Für die Orgel aus Bonn beginnt das zweite Leben

Wallfahrtskirche Kälberau: Der Platz an der Stirnseite verändert das Raumgefühl - Regionalkantor begeistert

Alzenau
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Einblicke ins Innenleben der Ott-Orgel aus dem Jahr 1960.
Foto: Michael Müller
Das gu­te Stück sieht aus, als hät­te es schon im­mer die Stirn­sei­te der Wall­fahrts­kir­che ge­sch­mückt. Die Or­gel passt mit ih­ren sanf­ten Kur­ven per­fekt in den ab­ge­run­de­ten Kir­chen­saal. Man könn­te glau­ben, sie ist für Käl­berau ge­macht. Ist sie aber nicht.
Für die Or­gel be­ginnt in Käl­berau das »zwei­te Le­ben«, kon­zi­piert war sie einst für die evan­ge­li­sche Sch­loss­kir­che in Bonn.

Am kommenden Samstag ist ab 16 Uhr in der Wallfahrtskirche »Maria zum rauhen Wind« die Feier zur Orgelweihe. Es scheint, als könnten sich die Kälberauer Katholiken über einen echten Glücksgriff freuen. Den haben sie insbesondere dem Regionalkantor für den Untermain zu verdanken - Peter Schäfer aus Klingenberg.
Schäfer waren die speziellen Probleme in Kälberau wohl bekannt: Als dort 1957 direkt an die alte Wallfahrtskirche der neue Kirchenraum angebaut wurde, hatte dessen Planer, der Würzburger Dombaumeister Hans Schädel (*1910, † 1996) für die Orgel keinen Platz vorgesehen. Entschieden war damals, die Kirche mit der Orgel aus dem alten Teil zu beschallen. So blieb es bis heute. Für Peter Schäfer war diese Lösung jedoch »immer nur ein Provisorium«.
In jüngerer Vergangenheit fiel die Kälberauer Orgel häufiger aus. Schäfer: »Man musste sich für eine erneute Reparatur oder eine neue Lösung entscheiden.«
Die »neue Lösung« zeichnete sich ab, als der Regionalkantor aus einem anderen Anlass in Wuppertal den Orgelvermittler Andreas Ladach besuchte. Ladach hat sich darauf spezialisiert, Orgeln, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr benötigt werden, zu vermitteln. Viele kommen aus dem angelsächsischen Raum.
In Wuppertal also entdeckte Peter Schäfer das Instrument des Göttinger Orgelbauers Paul Ott (*1903, † 1991). »Als ich es sah, musste ich sofort an Kälberau denken«.
Paul Ott galt 1960, als er die Orgel für die Bonner Schlosskirche baute, als einer der Innovativsten seiner Zunft. Schäfer erklärt: »Nach der romantischen Epoche hat sich Ott damals wieder dem barocken Klang zugewandt und auch im technischen Aufbau alte und bewährte Fertigungsprinzipien wieder entdeckt.« Die Registerzusammenstellung bezeichnet Schäfer als »filigran und fein abgestimmt«.
Bis vor zwei Jahren wurde die Orgel in der evangelischen Bonner Schlosskirche gespielt und auch als Studieninstrument von der Universität genutzt. Im Mai 2012 wurde in Bonn eine neue, größere Orgel geweiht, die Ott-Orgel hatte ausgedient.
Zustimmung geerntet
Schäfer musste keine große Überzeugungsarbeit leisten. Pater Bernhard Pieler und Kirchenpfleger Arnold Heitzig erkannten die Chance, dauerhaft das Orgelproblem lösen zu können. Und sie fanden Fürsprecher für die 110 000-Euro-Investition. Arnold Heitzig: »Der bischöfliche Finanzdirektor Albrecht Siedler hat uns in unserer Entscheidung bestärkt.« Nicht nur aus Würzburg kommt finanzielle Hilfe, auch die Stadt Alzenau hat sich nicht verschlossen. Vor allem aber sind die Kälberauer selbst gefordert und willens, die Investition in den nächsten Jahren zu stemmen.
Als die Finanzierung geklärt und der Kaufvertrag besiegelt war, wurde die Orgel von Wuppertal nach Markelsheim/Tauber transportiert. In der dortigen Werkstatt der Franz Heißler GmbH gingen die Orgelbauer daran, das Instrument gründlich zu überarbeiten. Alle Pfeifen wurden gesäubert und mit Eisenrohren rundiert, um auch die kleinsten Beulen verschwinden zu lassen. Alle Deckel waren neu zu machen: »Die Metallpfeifen sind nun nicht mehr mit Papier, sondern mit Filz abgedichtet«, berichtet Orgelbauer Markus Wolpert, der in den vergangenen Tagen mit Christoph Kätzel das Instrument in Kälberau aufgebaut hat.
Die vorgestrige Abnahme der Orgel entwickelte sich zum Expertentreff: Mit Wolpert und Kätzel hörte sich auch Firmen-Namengeber Franz Heißler und dessen Bruder Gerhard das Spiel von Peter Schäfer an, der nach getaner Arbeit sehr zufrieden war. Er pries insbesondere die »verschiedenen Klangfarben«. Die Orgel klingt nun sehr wahrscheinlich so wie in ihren ersten Tagen vor 53 Jahren.
Fast so alt wie der Ort
Dass sie fast so alt ist wie der neuere Teil der Kälberauer Kirche, ist für den Regionalkantor schicksalhaft: Diese Kirche und diese Orgel gehören zusammen. Schäfer schwärmt: »Endlich besitzt die Kälberauer Kirche ein adäquates Instrument. Es wird den Gemeindegesang beflügeln und der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes ganz neue Möglichkeiten eröffnen.«
Und auch Pater Bernhard Pieler ist über die Entwicklung sehr froh: »Sie ist nun keine Orgel auf Halde mehr, sondern eine Orgel in der Kirche.« Und so soll es sein. Michael Müller
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