Irmes Eberth ist das Gedächtnis der Stadt Aschaffenburg

Geburtstag: Mundartdichterin wird 90 Jahre alt - Den Dialekt bewahrt, die Heimat beschrieben

Aschaffenburg
3 Min.

Kommentieren

Sie müssen sich anmelden um diese Funktionalität nutzen zu können.

Mehr zum Thema: Irmes Eberth
Immer noch schreibt sie vieles auf, was sie erlebt und bewegt: Die Mundartdichterin Irmes Eberth an ihrem liebsten Schreib-Platz daheim im Bohlenweg. An diesem Dienstag feiert sie 90. Geburtstag. Foto: Harald Schreiber
Foto: Harald Schreiber
»Was da al­les drin­steckt, in die­sen 90 Jah­ren!« Die Aschaf­fen­bur­ger Mund­art­dich­te­rin Ir­mes Eberth kann es selbst nicht ganz fas­sen, was sie in ih­rem Le­ben schon ge­se­hen hat: So viel hat sich be­wegt in ih­rer Hei­mat­stadt, so viel Sc­hö­nes hat sie er­lebt, und auch so vie­le schwe­re Stun­den.

Am 29. März 1926 kam Irmes Eberth in Aschaffenburg zur Welt, an diesem Dienstag feiert sie Geburtstag. Auch mit 90 hat sich »die Irmes« bewahrt, was sie vor Ort bekannt und beliebt gemacht hat: ihren wachen Geist, den aufmerksamen Blick, nicht zuletzt die herzlich zugewandte Art, mit der sie anderen begegnet. Und immer noch schreibt sie vieles auf, was sie erlebt und bewegt.


Was da alles drin steckt, in diesen 90 Jahren: Irmes Eberth ist Chronistin des »Ascheberger Gebabbels«, sie schreibt Aschaffenburger Geschichten abseits der großen Geschichte auf. Sechs Bücher hat Eberth seit 1983 veröffentlicht; in Mundart und Prosa schildert sie den Aschaffenburger Alltag, aber auch der Zeiten Lauf. Sie hat Lieder komponiert, saß oft am Klavier, war gefragte Rednerin - Irmes Eberth bereichert und prägt das kulturelle Leben ihrer Heimatregion immer wieder neu.




Den Lesern des Main-Echos ist Eberth als Autorin der Mundart-Kolumne »Meiers Kätt« bekannt. 500 Mal erschien die »Kätt« allein bis 2005, erstmals am 4. Februar 1995. »Die Kätt, das bin schon ich«, hat Irmes Eberth einmal zugegeben. Vor allem aber spricht aus den samstäglichen Glossen ihre große Zuneigung zur Stadt und zu deren Menschen - selbst dann, wenn sie kritische Töne anschlägt.
Unsere Sprache
Quelle: Irmes Eberth


Was da alles drin steckt, in diesen 90 Jahren: Wenn Irmes Eberth erzählt, und das tut sie heute noch gerne und packend, dann mag man sie gar für das Gedächtnis ihrer Heimatstadt halten. Unbeschwerte Kindertage erlebte sie in der Cunibertstraße - bis die Nachbarskinder der jüdischen Familie Löwenthal plötzlich verschwanden und die Häuser mit Hakenkreuz beflaggt werden mussten. So erinnert sich Irmes Eberth an den Beginn der verhängnisvollen Nazizeit, an deren Ende die Stadt in Schutt und Asche lag. »Da war ich ja noch jung«, sagt sie, »aber ich hab’ das nie vergessen. Nie.« Warum sie noch immer davon erzählt, die Erinnerung in Texten festhält? »Weil ich festgestellt hab’: Es wird so ungeheuer viel vergessen.«


»Es wird so ungeheuer viel vergessen«

Was da alles drin steckt, in diesen 90 Jahren: Privat hat Irmes Eberth ihr Leben immer wieder anderen gewidmet; zurückgesteckt hat sie oft, die Zuversicht verloren nie. Der Krieg durchkreuzte die Pläne der jungen Frau, Musik zu studieren; sie wurde Volksschullehrerin in Großwallstadt; später gab sie Musik am Dalberg-Gymnasium. Als Mutter von drei Kindern schied sie 1979 aus dem Berufsleben aus und pflegte jahrzehntelang den Ehemann, der im Jahr 2000 starb.

»Verluste haben mein Leben bestimmt«, sagt Eberth heute. Sie denkt dabei vor allem an ihren Sohn Mathias, den sie schon 1990 begraben hat. »Aber der Mensch reift an den schweren Erlebnissen«, glaubt die 90-Jährige inzwischen, »da lernt er das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden«.

Was da alles drin steckt, in diesen 90 Jahren:
Das Schreiben habe ihr geholfen, sagt Irmes Eberth, die schweren Zeiten zu überstehen. Nie habe sie gedacht, dass in ihr eine Dichterin stecken würde, doch dann sei da »ein anderer Mensch noch aus mir rausgekommen«. Von Anfang an schrieb sie in Mundart, denn: »In Mundart kommt alles viel stärker raus.«

Bald folgte die Anerkennung: der Frankenwürfel 1988, die Bürgermedaille der Stadt im April 2002. 2006 dann der Kulturpreis des Bezirks Unterfranken: »Die Meiers Kätt spricht uns aus der Seele«, beschied Aschaffenburgs Oberbürgermeister Klaus Herzog damals. Und schließlich, 2015, »die große Überraschung meines Lebens«, wie die Autorin sagt: die bayerische Verfassungsmedaille.


»In Mundart kommt alles viel stärker raus«

Was da alles drin steckt, in diesen 90 Jahren: Doch wie geht es Irmes Eberth heute? »Mal auf, mal ab«, sagt sie. Von einer Bronchitis im Winter hat sie sich redlich erholt, zum Schreiben der »Kätt« reichte die Kraft nicht immer. In der Stadt ist sie selten noch unterwegs, anstrengender ist’s geworden; doch vom Godelsberg aus behält die Jubilarin die Welt im Blick, freut sich über Sonnenstunden im Garten, über jede Nachricht der fünf Enkel und der Kinder. Bescheiden wie sie ist, wird es ihr heute wohl etwas unangenehm sein, im Rampenlicht zu stehen. Dabei hat sich Irmes Eberth diesen Platz doch so redlich verdient -
in diesen 90 Jahren.

Hörprobe: Irmes Eberth über »Unsere Sprach«
 
Kommentare

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie angemeldet und Ihre E-Mail Adresse bestätigt sein!


Benutzername
Passwort
Anmeldung über Cookie merken
laden

Artikel einbinden
Sie möchten diesen Artikel in Ihre eigene Webseite integrieren?
Mit diesem Modul haben Sie die Möglichkeit dazu – ganz einfach und kostenlos!