Lieferdienst als Beschäftigungstherapie

Durch die Krise: Restaurantbetrieb unter Corona-Bedingungen

Aschaffenburg
3 Min.

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Das Restaurant ist leer, hier werden die telefonischen Bestellungen angenommen und organisiert. Foto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Der Aschaffenburger Gastronom Erdogan Kartal hat sich in den vergangenen Wochen mit Außer-Haus-Lieferungen und Fensterverkauf über Wasser gehalten. Foto: Stefan Gregor
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Der Aschaffenburger Gastronom Erdogan Kartal freut sich auf Wiederöffnung seines Lokals. Doch viele Fragen bleiben noch unbeantwortet.

Pfeffer- und Salzstreuer, kleine Vasen mit frischen Blümchen, dazwischen die Speisekarte geklemmt: Erdogan Kartal legt normalerweise viel Wert darauf, dass die Tische in seinem Restaurant adrett hergerichtet sind. Jetzt ist alles anders: Auf einem Tisch hat er sein Notebook aufgeklappt, auf einem anderen stapeln sich Aluschalen und Kartons - das Geschirr in Corona-Zeiten. Die Pandemie hat aus seinem Gastraum ein Büro und Lager gemacht.

Wegen der Corona-Einschränkungen darf der 53-jährige Betreiber des Aschaffenburger Limon Grillhaus keine Gäste mehr ins Lokal lassen - wie alle Gastronomen in Bayern. Kalt bleibt die Küche deshalb zwar nicht: Zur Mittagszeit und abends verkauft das Restaurant Speisen zum Mitnehmen oder per Lieferung. Das ist besser als nichts, sagt Kartal. Aber auch nicht viel mehr als nichts. »Es ist eine Art Beschäftigungstherapie«, sagt er.

Eine ganze Reihe von Gastronomiebetrieben hat in den vergangenen Wochen einen Abhol- oder Lieferservice eingerichtet, in Aschaffenburg etwa das Enchilada, das Café Einstein oder das Restaurant Oechsle.

Erdoga Kartal erwirtschaftet mit dem Angebot nur etwa 20 Prozent seines üblichen Umsatzes. Lange kann der Betrieb so nicht überleben. Die vier Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, zwei Aushilfskräfte musste er schon entlassen. Die 5000 Euro Soforthilfe vom Freistaat sind längst für Fixkosten ausgegeben.

Der Shutdown hat die Gastronomie hart getroffen. Nachdem Mitte März für Speiselokale noch Öffnungszeiten bis zum Nachmittag erlaubt waren, hieß es am 21. März: Alles wird zugemacht. Von heute auf morgen brach den Wirten die Kundschaft weg. Auch die vom Limon Grillhaus. Der Fensterverkauf war zwar erlaubt, berichtet Erdogan Kartal. Aber wegen der Ausgangsbeschränkung kam zunächst niemand vorbei. »Die Leute haben sich nicht rausgetraut«. Eine ganze Menge an Lebensmitteln habe er wegwerfen müssen.

Mittlerweile vermarktet Kartal sein Angebot über ein Lieferportal im Internet, macht in Sozialen Medien auf sich aufmerksam, hat Prospekte verteilt. Das Abhol- und Liefergeschäft ist angelaufen, holprig, aber immerhin. Noch immer ist für Kartal schwer absehbar, wie sich Wochentag, Wetter oder Fernsehprogramm auf den Appetit seiner Kunden auswirken. Manchmal habe er zehn Lieferungen pro Abend, sagt er, manchmal nur zwei.

Der Familienvater versucht sich nicht hängen zu lassen. Jeden Tag kommt er ins Restaurant, seit der Corona-Krise hat er nicht einmal pausiert. Er will zeigen, dass es irgendwie weitergeht - sich selbst und den Anderen. »Ich muss stark sein«, sagt er, »für das Personal und für die Kunden.« Doch stark zu sein, das kostet Kraft. Manchmal fällt es ihm schwer, sich zu motivieren, gesteht Kartal.

Stress im Großmarkt

Der menschenleere Gastraum ist nicht das Einzige, das ihm zu schaffen macht. Es sind auch Erlebnisse wie das im Großmarkt: Als Erdogan Kartal zwei Zentner Mehl einkaufen wollte, habe ihn das Personal an der Kasse zurück gepfiffen: Es würden nur zwei Kilo pro Kunde ausgegeben. Der Wirt, in dessen Küche jeden Tag Fladenbrot gebacken wird, musste verhandeln, wie viel er nun kaufen dürfe. Demütigend sei das gewesen. »Ich wurde behandelt wie ein Hamsterkäufer«, sagt Kartal, »danach bist du moralisch total unten.«

Sorgen bereiten ihm auch die vielen Fragen, die sich vor der Wiedereröffnung der Gartenwirtschaften in der kommenden Woche auftun. Auch der Limon-Chef will im Außenbereich seines Restaurants bewirten und freut sich auf seine Gäste. Doch wie sollen die dorthin gelangen: Dürfen sie durchs Lokal oder sollen sie ums Gebäude herum gehen? Werden sie die frühe Sperrstunde akzeptieren? Wie soll er mit der Kurzarbeit seine Beschäftigten umgehen, wenn er noch gar nicht weiß, in welchem Umfang sie gebraucht werden? Wer ist verantwortlich, wenn einer der Betrunkenen, die sich manchmal in der Umgebung des Restaurants am Südbahnhof aufhalten, in der Nähe des Gebäudes uriniert?

Ebenso unklar ist für den Unternehmer, wie es aussehen soll, wenn die Gaststätten auch im Innenbereich wieder Publikumsverkehr haben dürfen. Muss er Trennwände zwischen den Tischen aufstellen? »Wie will man da gemütlich essen? Und wer soll das bezahlen?«, fragt Kartal.

Treue Stammkunden

»Wir Gastronomen sind ziemlich unter Druck«, sagt er. Machen sie alles richtig? Was ist eigentlich richtig? Und was geschieht, wenn bei einer Kontrolle nicht alles hundertprozentig so ist, wie es sein soll? Natürlich würden alle ihr bestes geben, um die Hygienestandards einzuhalten, versichert Erdogan Kartal: »Wir wollen nicht, dass unsere Gäste krank werden. Und wir wollen ja selbst nicht krank werden.«

Hoffnung schöpft der Aschaffenburger aus den Rückmeldungen seiner Stammkunden. Bei Lieferungen fragten viele, wann er seinen Laden wieder öffne. »Ich habe das Gefühl, dass die Gäste wieder zurückkommen.«

Dossier: www.main-echo.de/durch-die-krise

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