Muttermilch für chinesische Frühchen

Aschaffenburg
2 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Eltern zu den Frühchen: Auf der Frühgeborenenstation von Christian Wieg am Klinikum (von links) hat Youfeng Ma erfahren, wie wichtig es ist, Eltern wie Franziska und Christian Huber in die Behandlung einzubeziehen.
Foto: Stefan Gregor
Mut­ter­milch, das steht für die chi­ne­si­sche Früh­ge­bo­re­nen-Me­di­zi­ne­rin You­feng Ma nach zwei Mo­na­ten in Aschaf­fen­burg fest, soll in ih­rer Ab­tei­lung und ih­rem Kran­ken­haus im zen᠆­tral­chi­ne­si­schen Kai­feng in Zu­kunft ei­ne tra­gen­de Rol­le spie­len. Seit An­fang März ho­spi­tiert die 45-Jäh­ri­ge in der Neo­na­to­lo­gie an der Kin­der­k­li­nik und hat da­bei ein ganz neu­es Sys­tem ken­nen­ge­lernt.

Ma leitet am Kinderkrankenhaus in Kaifeng die Neonatologie, auf deren Intensivstation Neu- und Frühgeborene behandelt werden. 3000 Patienten verzeichnet ihre Station jedes Jahr. Zum Vergleich: Auf der Aschaffenburger Frühchenstation werden jedes Jahr 800 Kinder versorgt.
Noch frappierender ist die Gesamtzahl kleiner Patienten am Kinderkrankenhaus in Kaifeng: 200.000 Behandlungen verbucht die Klinik in der Vier-Millionen-Einwohner-Stadt (Aschaffenburg: 12.000). Grund dafür ist nicht nur die Größe des Landes, wie Wieg erläutert.» In China gibt es keine niedergelassenen Kinderärzte.«

Von Geburtshelfern getrennt
Die Arbeit der Frühgeborenenmediziner in China prägt ein anderer Faktor aber noch mehr: Die Verzahnung mit der Geburtshilfe, die das anerkannte Perinatalzen?trum Level 1 am Klinikum Aschaffenburg-Alzenau auszeich?net, gibt es kaum. Laut Wieg gibt es nur wenig Wissen über die Verhinderung von Frühgeburten.

Wieg, der im Oktober nach China gereist war, berichtet, dass viele Mütter direkt nach der Geburt das Krankenhaus verlassen und nicht wie meist in Deutschland noch zur Nachsorge in der Klinik bleiben.

Doch selbst wenn sie nach Kaiserschnitten im Krankenhaus bleiben, gibt es nicht wie in Deutschland eine standardmäßige Vorsorgeuntersuchung. »China ist sehr entwickelt, aber die flächendeckende Früherkennung ist nicht so gut«, ergänzt Wieg.

So unterschiedlich die Ausgangsbedingungen in deutschen und chinesischen Krankenhäusern sind, Youfeng Ma hat in den vergangenen zwei Monaten in Aschaffenburg wertvolle Anregungen gesammelt, die sie mit nach Kaifeng nehmen wird.

Eine betrifft die Muttermilch: »Ich will einen Abpumpraum anregen«, sagt die 45-Jährige auf englisch. Bislang ist es in ihrer Kinderklinik nicht üblich, dass die Mütter ihre Milch bringen und diese den Kindern gefüttert wird.

Wieg hält dies jedoch für einen entscheidenden Faktor in der Entwicklung von Kindern im Allgemeinen und Frühgeborenen im Besonderen. »Das ist eine riesige immunologische Stellweiche«, sagt er und verweist auf die Entstehung von Darmbakterien.

Einen weiteren Punkt, den Ma in China angehen möchte, ist für deutsche Eltern selbstverständlich: In den Krankenhäusern im Reich der Mitte ist es nicht üblich, Mütter und Väter auf Station zu den Kindern lassen. Neben Platzgründen und Hygienebedenken nennt Wieg folgenden Grund: »Es gibt dafür einfach keine Tradition.«

Siebte Hospitantin aus China
Der Aschaffenburger Experte für Frühgeborenenmedizin hält es jedoch für wichtig, die Beziehung zwischen Mutter und Kind nicht zu stören. »Neugeborene orientieren sich über Geruch und Berührungen. Sie erkennen am Geruch, ob ein Arzt, eine Schwester oder die Eltern da sind.« Für viele Frauen sei es zudem traumatisch, wenn sie von ihrem Neugeborenen getrennt würden.

Auch wenn es erst einmal widersprüchlich klingt: Wieg hält von einer Trennung auch aus hygienischen Gründen nichts. »Keimfrei gibt es nirgends. Je undurchlässiger eine Intensivstation ist, umso mehr können sich resistente Krankenhauskeime entwickeln«, ist er überzeugt. Diese seien für früh- oder neugeborene Babys mit schlechter Abwehr bedrohlicher als Hautkeime.

Ma ist die siebte Medizinerin aus China, die auf der Aschaffenburger Frühchenstation hospitiert. Wieg ist angetan von der Offenheit und Wissbegierde der chinesischen Kollegen. Neugeborenenmedizin, so sein Eindruck, genieße in der Volksrepublik nach dem Ende der Ein-Kind-Politik einen größeren Stellenwert.
Caroline Wadenka

Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!