Ein Fest der Vielfalt und Fröhlichkeit

Brüderschaft der Völker: 30 000 Besucher feiern am Wochenende auf dem Volksfestplatz - Ruhezelt für Behinderte neu im Angebot

Aschaffenburg
3 Min.

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Einer von vielen Programmpunkten auf dem Brürderschaftsfest der Völker: das Trommelhaus Ensemble aus Würzburg.
Foto: Stefan Gregor
Al­le Men­schen, auch sol­che mit schwe­rer Be­hin­de­rung, sol­len das Brü­der­schafts­fest der Völ­ker mit­fei­ern kön­nen: Um das zu er­mög­li­chen, hat der Stadt­ju­gen­dring den »Ru­he­pol Be­geg­nung und Pf­le­ge« ein­ge­rich­tet. Erst­mals konn­ten Be­su­cher mit Be­t­reu­ungs­be­darf im Ru­he­zelt un­ter Bäu­men ei­ne Aus­zeit vom Tru­bel mit über 30 000 Gäs­ten an drei Ta­gen neh­men.

Dem neunjährigen Tim aus Bürgstadt (Kreis Miltenberg) tut die Pause am Samstagnachmittag sichtlich gut. Mit seinen Eltern und Leo, der im Gegensatz zu seinem Zwillingsbruder keinen Rollstuhl braucht, war Tim schon mehrmals auf dem Brüderschaftsfest. »Die Kinder sollen auch ein bisschen Spaß haben«, meint Vater Michael Kraus.

Pflegebett und Lifter

Die Eltern der 27-jährigen Alina, die künstlich beatmet wird und in einer Intensiv-WG wohnt, hatten sich schon am Freitag über das »Ruhepol«-Angebot informiert. Ein Pflegebett zum Frischmachen, ein Lifter und Fachpersonal stehen in einem der beiden Zelte bereit. Alina fühle sich »heimelig«, meint die Mutter aus Krombach. Der drei Jahre jüngere Bruder, der gern mit Alina im Park spazieren geht, nickt zustimmend.

Im Ruhepol scherzt Betreuerin Dagmar Fleckenstein mit Tim.
Foto: Stefan Gregor

Unter der Regie von Dagmar Fleckenstein, Schulleiterin der Aschaffenburger Hans-Weinberger-Akademie, sind Pflegeschüler im zweiten Lehrjahr im Einsatz. Die Haibacher Ergotherapeutin Sandra Zgorzelski-Will unterstützt sie und informiert über die Selbsthilfegruppe für Menschen mit erworbenen Schädel-Hirn-Verletzungen.

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Fest Brüderschaft der Völker
Foto: Stefan Gregor |  81 Bilder
Für Inklusion sensibilisieren

Günter Fries, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Aschaffenburg, kommt im Rollstuhl vorbeigefahren und zeigt sich sehr zufrieden mit dem neuen Angebot, das 2018 eingeführt wurde, damals allerdings ohne extra Ruhezelt und noch zwischen der Main- und Klangbrett-Bühne in der prallen Sonne. Die Sensibilisierung der Festbesucher für das Thema Inklusion nennt Fries »etwas ganz Besonderes«.

Eine außergewöhnliche Leistung bescheinigt Ruth Weiss, die Namensgeberin der Staatlichen Realschule, den Aschaffenburgern bei der Eröffnungsfeier mit Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD) am Freitag. Es sei das »riesengroße Verdienst« der Bürger und des Stadtrats, dieses vorbildliche Fest der Vielfalt und der Fröhlichkeit - und der enormen Arbeit hinter den Kulissen - jedes Jahr zu feiern, sagte Ruth Weiss.

Auch das ist Vielfalt: Teezeremonie im marokkanischen Zelt.
Foto: Stefan Gregor

Sie hoffe, das Fest stehe für eine bessere Zukunft und für das Ende von Zerwürfnissen zwischen auseinanderdriftenden Welten, meint die frühere Journalistin und Kämpferin gegen Apartheit in Südafrika, die ihren Lebensabend beim Sohn in Dänemark verbringt. Anlässlich ihres 95. Geburtstags am 26. Juli, der im Rheinland gefeiert wird, ist die jüdische Friedensaktivistin nach Aschaffenburg gekommen und nimmt an den Abschlussfeiern der Ruth-Weiss-Schule teil.

Aktionen, Gruppen und Projekte für eine offene, tolerante und vielfältige Gesellschaft finden sich an vielen der 72 Stände des 36. Brüderschaftsfests und konzentriert im Zukunftszelt mit Vertretern von Fridays für Future.

Leckereien aus aller Welt

Auch wenn viele Besucher eher wegen der Leckereien aus aller Welt und des tollen Unterhaltungsprogramms kommen, so können die weit über 100 teilnehmenden Gruppen viel von ihrem Engagement bekannter machen.

Auf großes Interesse stößt zum Beispiel der gemeinnützige Techniker- und Tüftlerverein Schaffenburg, der mit einem selbstgebauten blinkendem Glücksrad und einer Foto-Bude für mehr Nachhaltigkeit unter dem Motto »Treffen, Schaffen, Teilen« wirbt.

Zum ersten Mal dabei ist Volker Schwinghammer, Lehrer an der Johannes-de-la-Salle-Berufsschule, mit »jumi«, Initiative für Jugend und Migration. Schwinghammer erzählt vom Jugend-Workshop »Total digital«, wo Roboter mit einem Lego-Programm gebaut werden, und vom Office-Workshop für Migrantinnen in der Berufsschule I, der bereits voll sei. »Wir wollen die Frauen unabhängiger machen.« Michael Quast von der Gruppe »Wir für Aschaffenburg«, die 2015 in der Schweinheimer Erbighalle als Flüchtlingshilfe entstand, kündigt die Gründung eines eigenständigen Vereins auf dem Fest an.

All das passiert in wunderbar entspannter Atmosphäre. Auf der Klangbrett-Bühne spielt die Babaloda Brassband zusammen mit dem Aschaffenburger Jugendsinfonieorchester. Am Samstagabend bezaubern die Jugendlichen vom Colectivo del Nido de las Artes aus Nicaragua die Zuschauer mit einer poetischen Kleinkunst-Schau - und wenig später ziehen die dicken grauen Unwetterwolken vorbei an Aschaffenburg.

eMehr Bilder:www.main-echo.de

Hintergrund: Stimmen zum Fest Brüderschaft der Völker

Tim Mbaku (69), Wachmann aus Aschaffenburg. Das aus dem Kongo stammende Mitglied des Aschaffenburger Freundeskreises Afrika (Afka) zur Ausstellung »Recycling statt Ausbeutung« von Akfa-Mitglied Roswitha Kolter-Alex. »In Afrika gibt es viele Kriege wegen der Rohstoffe. Der Kongo liefert weltweit 80 Prozent der seltenen Erde Coltan, die für die Handy-Produktion gebraucht wird. Im Gegensatz zu Australien und Brasilien wird Coltan im Kongo billigst in Kinderarbeit, mit krankmachenden Giften und zu Löhnen von unter einem Dollar pro Tag abgebaut. Im Vergleich zum Endpreis eines Handys ist das skandalös. Die Wegwerfgesellschaft treibt diese schädliche Entwicklung voran. Wir setzen hier ein Zeichen und sammeln gebrauchte Handys.«

Naira Akobjan (45), aus Armenien stammendes Gründungsmitglied der Armenischen Gemeinde Aschaffenburg, das seit über 20 Jahren in Deutschland lebt. »Seit unserer Gründung vor fünf Jahren beteiligen wir uns am Brüderschaftsfest. Unsre Vorbereitungen beginnen schon im Oktober des Vorjahres. 40 Familien präsentieren sich hier mit leckerem Essen, Volkstänzen und traditionellem Gesang. Der Erlös geht an unsere Sonntagsschule und an Hilfsprojekte für notleidende Menschen in Armenien. In der Sonntagsschule lernen die hier geborenen Kinder die Sprache und Kultur von Armenien kennen, die zu den ältesten Kulturen gehört. Wenn Kinder ihre Wurzeln kennen, stärkt das ihre Identität und Entwicklung.« ()

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