Judith Gerlach über die Frage, wie Politiker(innen) Menschen erreichen

"Ich sehe kein Problem darin, Emotionen zu zeigen"

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Aschaffenburg, Main-Echo - Redaktion: Interview mit der Bayerischen Staatsministerin für Digitales, Judith Gerlach (CSU). Foto: Stefan Gregor 18.08.2022
Foto: Stefan Gregor
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Ei­gent­lich soll­te es nur ein Kurz-In­ter­view dar­über sein, nach wel­chen Kri­te­ri­en Po­li­ti­ker ih­re Re­den für öf­f­ent­li­che An­läs­se sch­rei­ben. Aber dann ent­spann sich ein Dia­log über Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen im Blick­punkt von Me­di­en und Öf­f­ent­lich­keit. Ein Main-Echo-Ge­spräch mit Bay­erns Di­gi­tal­mi­nis­te­rin Ju­dith Ger­lach:

Bei offiziellen Anlässen - beispielsweise bei der Eröffnung des Christian-Schad-Museums in Aschaffenburg - überraschen Sie immer wieder mit Reden, in denen Sie abseits von drögen Nacherzählungen des Sachverhalts unverkrampft die Brücke zu Ihren Themen Digitalisierung und Gleichberechtigung schlagen. Schreiben Sie Ihre Reden selbst?

Wenn ich als Digitalministerin spreche, entscheide ich mich vorab für Schwerpunkte, die mir für die Rede wichtig sind. Dann bereitet mir mein Team diese Rede vor, meist in Form von Stichpunkten. Denn ich halte meine Reden gerne frei, weil ich während der Rede flexibel sein möchte. Mir ist es wichtig, wie die Menschen Themen annehmen. Ich achte auf deren Mimik, sofern das möglich ist, und auf Publikumsreaktionen; versuche zu erkennen, ob das, was ich sage, verständlich ist und das Thema das Publikum mitnimmt; ob ich die Zuhörer begeistern kann oder langweile. Das alles sind Aspekte, auf die ich Wert lege und auf die ich zu reagieren versuche. Wenn's gut läuft, kann ich einen mir wichtigen Aspekt dann etwas ausführlicher darstellen - wenn ich merke, am Publikum vorbeizureden, kürze ich entsprechend ab. Ich brauche ein Grundgerüst, aber die Freiheit zum Ausbrechen aus der Vorgabe ist mir extrem wichtig. Zudem: Bevor ich eine Rede halte, versetze ich mich in die Rolle der Zuhörenden. Für mein Alter bin ich schon recht lange in der Politik, ich habe also schon viele Reden gehört: Da waren gute dabei - aber auch 0815, was man als Zuhörer erträgt, aber eigentlich als Zeitverschwendung empfindet. Deshalb stelle ich mir mich als Zuhörerin vor, die meine Rede hört und überlege, welcher Punkt ist denn wichtig, was interessiert die Menschen tatsächlich. Danach versuche ich meine Rede zu strukturieren und meine inhaltlichen Schwerpunkte zu setzen. Als Digitalministerin will ich das Thema Digitalisierung so weit wie möglich bei jeder Rede einflechten - was auch gar nicht so schwierig ist, denn Digitalisierung prägt inzwischen nahezu jeden Lebensbereich. Digitalpolitik ist in höchstem Maß Überzeugungsarbeit - deshalb nutze ich jede Möglichkeit, um Digitalisierung zu erklären und dafür zu werben.

Sind Reden und Ansprachen bei offiziellen Anlässen eine Generationenfrage? Mit dem typischen Grußwort, das alles und alle ehrt, halten Sie sich ja nicht auf.

Jüngere Politikerinnen und Politiker lösen sich von Traditionen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Bürgerinnen und Bürger haben heute eine ganz andere Erwartungshaltung an Politik und Politiker. Das geht weit über den Anspruch an offizielle Reden hinaus. Ich empfinde es als großes Privileg, dass Menschen mir zuhören; dass ich die Möglichkeit habe, Standpunkte und Ideen zu teilen; dass mir eine Plattform gegeben wird, mit der ich Menschen für meine Überzeugungen begeistern kann. Diese Möglichkeit will ich in keiner Situation, in der ich sprechen darf, einfach so verstreichen lassen, nur um oft Gesagtes wiederzukäuen. Lieber setze ich Punkte, die die Zuhörer noch nicht kennen, die mir auf der Seele brennen, die möglicherweise neue oder auch ungewohnte Perspektiven aufzeigen.

Was bedeutet: Eine langweilige Rede langweilt sie tatsächlich.

Ja. Ich versetze mich in die Situation der Zuhörerinnen und Zuhörer. Aus dieser Perspektive ist allein entscheidend, zu welchem Thema sie gerne etwas hören würden, was Relevanz für sie hat und an welchem Punkt sie sich von der Digitalpolitik Lösungen wünschen. Diese Frage geht weit über das Halten oder Anhören von Reden hinaus und gilt auch für die Einführung der Digitalen Verwaltung: Was erwarte ich als Bürger von meinem Staat? Welche Angebote macht er mir - und wie und in welcher Form sind diese digitalisiert? Selbst Nutzer zu sein, hilft mir da, die Angebote besser zu verstehen, zu strukturieren und in die Verwaltung hineinzugeben.

Wenn Sie sich in die Lage eines Zuhörers versetzen: Kann eine Regierungserklärung Sie begeistern?

Eine Regierungserklärung sollte immer begeistern - das ist ja eine der wichtigsten Reden, die ein Politiker halten kann. Es geht in der Regel um ein topaktuelles und brisantes oder für alle Bürger bedeutendes Thema. Also sollte nicht nur dieses Thema dargestellt sein, es sollten auch neue und eigene Aspekte enthalten sein. Beispielhaftes muss so heruntergebrochen werden, dass sich die Menschen in dieser Rede wiederfinden. Ansonsten erreicht sie das Thema nicht.

Sie schildern Ihre Begeisterung in diesem Gespräch sehr lebendig. In Interviews wiederum wirken Sie oft sehr staatstragend.

Ich? Dieses Feedback habe ich bisher noch nicht bekommen.

Ja, Sie. Unterscheiden Sie - beispielsweise gerade in diesem Moment - zwischen der Ministerin Judith Gerlach und dem Mensch Judith Gerlach?

Träfen wir beide uns ohne den Hintergrund dieses offiziellen Interviews auf ein Radler, würde ich wohl nicht so sehr auf meine Wortwahl achten. Eine Interview-Situation ist da einfach anders.

Was genau ist da anders?

Jeder wählt die Worte in einem offiziellen Rahmen bewusster, das gilt für eine Ministerin wohl ebenso wie für einen Unternehmenschef. Es geht immer um die Balance, Persönlichkeit zu zeigen, nahbar zu sein und auf der anderen Seite, zu vermeiden, dass das Gesagte missverstanden wird. Das habe ich übrigens schon ganz am Anfang meiner Zeit als Digitalministerin gemerkt. Da bin ich öffentlich sehr ehrlich und offen damit umgegangen, nicht aus der IT-Branche zu kommen und im Ergebnis wurde dann in der Öffentlichkeit und den sozialen Medien teilweise nicht sehr freundlich mit mir umgegangen. Dabei ist es der Normalfall, dass der Schwerpunkt im Amt eines Ministers nicht aus dem gelernten Berufsfeld kommt. Unsere Aufgabe als Politiker ist es, für Interessen zu streiten, die Bedürfnisse der Menschen aufzunehmen und in Politik umzusetzen, und nicht eine App zu programmieren. Ich halte es für extrem wichtig, authentisch zu kommunizieren. Und ich denke, diese Einsicht kommt in der Politik an. Wir müssen schon bei der Entscheidungsfindung mehr erklären und nachvollziehbar darstellen, wenn etwas nicht gut läuft oder neue Aspekte die geplante Vorgehensweise aus der Bahn werfen. Die Herausforderungen unserer digitalisierten-globalisierten Welt werden ja immer komplexer: Und je komplexer ein Sachverhalt ist, umso besser muss ich ihn erklären ...

... verzeihen Sie mir ein Schmunzeln. Sie verfallen gerade in diesen staatstragenden Ton.

(lacht) Ich versuche lediglich die Herausforderung von Politikern zu erklären. Jeder kann beobachten, dass sich in den öffentlichen Debatten und in Social Media Verkürzungen von Themen und Sachverhalten durchsetzen. Es ist aber unsere Verantwortung, alle mitzunehmen und komplexe Sachverhalte zu erklären. In dieser Spannungslage befinden sich viele Politiker: Sie wollen und müssen erklären - und zugleich die Aufmerksamkeit von Menschen gewinnen, um die sie permanent mit einer Flut von anderen Informationen konkurrieren.

Das heißt, Sie fühlen sich von Medien nicht nur falsch verstanden, sondern teilweise bewusst falsch dargestellt, wenn Sie Ihre Kompetenz in Zweifel gezogen sehen?

Nein, überhaupt nicht. Was mir aber auffällt ist, dass man als junge Frau in der Öffentlichkeit und in der Politik aus einem anderen Blickwinkel beurteilt wird als dies vielleicht bei älteren männlichen Kollegen der Fall ist.

Haben Sie Journalisten darauf angesprochen?

Ich finde, das muss man offen ansprechen, gegenüber Politikern, der Öffentlichkeit und gegenüber Journalisten.

Sie haben vorhin eine Antwort gegeben, die mich stutzig gemacht hat: »Da bin ich gegenüber Medien sehr ehrlich damit umgegangen«. Darf ich böswillig unterstellen, dass diese Ehrlichkeit verloren gegangen ist?

Nein, keinesfalls. Aber das heißt nicht, dass man nicht trotzdem mehr auf seine Wortwahl achtet. Aber wenn ich gefragt werde, ob ich heute auf die Frage nach meiner IT-Kompetenz anders reagieren würde, sage ich ganz klar: Nein. Es entsprach damals einfach den Tatsachen. Als Politikerin engagiere ich mich für einen sinnvollen Einsatz neuer Technologien und möchte den Menschen die Chancen der Digitalisierung vermitteln. Dazu brauche ich kein Informatikstudium.

Dieser manchmal staatstragende Tonfall fällt auf, weil sie andernorts durchaus das klare Wort anschlagen - beispielsweise 2019 im Landtag gegenüber der AfD, die sie nicht nur in Bezug auf Digitalisierung als »völlig rückständig und unvisionär« bezeichnen. Gibt es für Sie eine Grenze, in der Sie im öffentlichen Auftritt zwischen Judith Gerlach und Ministerin Judith Gerlach unterscheiden?

Wenn ich persönlich beleidigt werde, hilft es, die Privatperson Judith Gerlach klar von der Ministerin Judith Gerlach unterscheiden zu können.

...  wobei Sie bei diesem Vorwurf an die AfD sehr emotional aufgetreten sind, also offenbar als Mensch Judith Gerlach gesprochen haben.

Ja, aber ich finde, dass auch eine Ministerin emotional reagieren darf. Das ist meine Überzeugung - als Mensch und als Politikerin. Trotzdem halte ich es für wichtig zu formulieren, wo ich Privatperson und wo ich Ministerin bin, allein schon, um eine Grenze gegen persönliche Angriffe zu ziehen.

Können Sie sich vorstellen, während einer Rede in Ihrer Emotionalität das Ministeramt zu vergessen?

Das kommt auf die Situation an. Ich erlebe das vor allem, wenn es um Menschen geht. Da denke ich an meine Zeit im Ausschuss für Soziales, dort habe ich viel für Menschen mit Behinderung und für Kinder gemacht. Da war ich häufig mit Situationen konfrontiert, die mir im Grunde Lebenswirklichkeiten zeigten, die ich so nicht kannte, und die mich sehr betroffen machten. So kann Emotion zur Motivation für die eigene Arbeit beitragen. Ich sehe kein Problem darin, Emotionen zu zeigen. Politiker sind Menschen.

Sie haben eingangs darauf verwiesen, schon lange in der Politik tätig zu sein. Sprechen Sie heute anders als vor 15 Jahren?

Das hoffe ich doch (lacht). Natürlich ändert sich der Sprachgebrauch. Ich glaube, das ist auch eine dieser Generationenfragen: Ich interagiere auch gerne mit dem Publikum - und orientiere mich daran, in der Art und Weise, wie ich spreche. In Schulen komme ich mit Jugendlichen zusammen, die eigentlich gar nicht realisieren, dass ich eine Rede halte: weil ich das kurz und knapp mache ...

... weil eine 13-Jährige sie nicht versteht und sowieso keine große Aufmerksamkeitsspanne hat ?

... Nein, gar nicht. Im Gegenteil: Die sind hochmotiviert, gerade bei digitalen Themen. Natürlich bin ich für 13-Jährige alt - aber als Politikerin dann wohl doch noch ziemlich cool. Das hilft mir dann schon, mit den Jugendlichen auf Augenhöhe zu reden. Da erzähle ich nicht von mir, sondern will mehr aus deren Leben erfahren: Das schafft eine Vertrauensbasis.

Sie verweisen immer wieder auf die Komplexität von Sachverhalten, die es in politischen Reden zu erklären gilt. Ministerpräsident Söder postet auf seinem Facebook-Auftritt das Format #soederisst - Markus Söder isst. In der Staatskanzlei heißt es, damit sollen junge Menschen erreicht werden. Mit Erklären komplexer Sachverhalte ist da aber nichts ...

Dazu eine Anekdote: Vor ein paar Monaten bei Kiliani in Würzburg ...

... haben sie #gerlachtrinkt erfunden?

(lacht ausgelassen). Aber nein, wirklich nicht. Gerlach trinkt nur Wasser. (lacht weiter)

Im Ernst: Ich war da beim Rundgang mit Markus Söder und konnte beobachten, wie Jugendliche auf ihn reagiert haben. Das war der Hammer. Die wollten alle ein Selfie »mit dem Söder«. Das Autogramm von, das Selfie mit ihm: Das ist cool. Ohne Ihnen zu nahe zu treten: »Den Söder« kennen diese Jugendlichen von Instagram, von TikTok, sicher nicht aus der Tageszeitung. Ich finde gut, dass er nicht nur Bilder postet, sondern auch in den Dialog tritt, indem er zu Fragen ermuntert und antwortet. Das erwarten doch die Menschen: einen nahbaren Politiker, der dort mit ihnen in Kontakt tritt, wo man zuhause ist und sich begegnet.

Was machen Sie denn so an coolen Sachen auf Instagram und TikTok?

Sie folgen mir nicht auf Social Media?! Das ist ja enttäuschend! (lacht) Mir geht es bei Instagram nicht um das schnelle Einstellen von Bildern. Ich mache dort zum Beispiel Stories, über die ich meinen Alltag als Politikerin teilen kann. So komme ich über Feedbacks direkt in Kontakt mit den Menschen. Solche Formate und Angebote braucht es ganz einfach, weil die traditionelle Parteiveranstaltung nicht mehr alle Menschen anzieht.

Zur Person: Judith Gerlach

Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach (36) wurde kurz nach Abschluss ihres Jurastudiums 2013 über die Liste als damals jüngste Abgeordnete in den Landtag gewählt. Bei der Landtagswahl 2018 holte sich die in Weibersbrunn (Kreis Aschaffenburg) lebende Judith Gerlach das Direktmandat im Stimmkreis Aschaffenburg-Ost.

Am 12. November 2018 berief Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) Judith Gerlach zur Digitalministerin und damit an die Spitze eines neuen Ministeriums, bundesweit das erste seiner Art auf Länderebene.

Abitur machte die Enkelin des CSU-Bundestagsabgeordneten Paul Gerlach 2006 am Aschaffenburger Maria-Ward-Gymnasium. (str)

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