Nach SEK-Einsatz in Mömbris: 44-Jähriger muss in Psychiatrie

Justiz: Urteil am Landgericht - Angehörige erleichtert

Aschaffenburg
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"Ich, al­lei­ne zu­hau­se, das geht nicht", sagt der Be­schul­dig­te am Frei­tag vor dem Land­ge­richt Aschaf­fen­burg.

So sehen es auch die anderen Beteiligten an dem Sicherungsverfahren gegen den 44-Jährigen - nur mit unterschiedlichen Vorstellungen über die Konsequenz für den psychisch kranken Mann, der bat: »Bitte sperren Sie mich nicht ein.«. Laut Entscheidung der Kammer muss er jedoch dauerhaft in eine psychiatrische Klinik.
In einem Mömbriser Ortsteil hat der Beschuldigte seit vielen Jahren seine Nachbarn verängstigt und immer wieder für Polizeieinsätze gesorgt, mehrfach unter Beteiligung des Spezialeinsatzkommandos (SEK). Dies geschah in psychotischen Phasen, in denen der Mann, der an einer schizoaffektiven Störung leidet, seine Medikamente unregelmäßig nahm, Drogen und Alkohol konsumierte.


Lange Vorgeschichte

Am Freitag widmet sich das Gericht einem - sehr langen -Prolog zum aktuellen Verfahren. In der Biografie des Mannes gab es zwei Punkte, die jeweils heftige Phasen nach sich zogen: als er wegen einer Verletzung des Dienstgeheimnisses vom Polizeidienst suspendiert wurde und als er und seine Partnerin sich trennten.
Nach der Suspendierung vor mehr als 15 Jahren entwickelte er die Vorstellung, die Polizei observiere ihn, sein Essen werde vergiftet, ein Sender sei ihm implementiert worden. Auf die Androhung eines Suizids folgte der wohl erste SEK-Einsatz, bei dem er einem Polizeihund mit einem Messer in den Kopf stach. Das Aschaffenburger Landgericht entschied damals, dass die Unterbringung des Mannes zur Bewährung ausgesetzt wurde. Diese Bewährung hielt er auch durch.
Dann jedoch stand er mehrfach vor Gericht: Drogenmissbrauch, unerlaubter Waffenbesitz, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Immer wieder wurde seine Schuldunfähigkeit festgestellt, zu längeren Aufenthalten in der Psychiatrie kam es nie - sie wurden nicht angeordnet, er absolvierte sie aber auch nicht freiwillig.

Idee einer Art Bürgerwehr

Zu einer erneuten Zuspitzung kam es nach der Trennung von seiner Partnerin vor zwei Jahren. Zunehmend richteten sich die Aggressionen und Angriffe nicht mehr nur gegen Polizisten - seine ehemaligen Kollegen -, sondern auch gegen die Familie seines Bruders, die im selben Ort wohnt und die er unter anderem mit dem Tode bedrohte. »Sehr erschreckend« sei das für die Angehörigen gewesen, sagte Staatsanwältin Silke Hoheisel vor Gericht. Als Beispiel für die drastische Gewalt erwähnte sie, dass er einmal so heftig gegen die Haustür der Familie gehämmert hatte, dass sogar der Türrahmen ausgetauscht werden müsste. »Die ganze Ortschaft ist verängstigt«, so Hoheisel. Das Verhalten, das er in seinem Wohnort an den Tag legte, und die zahllosen Polizeieinsätze führten dazu, dass die anderen Anwohner überlegten, eine Art bewaffnete Bürgerwehr zu bilden.
Der Vorfall, der schließlich zum Gerichtsverfahren führte, ereignete sich im Januar 2020, als wieder das SEK anrückt. Der 44-Jährige war mit Stahlhelm, Schutzweste und Axt einer Streife entgegengelaufen, es wäre beinahe zum Schusswaffengebrauch gekommen. Dann bewarf er wieder einmal Polizisten, unter anderem mit einem schweren Metallklotz. Am Ende stach er wieder mit einem Messer auf einen SEK-Hund ein, wurde wieder einmal ins Bezirkskrankenhaus gebracht.
Verteidiger Jens Goymann betonte im Plädoyer, dass bei den Vorfällen niemand tatsächlich verletzt worden sei. Die Streife, die fast geschossen hätte, habe zudem keine psychischen Folgen erlitten. Der Anwalt zeigte die Möglichkeit auf, den Beschuldigten mit Depotmedikamenten zu behandeln und in einer betreuten Wohngruppe unterzubringen. Er beantragte eine Aussetzung der Psychiatrieunterbringung zur Bewährung.

Schuldunfähig und gefährlich

Das Gericht folgte allerdings der Forderung der Staatsanwältin auf Unterbringung des Beschuldigten in einer psychiatrischen Anstalt. Diese Maßnahme - es handelt sich juristisch gesehen nicht um eine Strafe - ist unbefristet, wird aber regelmäßig überprüft. Der Vorsitzende Richter Karsten Krebs sagte mit Nachdruck, es gebe keinen Anlass, die Angriffe auf Polizisten und Angehörige zu bagatellisieren. Das Gericht geht davon aus, dass der 44-Jährige schuldunfähig war und für die Allgemeinheit gefährlich ist. Ohne Unterbringung drohten »mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ähnliche oder schwerere Taten«, so Krebs. Polizei und Justiz hätten in der Vergangenheit alles versucht, um dem Mann ein Leben außerhalb einer Klinik zu ermöglichen.
Die Familie des Bruders gab sich nach dem Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist, erleichtert. Der Bruder sagte auf dem Gerichtsflur: »Es ist das Beste für ihn.«

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