Die meisten Steinbacher wollen Städter werden, bis zum Schluss

Gebietsreform Bayern: Trotz Bürgervotums wird Steinbach 1978 nach Johannesberg eingemeindet - Auf Fördergelder verzichtet

Johannesberg
4 Min.

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Anton Hofmann (84) war stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Steinbach, bis diese 1978 nach Johannesberg zwangseingemeindet wurde. In einem dicken Ordner hat Hofmann alle Dokumente der bayerischen Gebietsreform, die Steinbach betreffen, fein säuberlich abgelegt. Foto: Melanie Pollinger
Foto: Melanie Pollinger
Steinbach (hier ein Luftbild von 2007) wurde 1978 nach Johannesberg eingemeindet. Archivfoto: Stefan Gregor
Foto: Stefan Gregor
Stein­bach will nach Aschaf­fen­burg ein­ge­mein­det wer­den. Al­les an­de­re wä­re mit dem De­mo­k­ra­tie­ver­ständ­nis der Stein­ba­cher nicht in Ein­klang zu brin­gen. Man füh­le sich nicht nur sehr ent­täuscht, son­dern hin­ter­gan­gen: Ei­nen ge­har­nisch­ten Brief, flan­kiert von 176 Bür­ger-Un­ter­schrif­ten, ver­fasst Stein­bachs Bür­ger­meis­ter Jo­hann Sau­er (par­tei­los) am 15. De­zem­ber 1975. Adres­sa­ten: das baye­ri­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um, die Re­gie­rung von Un­ter­fran­ken und das Aschaf­fen­bur­ger Land­rat­s­amt. Die Wür­fel bei den Be­hör­den sind je­doch längst ge­fal­len. Die ehe­mals selbst­stän­di­ge 470-Ein­woh­ner-Ge­mein­de Stein­bach wird zum 1. Mai 1978 nach Jo­han­nes­berg zwangs­ein­ge­mein­det.

Johann Sauer, der ab 1966 parteiloser Bürgermeister von Steinbach war und zuvor 14 Jahre Gemeinderat, lebt nicht mehr. Doch sein Stellvertreter, der noch immer sehr rüstige Anton Hofmann, kann dem Main-Echo aus eigener Erfahrung erzählen, welch hohe Wellen die bayerische Gebietsreform von 1972 bis 1978 in Steinbach hinter der Sonne geschlagen hat.

Hofmann war bis zur Zwangseingemeindung Zweiter Bürgermeister und lange Jahre Mitglied der CSU Steinbach. Diese favorisierte einen Anschluss an Johannesberg. Rückblickend sagt der 84-Jährige: "Mein Standpunkt war: Wir gehen dahin, wo die Bürger hinwollen." Wenn es ums Wohl der Gemeinde gegangen sei, habe man schon mal den Namen der Partei vergessen können, meint Hofmann beim Gespräch in seinem schönen großen Garten am Waldhang.

Eines scheint Hofmann, der in Verwaltungsdingen äußerst gewissenhaft ist, bis heute zu ärgern: Es gingen über 200.000 Mark Zuschüsse verloren, weil sich die Mehrheit im Steinbacher Gemeinderat bis zum Schluss - Frist war der 1. Januar 1976 - weigerte, einem freiwilligen Beitritt zu Johannesberg zuzustimmen. Da half auch das Angebot des Landratsamts nichts, Regierungsdirektor Gerhard Engel zur Aufklärung in die Dezember-Sitzung des Steinbacher Gemeinderats zu schicken. "Wir brauchen niemand vom Landratsamt, denn das Landratsamt hat uns schon genug betrogen" ist die abschlägige Antwort von Bürgermeister Sauer, festgehalten als handschriftliche Notiz vom 29. November 1975.

Die Notiz befindet sich in einem dicken Aktenordner mit säuberlich abgehefteten Unterlagen zur Gebietsreform in Steinbach. Hofmann hat ihn aus dem Keller geholt. Aus der Dokumenten-Fundgrube kommt viel Interessantes und manch Amüsantes ans Licht.

Steinbach wollte so lange wie möglich selbstständig bleiben, erinnert sich Hofmann. In den 1960er-Jahren sei die 350-Einwohner-Gemeinde bestens ausgestattet gewesen: Kindergarten, Post, Metzger, Bäcker, Großbäckerei Steinbacher Brot, drei Gaststätten, zwei Tankstellen mit Handpumpe, ein Lebensmittelgeschäft mit Selbstbedienung und eine Fahrradreparatur. Die Sparkasse und Raiffeisenbank seien zweimal die Woche vor Ort gewesen. Zum Neubaugebiet Heppenberg seien bald schon der "Unterklinger" und "Wiesenrain" dazugekommen. "Und der Bürgermeister war zu jeder Tages- und Nachtzeit zu erreichen."

Als Steinbachs Selbstständigkeit keine Option mehr war, stimmte im Juni 1975 eine knappe Mehrheit des Gemeinderats - Bürgermeister Sauer und die vier SPD-Räte gegen vier CSU-Räte - für den Anschluss an die Stadt. Vorangegangen war eine inoffizielle Bürgerbefragung am 4. Mai 1975. Ergebnis: 193 Stimmen (67 Prozent) für Aschaffenburg, 93 Stimmen (37 Prozent) für Johannesberg und drei Stimmen (ein Prozent) für Glattbach.

Die Steinbacher CSU hatte zuvor in einem Flugblatt von Aschaffenburg abgeraten: Die 450 Bürger von Steinbach würden in der Stadt eine unbedeutende Minderheit von weniger als einem Prozent sein, in Johannesberg hingegen mit 15 Prozent durchaus wirksam. Der Ausbau der Straße nach Aschaffenburg gehöre zur Verkehrssicherungspflicht der Stadt und habe nicht das Geringste mit einem Anschluss zu tun. Auch das Versprechen einer städtischen Buslinie versuchte die Steinbacher CSU zu entkräften. "Bei einem Anschluss an Johannesberg ist eine viermalige Busverbindung sowohl nach Aschaffenburg als auch nach Johannesberg sichergestellt." Außerdem seien die Steuerhebesätze und Gebühren in der Stadt wesentlich höher als in Johannesberg.

Wie aktiv die Stadtväter bei ihrer Werbung um die Steinbacher waren, zeigen zwei Presseberichte. "Stadt greift nun nach Steinbach" titelt das Volksblatt vom 6. Dezember 1974. Das Main-Echo meldet am selben Tag ein "Ungewöhnliches Verfahren" mit harschen Worten von Landrat Roland Eller (CSU) über Aschaffenburgs Oberbürgermeister Willi Reiland (SPD).

Was ist passiert? Die Stadt hat die Steinbacher mit Flugblättern zu einem Informationsgespräch in den "Grünen Baum" eingeladen, um ihnen den Anschluss an Aschaffenburg schmackhaft zu machen, wie im Main-Echo steht. Der Landrat habe den "unfreundlichen Akt" kritisiert. Es sei noch nie der Fall gewesen, dass eine Gebietskörperschaft im Bereich der anderen aktiv geworden sei, ohne diese vorher von ihrer Absicht zu verständigen, habe Eller gesagt.

Das Volksblatt schrieb gar, der Stadtrat sei von Reilands Aktion nicht verständigt worden ebenso wenig wie vom Schreiben im Februar 1973, in dem der OB Steinbach acht konkrete Angebote gemacht habe. Als Grund für die Verärgerung im Landratsamt vermutete die Zeitung Finanzielles: Die Gemeinde Steinbach bringe dem Landkreis jährlich Kreisumlage in Höhe von etwa 62.000 Mark. Durch die Eingemeindung von Gailbach seien dem Landkreis immerhin schon 150.000 Euro verloren gegangen.

Noch im Dezember 1975 - die Regierung von Unterfranken hatte im Monat zuvor ihre Zielplanung zur Neugliederung der Gemeinden bekannt gegeben - bestand die Stadt Aschaffenburg weiter auf der Eingemeindung von Obernau, Steinbach und Dörrmorsbach. Die Aschaffenburger wollten gar in München bei Ministerpräsident Alfons Goppel vorsprechen.

In der Stadtratssitzung zu diesem Thema wies der OB laut Main-Echo darauf hin, "wie wichtig es angesichts der gegenwärtigen Finanzlage der Stadt ist, der Aussiedlung von Geschäftsleuten und Betrieben ein Ende zu machen. Von vielen, die weggezogen sind, fehle jetzt die Steuer. Ein Zuwachs an Gelände soll die Voraussetzungen dafür schaffen, dass niemand mehr wegzieht, der Einkommensteuer bringt, und dass kein Betrieb, der nach Aschaffenburg möchte, abgewiesen werden muss."

Auch Steinbach suchte Unterstützer in München. Die Gemeinde bat den Landtagsabgeordneten Hermann Leeb (CSU), ihre Petition gegen die Zielplanung der unterfränkischen Regierung einzubringen. Leeb lehnte das in seinem Brief vom 4. März 1976 ab. Erstens sei er kein stimmberechtigtes Mitglied im Landesausschuss für Verfassungs-, Rechts- und Kommunalfragen und außerdem gebe es "ganz erhebliche sachliche Argumente" gegen das Begehren Steinbachs auf Eingemeindung.

Diese entsprachen weitgehend dem, was im Main-Echo vom 22. November 1975 unter der Überschrift "Warum die Stadt nur 20 Einwohner und 5,5 Quadratkilometer gewinnt" veröffentlicht wurde: "Die Eingemeindung von Steinbach - von der Gemeinde selbst gewünscht - würde nach Ansicht der Regierung eine unorganische Ausweitung des Stadtgebiets nach Norden bedeuten und strukturell stark unterschiedliche Gebiete zusammenfassen. Weder für die Stadt noch für Steinbach seien Vorteile ersichtlich."

Und weiter: "Die Zuordnung von Steinbach zur Mitgliedsgemeinde Johannesberg in einer Verwaltungsgemeinschaft Glattbach biete dagegen eine sinnvolle Lösung, die den topografischen und strukturellen Gegebenheiten Rechnung trage. Sieht man von der Pendlerbewegung und den überörtlichen Verflechtungen ab, hat die Gemeinde entsprechend ihrer Struktur und der räumlichen Entfernung auf kommunaler Ebene stärkere Bindungen zur Gemeinde Johannesberg als zur kreisfreien Stadt Aschaffenburg."

Für Steinbachs Noch-Bürgermeister Johann Sauer waren das keine überzeugenden Argumente. Der "eindeutige Wille der Bevölkerung und des Gemeinderats von Steinbach wird in der Zielplanung völlig außer acht gelassen", schreibt er in seinem Beschwerdebrief vom 15. Dezember 1975. Man fühle "sich von der Verwaltungsbürokratie schulmeisterlich zurechtgewiesen", zumal durch die Anhörungsverfahren Hoffnungen auf Entscheidungen geweckt worden seien, die dem Bürgerwillen entsprächen.

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