Samstag, 22.01.2022

Live im Internet: Jagd auf Pädophile

Aschaffenburg
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Ein Mann aus Stuttgart will einen angeblichen Pädophilen aus Aschaffenburg enttarnt haben. Die Polizei ermittelt.

Ein Mann jagt im Internet Pädophile. Er gibt sich als 13 Jahre altes Mädchen Laura aus und chattet mit älteren Männern. Haben die Männer den Köder geschluckt, entlockt er ihnen ihre Telefonnummer. Mit verstellter Stimme ruft er dann vor Publikum bei den mutmaßlichen Pädophilen an. Am Montagabend hat er einen Mann aus dem Kreis Aschaffenburg am Telefon.

Tausende Internetnutzer sehen live auf Facebook und der Videoplattform »YouNow« (siehe Hintergrund), wie der Mann aus dem Kreis Aschaffenburg mit Laura telefoniert. Zuvor soll er ihr Nacktbilder geschickt haben. Laura entlockt ihm Aussagen zum geplanten gemeinsamen Geschlechtsverkehr, zu sexuellen Praktiken. Der Mann erzählt – immer im Glauben, mit einem jungen Mädchen zu sprechen. Das Video erreicht Spitzenwerte.

Identität nicht geklärt

Im Gespräch fallen persönliche Daten. Laura erfragt Namen, Alter, Arbeitgeber, Familienverhältnisse. Mühelos ist der Mann zu identifizieren. Markus Schlemmer, Chef der Aschaffenburger Kriminalpolizei, äußert sich nicht zum Ermittlungsstand. Aber er warnt: »Wir wissen nicht, ob die Daten, die diese Person angegeben hat, richtig sind.« Es sei möglich, dass jemand etwa die Personalien eines Nachbarn verwende. Aufgabe der Ermittler ist es nun, die Identität des Angerufenen, des mutmaßlichen Täters, zu prüfen, und seiner habhaft zu werden – auch zu seinem Schutz.

Unter dem im Internet veröffentlichten Video rufen Kommentatoren zur Selbstjustiz auf. »Für die Verurteilung und die strafrechtliche Verfolgung ist das Gericht zuständig«, betont Schlemmer. Hauptziel der Ermittler ist es, einen mutmaßlichen Täter aufzuhalten, der sexuelle Handlungen an Minderjährigen vornehmen will: »Das ist ein Straftatbestand«, so Schlemmer. Konkret heißt das: Die Ermittlern schauen das Video an, sammeln Informationen. Beamte des für Cybercrime zuständigen Kommissariat 11 sichern technische Beweise. Ist ein mutmaßlicher Täter im Internet unterwegs und chattet dort mit einem Kind, wird seine IP-Adresse, eine Art Anschrift zum Austausch von Computerdaten, erfasst. Die Beamten suchen weitere Beweise, beispielsweise bei einer Wohnungsdurchsuchung.

Die Ermittler arbeiten unbemerkt – sie selbst entscheiden, wann ein Tatverdächtiger konfrontiert wird, wann die Beweise für ein Strafverfahren ausreichen. Bei dem Video vom Montag liegt der Fall anders: Der Mann aus dem Raum Stuttgart, der mit solchen Videos regelmäßig mutmaßlich Pädophile öffentlich aufdeckt, nennt sich »Giovanni Todaro«. Er ist allerdings kein Ermittler, sondern arbeitet laut seiner Facebook-Seite bei einer Gebäudereinigung.

Todaro behauptet, mit »dem LKA« (Landeskriminalamt) zusammenzuarbeiten. Belege gibt es dafür bislang nicht. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine derartige Zusammenarbeit gibt«, sagt Schlemmer. Die Polizei gehe natürlich vertraulichen Hinweisen nach. Aber ein Gespräch heimlich aufzuzeichnen, es online zu stellen – »so würden wir nicht zusammenarbeiten«. Dennoch sei für die Ermittler wichtig, nicht nur den mutmaßlichen Täter, sondern auch den Verfasser des Videos, den Zeugen, zu kennen.

Todaro, der bis Redaktionsschluss nicht für Anfragen zu erreichen war, treibt offenbar nicht nur das Interesse, mutmaßlichen Kinderschändern auf die Spur zu kommen: Er verdient mit seinen Clips auch Geld, wie er im Video zugibt.

Von unseren Redakteurinnen K. Filthaus und Chr. Müller

 

Stellungnahmen der Streamer und des Landeskriminalamts

Am Mittwoch haben sich Giovanni Todaro, der am Dienstag nicht zu erreichen war, und sein Kumpel Markus Schulz bei unserer Redaktion gemeldet: "Wir stellen niemanden an den Pranger und wollen niemandem schaden", sagten sie. Mit den Live-Videos auf Facebook würden sie kein Geld verdienen. Auf "YouNow" würden sie lediglich "Pranks" machen - also anderen Streiche spielen. Ihren Angaben zufolge seien Videos wie das vom Montag auf "YouNow" nicht erlaubt. Angesprochen auf die angebliche Zusammenarbeit LKA sagten sie, dass es sich um ein Missverständnis handele: "Wir sagen, dass wir keine Ermittler sind." Tatsächlich hatte Todaro aber mehrfach gesagt, er arbeite mit "dem LKA zusammen". Mit welchem konkret, sagte er nicht.

Eine Anfrage bei dem für den Raum Stuttgart zuständigen LKA Baden-Württemberg ergab, dass es keine derartige Zusammenarbeit gibt. "Unsere Internetfahnder ermitteln im Bereich Cybergrooming, wir verzichten dabei auf die Zusammenarbeit mit Privatpersonen", so Behördensprecher Ulrich Heffner. Unter "Cybergrooming" versteht man das gezielte Ansprechen von minderjährigen Personen im Internet zur Anbahnung sexueller Kontakte. Beamte gaben sich in Kinder- und Jugendchatportalen als zwölfjährige Mädchen aus - in enger Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Konfrontiert mit dem Namen Todaro betonte Heffner: "Wir arbeiten mit dieser Person nicht zusammen." Hinweise von außen seien toll - "aber man sollte uns informieren, nicht selbst ermitteln."

 

 

Beweise sichern, Klappe halten - Kommentar von Chr. Müller

"Das geschieht ihm Recht, diesem Schwein!« Die erste Reaktion, wenn ein offenbar Pädophiler öffentlich enttarnt wird, ist nachvollziehbar. Aber sie ist auch falsch. Denn was der Stuttgarter macht, der sich im Netz »Giovanni Todaro« nennt, hat mit echter Ermittlungsarbeit und Rechtsstaatlichkeit wenig zu tun.

Stattdessen ist es eine Selbstdarsteller-Show, wenn er live auf Facebook vorgibt, ein Mädchen zu sein und »Pädos« Angaben zu ihrer Person entlockt. Immer wieder fordert er die Zuschauer auf, weiter zu teilen und zu liken. Er treibt die Spannung an, indem er erst dann den mutmaßlichen Pädophilen anrufen will, wenn er eine gewisse Zuschauerzahl erreicht hat. Jetzt hat er einen Mann aus Aschaffenburg »hochgenommen«, wie er es sagen würde.

In den Kommentaren feuern ihn die Leser an, schlagen weitere Fragen vor. Und natürlich pushen sich die Zuschauer gegenseitig hoch, rufen zu Selbstjustiz auf, verbreiten Namen und Adresse des Mannes. Der wütende Mob tobt – ohne dass es eine Anzeige, ein Gerichtsverfahren oder gar ein Urteil gegen den Betroffenen gibt. Was dann passieren kann, hat sich erst letzte Woche in Bremen gezeigt, wo ein Mann nach einem Fernsehbeitrag über Pädophile schwer verletzt wurde.

Doch auch mutmaßliche Täter haben Persönlichkeitsrechte. Und dass diese verletzt werden, wenn heimlich Telefonate live im Internet gestreamt und Menschen bewusst private Informationen entlockt werden, ist eindeutig. Dazu kommt, dass so erlangte Beweise vermutlich nicht gerichtsverwertbar sind.

Ginge es wirklich darum, Pädophile zu enttarnen und nicht darum, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, wäre es ganz einfach: Beweise sichern, der Polizei zur Verfügung stellen und ansonsten die Klappe halten. Das wäre dann auch glaubwürdig.

 

Hintergrund: Der Streaming-Dienst YouNow

Der 2011 gestartete Dienst »YouNow« gehört zu den so genannten Live-Streaming-Diensten im Internet. Diese erlauben es Nutzern, Videos in Echtzeit zu übertragen. Der Dienst ist in Deutschland besonders bei jungen Menschen beliebt. Das hat immer wieder Datenschützer auf den Plan gerufen, da bei der Registrierung das Alter nicht überprüft wird.

»YouNow« ist wiederholt wegen Beiträgen, die sexuelle Inhalte haben oder Persönlichkeits- und Urheberrechte verletzen, in die Kritik geraten. Schon 2015 haben Jugendschützer vor dem Portal gewarnt.
Wer als Streamer mit »YouNow« Geld verdienen will, muss zum »Partner« der Plattform werden, also eine Fanschar um sich versammeln und regelmäßig Video-Streams beisteuern. Zuschauer können ihre Stars bezahlen. (vd)

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