»Fehlgeburten gehören leider zum Klinik-Alltag«

Medizin: Was Ärzte und eine Sozialarbeiterin zum Thema meinen - Problematik ist immer noch mit Selbstzweifeln und Scham behaftet

Aschaffenburg
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Eine Hebamme tastet den Bauch einer Schwangeren ab. Foto: Caroline Seidel/picture alliance/dpa
Foto: Caroline Seidel
Ei­ne Fehl­ge­burt zu er­lei­den ist ein trau­ri­ges Schick­sal, das laut Sta­tis­tik vie­le Frau­en be­trifft. Frau­e­n­ärz­tin An­ne Kel­ler hat ei­ne Pra­xis in Obern­burg am Main (Kreis Mil­ten­berg). »Pro­zen­tual sind es in mei­ner Pra­xis et­wa 20 Pro­zent Pa­ti­en­tin­nen, die ei­ne Fehl­ge­burt er­lei­den«, sagt Kel­ler.

Barbara Niesigk leitet die Geburtshilfe im Klinikum Aschaffenburg-Alzenau. »Da nicht alle Fehlgeburten zwangsläufig in die Klinik müssen, sehen wir auch nicht alle Fehlgeburten in der Region«, sagt die Gynäkologin. »Selbstverständlich kann keine Frau etwas für eine Fehlgeburt. Ich kann aber gut nachvollziehen, dass man in einer solchen Trauersituation auch überlegt, ob man etwas falsch gemacht hat«, sagt Niesigk.

»Fehlgeburten gehören leider zum Klinikalltag«, bestätigt auch Krzysztof Szkaradzinski, leitender Oberarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe der Helios Klinik Erlenbach-Miltenberg. Bei klinischen Schwangerschaften - also wenn die Schwangerschaft über eine Ultraschalluntersuchung nachgewiesen werden kann - liegt das Abortrisiko bei etwa 12 bis 15 Prozent.

Hohe Dunkelziffer

Szkaradzinski geht davon aus, dass die Dunkelziffer der Fehlgeburten weitaus höher sein dürfte als angenommen. »Denn nicht jeder Schwangerschaftsverlust, aber auch nicht jede Schwangerschaft wird als solche erkannt«, sagt der Mediziner. Etwa die Hälfte aller befruchteten Eizellen nisteten sich nicht ein.

Eine Schwangerschaft im frühen Stadium lässt sich laut Arzt nur durch einen Blut- oder Urintest zweifelsfrei nachweisen. Mittlerweile haben sich aber auch die handelsüblichen Schwangerschaftstests weiterentwickelt. »Dadurch finden sie heute viel früher und häufiger Anwendung als früher. Entsprechend steigt auch die Zahl der damit zusammenhängenden Aborte. Denn vorher wären sie unbemerkt geblieben«, sagt Szkaradzinski. Die Entwicklung von der Eizelle zum Baby sei hochkomplex und könne leicht gestört werden. Grundsätzlich gebe es viele Gründe, die zu einer Fehlgeburt führen könnten: etwa Autoimmunkrankheiten, Gerinnungsproblematiken, Infektionen oder Erkrankungen der Mutter, aber auch Röntgenstrahlen, gewisse Medikamente oder Drogen. »Zu den häufigsten Gründen für Fehlgeburten zählen jedoch genetische Ursachen«, sagt der Mediziner. Es sei schlicht Veranlagung, wenn eine Frau sehr häufig Fehlgeburten erleide. Wer dann in seiner eigenen Familie nachforsche, finde oft heraus, dass schon die Mutter oder die Großmutter damit zu kämpfen hatte.

Hohe Belastung

Seit 21 Jahren begleitet das Thema Fehlgeburt auch Ursula Omer vom Sozialdienst katholischer Frauen in Aschaffenburg. So lange nämlich arbeitet Omer schon als Beraterin für die Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen. Vor allem die Angst davor, dass sich eine solche Fehlgeburt wiederholen könne, belaste viele Frauen, die erneut schwanger die Beratungsstelle aufsuchen. »Wie schwer ein solcher Verlust eines Kindes wiegt, ist natürlich in hohem Maße individuell und abhängig von den jeweiligen Lebensumständen. Wir begleiten die Frauen so engmaschig, wie sie es möchten«, sagt Omer.

Noch Tabuthema

Die Sozialarbeiterin nimmt das Thema dennoch immer noch als Tabuthema wahr. »Zum einen möchte man vielleicht Frauen in der Kinderwunschphase keine Angst machen, zum anderen ist doch auch immer ein wenig Selbstzweifel und Scham dabei«, sagt Omer. Die Frauen fragten sich häufig, ob sie etwas falsch gemacht hätten oder ob andere über sie denken, dass sie Schuld hätten an dem Ereignis. »Letztlich könnte offenes Reden darüber auch Entlastung für die Betroffenen schaffen. In der Beratungsstelle erleben wir häufig Dankbarkeit, dass es ein Thema sein darf«, sagt Omer.

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