»Die Kirchen haben ein gerüttelt Maß an Mitschuld«

Kälberauer Gespräche:Gewerkschaftssekretär Tobias Schürmann über Wettbewerb im sozialen Bereich

Alzenau
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Gewerkschaft, Kirche und Gerechtigkeit: Der Gewerkschaftssekretär Tobias Schürmann (links) bei den Kälberauer Gesprächen am Montagabend im Pfarrsaal. Foto: Doris Pfaff
Foto: Doris Pfaff
»Ge­werk­schaf­ten sind gut und wich­tig, man soll ih­nen aber bloß nicht bei?t­re­ten.« Das ha­be er in sei­ner ka­tho­lisch ge­präg­ten Er­zie­hung oft zu hö­ren be­kom­men, be­rich­te­te der Ge­werk­schafts­se­k­re­tär To­bias Schür­mann am Mon­ta­g­a­bend bei den Käl­be­rau­er Ge­sprächen.

Und er fürchte, es gehe vielen Menschen im kirchlichen Bereich ebenso, obwohl sie sich als Christen für andere einsetzen sollten.

Tobias Schürmann (Jahrgang 1956), der aus einer Essener Unternehmerfamilie stammt und Theologie studierte, geht seinen eigenen Weg. Seit 1991 ist Schürmann, der nach Stationen in Hamburg und Berlin in Johannesberg lebt, Gewerkschaftssekretär im Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, zudem Verhandlungsführer bei Tarifverhandlungen und Geschäftsführer der Christlich-Demokra?tischen/Sozialen Arbeitnehmergruppe (CDA/CSA) in Verdi. Sein Thema vor 12 Zuhörern in Kälberau: »Lohn, Gewinn. Der Streit um Gerechtigkeit – Gewerkschaft und Kirche«.

Von Arbeitskämpfen verschont

Was bei weltlichen Arbeitgebern seit langem Realität sei, gelte für Kirchen nicht, machte Schürmann deutlich. Seit jeher seien sie von Arbeitskämpfen verschont geblieben. Tarifverträge gebe es nur vereinzelt. Im Übrigen lehnten die Kirchen und ihre Einrichtungen, die insgesamt 1,4 Millionen Menschen beschäftigten, darunter 510 000 bei der Caritas, Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften ab, und betrachteten Streiks als unzulässig. Die Kirchen beriefen sich auf ihr eigenes Arbeits- und Selbstbestimmungsrecht, so Schürmann.

»Verheerend« sei es geworden, als die Politik beschlossen habe, dass es im Sozialbereich Wettbewerb geben soll, führte der Gewerkschafter weiter aus. Schürmann: »Da setzte ein Dammbruch ein.« Denn der Wettbewerb gehe zu Lasten der Menschen, führe zu Lohndumping. Die Idee sei eigentlich gewesen, ineffiziente Betriebe, etwa Krankenhäuser, zu schließen. Tatsächlich sei am Personal, vor allen in Küchen, Wäschereien und anderen angegliederten Sektoren gespart worden. »Die Kirchen haben ein gerüttelt Maß an Mitschuld, weil es bei ihnen keine Tarifverträge gibt« so Schürmann.

Von gerechten Löhnen sei man hierzulande »weit weg.« Es gebe etwa 12 Millionen Arbeitsverhältnisse, deren Lohn nicht fürs Leben ausreiche und mit Transferleistungen aufgestockt werden müsse. »Da ist etwas nicht in Ordnung.«

Nötiger denn je

»Gewerkschaften sind heute nötiger denn je«, sagte ein Zuhörer, der zudem fand, dass »Kirche und Gewerkschaften gut zusammenpassen«. Die »gesellschaftliche Kraft« der Gewerkschaften unterstrich ein weiterer Besucher.

dp
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