Ende der Flaute: Der Aschaffenburger Fischmarkt kommt

Ab 21. April wieder Backfisch & Co. aus Hamburg auf dem Schlossplatz

Aschaffenburg
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Der Hamburger Fischmarkt 2019: Nach zweijähriger coronabedingter Flaute kehren die Hanseaten in diesem Jahr zurück nach Aschaffenburg. Archivfoto: Björn Friedrich
Foto: Björn Friedrich
Die Flau­te ist vor­über. Gu­te al­te Be­kann­te kom­men wie­der in die Stadt. Wa­sch­ech­te Han­sea­ten. Der Ham­bur­ger Fi­sch­markt ist zu­rück in Aschaf­fen­burg. Nach zwei Jah­ren, in de­nen er co­ron­a­be­dingt aus­fiel. Ab Don­ners­tag, 21. April heißt es nun wie­der »Hum­mel, Hum­mel - Mors, Mors« auf dem Platz vor der Stadt­hal­le. Bis zum 1. Mai sind die Nord­lich­ter in der Stadt.

Zum 29. Mal kommen sie schon von der Elbe hinunter an den Main. 1992 schlugen die Marktleute von der Waterkant zum ersten Mal in Aschaffenburg ihre Zelte auf. Den damaligen Mitarbeitern des Ordnungsamtes war es gelungen, den Tournee-Markt zu engagieren. Die Veranstaltung war von Anfang an ein großer Erfolg. 1992 meldete die Stadt schon mehrere Tage vor Marktende 150.000 Besucher.

Nach Schätzungen der Kongress- und Touristikbetriebe kamen zuletzt 200.000 bis 220.000 Besucher, um Hamburger Luft zu schnuppern. Also den Duft von Lachs und Labskaus, Backfisch und Bismarckhering, Scholle Finkenwerder Art und Scampispieß. Das Ganze roh für die Pfanne daheim oder eben als fertiges Gericht - mit hanseatischem Charme auf dem Platz vor der Stadthalle serviert. Garniert mit zünftigem Marktgeschrei, das Aale-Dieter, Bananen-Fred und Kollegen anstimmen. Dazu: Ein Unterhaltungsprogramm norddeutschen Zuschnitts. Und damit die Stimmung nicht hanseatisch kühl bleibt: friesisch-herber Gerstensaft?

Foto: Thomas Minnich

Doch nicht nur den Besuchern gereicht der Fischmarkt seit Jahrzehnten zu Freude. Auch Innenstadt-Einzelhändler und Gastronomen frohlocken angesichts der Menschenmassen, die sich natürlich nicht auf dem Schlossplatz verlaufen, sondern auch anderswo in der Stadt ihre Geldbeutel zücken.

Trotzdem findet die fischige Fete keinen ungeteilten Zuspruch in der Stadt und bei Kommunalpolitikern. Immer wieder diskutieren Stadträte darüber, ob es nicht Zeit für eine Alternative zum Fischmarkt sei. Eine, die den Beschickern des Aschaffenburger Wochenmarktes gerechter wird. Sie müssen wegen der Hamburger Veranstaltung vier Mal mit dem ungeliebten Ausweichquartier direkt vor dem Schloss Vorlieb nehmen. Marktbeschicker Jochen Grimm, der zugleich CSU-Stadtrat und Sprecher der Initiative Aschaffenburger Wochenmarkt ist: »Der Fischmarkt hat sich überholt.« Eine Veranstaltung mit regionalen Anbietern, die den Wochenmarkt räumlich einbeziehen würde, sei die bessere Alternative.

Große Umsatzeinbußen bei Umzug befürchtet

Grimm beklagt für sich und seine Kollegen Umsatzeinbußen um die 50 Prozent, wenn der Markt umziehen muss. Da die Marge keine 50 Prozent betrage, seien die Markttage auf dem Ausweichplatz ein Verlustgeschäft. Und es seien nicht nur vier. Zusätzlich muss der Wochenmarkt an acht Tagen dem Weihnachtsmarkt und einen weiteren Tag dem Stadtfest weichen.

Auf die Seite der Marktbeschicker hat sich schon seit geraumer Zeit die Kommunale Initiative (KI) im Stadtrat geschlagen. KI-Vorsitzender Johannes Büttner: »Die kulinarische Qualität des Fischmarktes ist »stark zurückgegangen«. Anfangs sei der Markt eine »Bereicherung« gewesen. Unterdessen sei es aber so, dass auch regionale Anbieter einen Markt auf die Beine stellen könnten. Der müsse auch nicht zwingend auf dem Schlossplatz stattfinden. Das Mainufer beispielsweise sei ebenfalls denkbar.

»Nach fast 30 Jahren langt es«, ist auch Thomas Giegerich überzeugt, der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Stadtrat. Nach seinen Vorstellungen soll der Markt durch ein regionales Format ersetzt werden. Die lokalen Akteure hätten aber noch nicht die »zündende Idee« gehabt.

Streichen der Veranstaltung nicht vorstellbar

Die bis dato nicht greifbare gleichwertige Alternative lässt offensichtlich auch die SPD und FDP im Stadtrat am Hamburger Fischmarkt festhalten. »Irgendwann läuft sich jedes Fest tot«, ist SPD-Vorsitzender Erich Henke überzeugt. Aber es müsse eben ein Nachfolgekonzept auf den Tisch.

Findet auch Karsten Klein, der Vorsitzende der FDP-Fraktion. Durchaus sei es Zeit für etwas Neues. Aber solange das nicht da sei, sei der Fischmarkt alternativlos. Ihn ohne Ersatz ausfallen zu lassen, sei nicht sinnvoll. Sven-Olaf Brüggemann, der Leiter der städtischen Kongress- und Touristikbetriebe, hielte das ersatzlose Streichen der Veranstaltung gar für »den größten Fehler.«. »Ich sehe momentan nichts Besseres«, sagt Brügeemann. Man müsse auch bedenken, dass der Fischmarkt der Stadt keinen Cent koste und ihr kaum Arbeit mache. Ferner übernachteten die Gäste aus Hamburg in Aschaffenburg und sie kauften einen Teil ihrer Waren bei örtlichen Händlern ein.

Peter Schweickard, der Vorsitzende der CSU-Stadtratsfraktion, hält den Fischmarkt für eine »hochprofessionelle Veranstaltung mit enormer Anziehungskraft«. Eine »echte Alternative« zum Fischmarkt sehe er nicht. Gleichwohl nehme er die Bedenken der örtlichen Marktbeschicker und auch die Interessen regionaler Schausteller zur Kenntnis. Doch anstatt den Fischmarkt aus dem Kalender zu streichen, rege er eine weitere neue Veranstaltung an, die dann den Ansprüchen der regionalen Wettbewerber gerecht werden könne.

Schließlich fordert auch Oberbürgermeister Jürgen Herzing (SPD) ein Ersatzkonzept. Die Marktbeschicker hätten ein solches vorlegen wollen. Das sei aber nicht geschehen. Ohne Alternativkonzept, prophezeit Herzing, werde der Stadtrat auch den Fischmarkt 2023 wieder genehmigen.

Stichwort: Hamburger Fischmarkt in Aschaffenburg

Der Hamburger Fischmarkt auf dem Platz vor der Aschaffenburger Stadthalle wird am Donnerstag, 21. April, um 12 Uhr von Oberbürgermeister Jürgen Herzing eröffnet. Bis zum 1. Mai sind die Marktleute aus dem Norden zu Gast. Sie bieten nicht nur Kulinarisches, sondern täglich auch ein buntes Unterhaltungsprogramm . Geöffnet ist der Fischmarkt montags bis mittwochs von 10 bis 22 Uhr, donnerstags bis samstags von 10 bis 23 Uhr sowie sonntags von 11 bis 22 Uhr . Am letzten Tag schließt der Fischmarkt um 22 Uhr. Die Werbe-Gesellschaft des Ambulanten Gewerbes und der Schausteller Hamburg ( WAGS ) ist Ausrichterin des Fischmarkts auf Reisen. joff

KOMMENTAR: Appetit auf die Region machen

Die Stadt Aschaffenburg sollte sich ab 2023 um eine Alternative für den Hamburger Fischmarkt bemühen. Und das nicht, weil das Gastspiel der Hanseaten keine Aussichten auf Erfolg mehr hätte. Im Gegenteil. Man mag das kulinarische Angebot aus dem hohen Norden noch so durchschnittlich finden und die vermeintlich hanseatische Atmosphäre eher als kitschiges Klischee denn als Wirklichkeit wahrnehmen - was am Ende zählt, sind die 200.000 bis 220.000 Menschen, die bis zur bis dato letzten Fischmarkt-Ausgabe 2019 nach Schätzungen der Kongress- und Touristikbetriebe dem Duft des Backfischs nach Aschaffenburg folgten. Es bestehen wenig Zweifel, dass dies in diesem Jahr nicht auch so sein wird.

Aber warum sollte eine andere Veranstaltung nicht auch zum Publikumsmagnet geraten können? Zumal sich der Erfolg des Fischmarkts ja wohl eher darin begründet, dass er der erste Freiluft-Event des Jahres nach einem langen Winter ist. Und weniger darin, dass Backfisch, Schollenfilets und Shanties Alleinstellungsmerkmale mit Sogwirkung wären.

Und weil dies so ist, kann die Stadt fast bedenkenlos auf eine andere Veranstaltung setzen. Auf eine, die nach Möglichkeit nicht so aus der Zeit gefallen ist wie der Fischmarkt. Die dieselbewehrte LKW-Kolonne aus Hamburg, die Imbissstände von Nord nach Süd durch die ganze Republik bewegt, ist ja geradezu ein Anachronismus in nachhaltigen Zeiten. Eine Stadt wie Aschaffenburg, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreibt, kann so etwas nicht wirklich wollen.

Dem Bekenntnis zur Nachhaltigkeit wohnt das zur Regionalität inne. Und auch aus dieser Perspektive ist der Import aus dem hohen Norden fragwürdig. Aschaffenburg ist Teil einer großen Genussregion. Die kulinarische Vielfalt ist immens, die Zahl erstklassiger Produzenten von Nahrungsmitteln groß. Warum versammelt man nicht die Protagonisten dieser Szene Ende April auf dem Schlossplatz? Mit mehr terminlicher Rücksicht auf die Belange der Beschicker des Aschaffenburger Wochenmarkts, die gegenwärtig wegen des Fischmarkts vier Mal auf den Platz vor dem Schloss ausweichen müssen. Durch eine geringe zeitliche Verkürzung eines zukünftigen Events könnte man die Ausweichmärkte auf von vier auf zwei reduzieren. Möglicherweise den Wochenmarkt gar einbeziehen.

Eine solche Schau eigener Qualitäten und des eigenen Profils müsste auch der Anspruch der Stadt sein. Unverständlich, dass das Stadtmarketing nicht klar und eindeutig den Auftrag bekommt, aktiv einer Fischmarkt-Alternative auf die Welt zu helfen, die zeigt wie attraktiv, liebens-, sehens- und erlebenswert Aschaffenburg ist. Doch stattdessen formuliert die Verwaltung lieber Gegenargumente: Der Fischmarkt mache der Stadt keine Arbeit und es entstünden ihr keine Kosten. Zudem sei eine gleichwertige Alternative schwer bis gar nicht zu finden. Das ist schwach.

Zu was der Fischmarkt in Aschaffenburg indes marketingtechnisch imstande ist, schreiben die Beschicker sehr schön auf der eigenen Homepage: »Wir machen Appetit auf Hamburg.« Dieser Slogan sagt alles.

Jürgen Overhoff

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