Michael Fischer im Interview: "Zeiten ändern sich - und mit ihnen die akzeptierten Werte"

Di­rek­tor des Zen­trums für Po­pu­lä­re Kul­tur und Mu­sik

Alzenau
4 Min.

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Mi­cha­el Fi­scher ist Di­rek­tor des Zen­trums für Po­pu­lä­re Kul­tur und Mu­sik in Frei­burg und äu­ßert sich zum The­ma Lied zum Auf­takt der Frän­ki­schen Mu­sik­ta­ge am Frei­tag in Al­zenau.

Die Fränkischen Musiktage in Alzenau (Kreis Aschaffenburg) sind das älteste Musikfestival der Rhein-Main-Region. Seit 1975 werden sie veranstaltet - ein Schwerpunkt ist auch die Vokalmusik. Die 44. Ausgabe hat in diesem Jahr das Motto »Kunst.Identität«. Eröffnet wird das Festival am Freitag, 18. Oktober, mit dem Konzert »Volks-Lied-Kunst«.Wir haben das zum Anlass genommen, einen Experten zum Thema Lied und Volkslied zu fragen.

Michael Fischer ist seit 2014 Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik in Freiburg. Der promovierte Historiker und promovierte Theologe hat sich in seiner Forschung auch mit dem Thema Lied und seiner Geschichte auseinandergesetzt.

Wenn auf einem Konzertprogramm Gustav Mahlers »Des Knaben Wunderhorn« angekündigt ist, was kann uns das in der heutigen Zeit noch sagen?

Innerhalb des Bezugssystems klassische Musik sind das ohne Zweifel anerkannte Kunstwerke. Sie haben die Zeit überdauert. Es sind Liebes-, Soldaten-, Wander- und Kinderlieder, die auch heute noch Emotionen in den Zuhörern hervorrufen. Und wenn man bei einem Festival Feierlichkeit vermitteln möchte, greift man zu solchen Werken, die ja in bestimmten sozialen Schichten durchaus hohe Wertschätzung erfahren. Allerdings nimmt das allmählich ab. Traditionelle Bildungsgüter haben es zunehmend schwerer, Anerkennung zu finden; die Populärkultur ist zur Leitkultur geworden. Das gilt auch für die jüngere Bildungsschicht. Es gibt einen allgemeinen Hang zur Informalisierung.

Wie steht es denn mit den Texten?

Immerhin waren die beiden Romantiker Clemens Brentano und Achim von Arnim um 1808 stark von Nationalgefühl und germanischer Vergangenheit ergriffen... Die beiden Gelehrten muss man aus ihrer Zeit heraus verstehen. Wie viele ihrer Zeitgenossen entwarfen sie einerseits verklärte Geschichtsbilder, andererseits nationale Zukunftsutopien. Mit dem wiedererwachten Nationalismus und Rechtspopulismus der Gegenwart hat das zunächst wenig zu tun.

Sie haben 2017 in einem Liederbuch der Bundeswehr nationalsozialistischen Inhalt gefunden. Daraufhin wurde der Druck eingestellt. Wie stellt ein Veranstalter sicher, dass er nicht in die gleiche Falle tappt?

Man braucht eine Sensibilität den Texten gegenüber. Die Zeiten ändern sich - und mit ihnen die Werte, die gesellschaftlich akzeptiert sind. Wir sehen das ja in den Gender-Debatten, etwa in der Gleichstellung von Homosexuellen, wie die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten an Liberalität und Humanität gewonnen hat. Das bedeutet auch: Nur weil ein Text alt ist und seit langem gesungen wird, muss das nicht heißen, dass er inhaltlich in Ordnung ist. Als Sänger, Chorleiterin oder künstlerischer Leiter muss ich mir darüber Gedanken machen - und im Zweifel ablehnen. Wenn man ein solches Werk trotzdem aufführen möchte, kann man im Konzert auf die Problematik und die Ambivalenz aufmerksam machen, die das Stück mit sich bringt. Diese Transparenz sollte man herstellen.

Wer ein Konzert veranstaltet, sollte bei der Liederauswahl also aufmerksam sein. Wo finden Veranstalter denn Hilfe?

Das ist nicht institutionalisiert. Uns am Zentrum für Populäre Kultur und Musik erreichen immer wieder solche Anfragen. Wir sehen uns aber nicht als Schiedsstelle, wir können lediglich auf bestehende Probleme hinweisen.

Welche Lieder gehen heute gar nicht mehr? Gibt es eine schwarze Liste?

Für die Lieder der Gegenwart gibt es die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die indiziert. Wenn Inhalte unsittlich sind, verrohend wirken, zur Gewalttätigkeit oder zum Rassenhass anreizen und Frauen oder Homosexuelle diskriminieren, kommen diese auf den Index. Aber für historisches Liedgut gibt es keine Liste. Es liegt in der Verantwortung der Veranstalter, nicht nur musikalisch, sondern auch in ethischer und politischer Hinsicht sensibel zu sein. Alles, was nationalistisch, rassistisch, antisemitisch oder völkisch daherkommt, verbietet sich von selbst.

Wie sehen Sie in dem Zusammenhang denn die neue Schlagermusik?

Künstler wie Andreas Gabalier beispielsweise sehe ich schon kritisch. Wenn er vom Adler, dem Kamerad oder vom Eisernen Kreuz singt, dann nutzt er bewusst Begriffe aus einem rechtspopulistischen Umfeld. In Interviews und in den sozialen Medien positioniert er sich recht eindeutig in einem solchen konservativen Zusammenhang. Insofern werden seine Shows und seine Musik, und natürlich auch er selbst, politisch.

Beobachten Sie, dass das Singen eine stärkere Bedeutung als früher hat?

Vor über einhundert Jahren gab es die Wandervogelbewegung. Da sind junge Menschen bewusst singend durch die Natur gezogen. Heute gibt andere Methoden wie Singfestivals oder Karaoke. Nicht zu vergessen sind die verschiedenen Castingshows wie Voice of Germany, dort wird auf teilweise hohem Niveau gesungen. Ob das alles einen neuen Trend darstellt, ist schwer zu sagen. Wenn man in die Vergangenheit blickt, wurde sicher häufiger gesungen als heute, aber oft auch nicht ganz freiwillig, gleichsam verordnet in Schule, Kirche und Militär.

Laut Statistik sind zwei Millionen Menschen in Deutschland Chormitglieder. Und noch viel mehr Menschen musizieren. Was sagen Sie dazu?

Bemerkenswert ist, dass es einerseits ein Chorsterben gibt, andererseits viele Neugründungen, die ein moderneres Repertoire erarbeiten und auch als Sozialformation anders daherkommen als traditionelle Vereine. Trotz aller Klagen: Vermutlich hatten noch nie so viele Menschen Zugang zu Musik wie heute und musizieren oder singen selbst. Das ist schön, aber man sollte das Singen auch nicht ideologisieren. Dass das Singen die Gemeinschaft fördert und einen emotionalen Ausgleich schafft, bestreite ich nicht. Nur sollte man Musik nicht utilitaristisch missbrauchen, als ginge es nur um ihre Zweckdienlichkeit. Wenn Kinder nur singen sollen, weil sie damit sozialer und klüger werden, mache ich aus der Musik eine Sozial- und Disziplinierungstechnik.

Wofür plädieren Sie dann?

Singen ist eine kulturelle Leistung des Menschen. Ob, was und wie Menschen singen, welche Musik sie machen und hören, verändert sich aber ständig. Vorschnelle Kulturkritik ist hier nicht angezeigt, die vielfältigen Formen des Umgangs mit Musik sind ein Reichtum. Deshalb ist es aus meiner Sicht gut, wenn zuhause, in der Schule oder eben auch bei Festivals die gesamte Breite der Musik erklingen darf: von der Klassik bis hin zum HipHop.

Bettina Kneller

Hintergrund: Eröffnungskonzert "Volks-Lied-Kunst"

Eröffnungskonzert »Volks-Lied-Kunst« mit einem Vortrag von Hans-Joachim Giegel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und schottischen Volksliedern von Ludwig van Beethoven, Liedern nach Texten »Aus des Knaben Wunderhorn« von Gustav Mahler und Kurt Weills »Mahagonny Songspiel«, am Freitag, 18. Oktober, 20 Uhr, Kulturforum Alzenau; Konzerte gibt es von 18. Oktober bis 24. November. (bk)

Karten und Informationen unter

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