohn hilft. Hüten ist allerdings Chefsache. Urlaub? Zwei Wochen in die Sonne? »Geht nicht.«
Das hat alles so gar nichts vom sprichwörtlich-idyllischen Schäferleben mit Lagerfeuer und Sonnenuntergang. Merkel käme wohl auch nie auf die Idee, seine Arbeit mit Romantik zu verwechseln, vom guten Hirten zu reden, jetzt in der Weihnachtszeit, wo der Hirte in keiner Krippe fehlen darf. Und doch erzählt da draußen auf der frostigen Weide einer so leidenschaftlich von seinem Beruf, dass man ihn manchmal bremsen muss. Merkel sagt, man möchte es in Stein hauen: »Schäfer wird man nicht. Als Schäfer wird man geboren.« Matthias Schwind
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!