Ist ein »das geht mir auf den Sack« gendergerecht?

Open-Air-Veranstaltung:Ein Urban Priol in Hochform und mitreißende Bigbandmusik beenden die Sommerbühne 2021 im Nilkheimer Park

Aschaffenburg
2 Min.

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Eine bessere Musikumrahmung hätte es im Nilkheimer Park beim Auftritt von Urban Priol nicht geben können als die »Vollblutmusiker« von Bibavon. Foto: Heinz Linduschka
Foto: Heinz Linduschka
Ein Urban Priol in Hochform begeisterte mit Sprachwitz und vollem Einsatz im Nilkheimer Park. Foto: Heinz Linduschka
Foto: Heinz Linduschka

Ein Dornröschenschlaf der Kultur in Coronazeiten ist nicht gottgegeben - jedenfalls dann nicht, wenn ein Kulturreferat wie das in Aschaffenburg mithilfe vieler Partner aus der Kulturszene Fantasie, Tatkraft und Mut zeigt. So mancher Besucher der letzten diesjährigen Veranstaltung im Nilkheimer Park dürfte sich am Dienstag gefragt haben, warum das in seiner Stadt oder in seinem Landkreis ganz anders lief. Die »Finissage« der höchst erfolgreichen Reihe war ein weiterer Höhe- und Glanzpunkt, der mit rauschendem Beifall gefeiert wurde.

»Vollblutamateurmusiker«

Das Startsignal für die rund zweieinhalb Stunden, in denen trotz gerade mal 14 Grad gegen 21.30 Uhr niemandem kalt geworden sein dürfte, setzten die gut 20 »Vollblutamateurmusiker« der Jazz-Bigband des Blasmusikverbandes Vorspessart mit einer rasanten Reise durch Höhepunkte des Jazz und des Swing. »Bibavon«, vor knapp zwei Jahren Sieger des bayerischen Orchesterwettbewerbs, strahlte unter der Leitung von Christoph Heeg, der mit seiner lockeren und ganz uneitlen Moderation genau den richtigen Ton bei diesem Open-Air-Konzert traf, eine mitreißende Spielfreude aus - kein Wunder nach sieben Monaten Zwangspause und einem Jahr ohne öffentlichen Auftritt.

Geschlossenheit des Ensembles

Die Geschlossenheit des Ensembles, der spannende Wechsel mit den beseelten Soli fast aller Instrumente machte schnell klar, dass die Qualität des Spiels der begeisterten und begeisternden Amateurmusiker unter der Pause nicht gelitten hat. Als Opener, der nach fünf Jahrzehnten noch taufrisch klang, zog Ray Charles' »I can't stop loving you« die Zuhörer in seinen Bann, bei Rainer Tempels »New plans« wurde der solistische Part wie ein Staffelstab nahtlos vom Saxofon über Trompete und Posaune zum Keyboard weitergereicht - und im »Ziel« gab es den verdienten Applaus.

Jazzstandards, lateinamerikanische Rhythmen oder Benny Goodmans Renner »sing, sing, sing« zum Start des zweiten Auftritts: Jeder Musikfreund kam bei diesem Repertoire auf seine Kosten, und eine schönere musikalische Umrahmung des Kabarettauftritts im idyllischen Park hätte man sich nicht wünschen können.

Diesen Part spielte 75 Minuten am Stück ein Urban Priol in Hochform ebenfalls mit spürbarer Lust am Live-Auftritt nach längerer Pause. Der große Trumpf seines Beitrags: die intelligente und erfrischend scharfe Analyse aktueller Ereignisse. Da bekam die Uefa mit ihren »Korruptionsanlagen in der Schweiz« genauso ihr Fett ab wie die offenbar unstillbare Lust am Gendern mit den oft skurrilen Auswüchsen. Priol fragte sich scheinbar erschrocken, ob er überhaupt noch sagen dürfe, dass ihm jemand oder etwas »auf den Sack« gehe - und das ist bei ihm ja nicht so selten der Fall. Und dann sprach er - ganz gendergerecht? - von »dem Letztem und der Letztin«. Die brillante Auflistung der unsinnigsten und unlogischsten Coronabestimmungen provozierte genauso lebhaften Szenenbeifall wie Priols mitreißende, paradox übersteigerte Szenen, bei denen er dem Volk ganz genau aufs Maul schaut, wenn es sich beispielsweise in einer Dorfkneipe über alternative Energien erregt. Durchaus denkbar, dass sogar eingeschworene CSU-Anhänger lachten und klatschten, als der Kabarettist die plakatierten Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl Dorothee Bär, Andreas Scheuer und Alexander Dobrindt als »nach unten offene Kellertreppe des Grauens« bezeichnete und in komischer Angst vor deren Einzug in den Bundestag fragte: »Geht's denn Berlin nicht schon schlecht genug?«

Merkel-Bashing, das für so manchen Kabarettbesucher in einigen Priol-Programmen spürbar zu viel Platz einnahm, spielte an diesem Abend kaum ein Rolle, auch wenn er ihre 16 Kanzlerjahre als »bleierne Zeit« und als »merkelschen Mehltau« beschrieb. Der Trost: Niemand muss befürchten, dass Priol mit Merkels Abgang Stoff und Ideen ausgehen. Das bewies nicht nur seine Gesangseinlage mit der Coronavariante des »Anton aus Tirol«, das zeigten vor allem sein witziger und entlarvender Umgang mit sprachlichen Analysen: So bot er als Alternative zu den »Arschlöchern« die »Plug-in-Hybride« an und gab den Zuhörern noch die Frage mit auf den Heimweg, ob tatsächlich »Möhre die weibliche Form von Moor« ist. Und selbst CDU/CSU-Fans, die große Sorgen wegen der aktuellen Wahlprognosen haben, konnten ein bisschen Trost aus Priols Vergleich der Union mit »nichtresistenten Keimen« schöpfen.

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