Kirchen-Konflikt im Kahlgrund spitzt sich zu

»Machtmissbrauch«

Mömbris
4 Min.

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Mömbris, Kirche St. Cyriakus von innen und außen Foto: Petra Reith
Foto: Petra Reith
Im Kir­chen-Kon­f­likt im Kahl­grund ist die nächs­te Stu­fe er­reicht: Dia­kon Rein­hold Gla­ser (68) aus Möm­b­ris-Nie­der­stein­bach hat, wie von ihm an­ge­kün­digt, Wi­der­spruch ge­gen das De­k­ret des Würz­bur­ger Bi­schofs Franz Jung ein­ge­reicht. Der Dia­kon übt har­sche Kri­tik.

Im Kirchen-Konflikt im Kahlgrund ist die nächste Stufe erreicht: Diakon Reinhold Glaser (68) aus Mömbris-Niedersteinbach hat, wie von ihm angekündigt, Widerspruch gegen das Dekret des Würzburger Bischofs Franz Jung eingereicht. Der Diakon übt harsche Kritik.
Hintergrund: Entbrannt ist der Konflikt zwischen Diakon Glaser und Teampfarrer Andreas Hartung sowie dem Pastoralteam im Pastoralen Raum Kahlgrund bereits vor Monaten. Dabei geht es – zusammengefasst – um die Festsetzung von Gottesdienstzeiten (beispielsweise bei Taufen und Beerdigungen). Pfarrer Hartung ist für eine einheitliche Regelung ohne Abweichungen. Diakon Glaser will dabei mehr zeitliche Flexibilität. 

Untersagung und Entpflichtung

Im Februar wurde Glaser eine Dienstuntersagung im Pastoralen Raum Kahlgrund auferlegt. Zum 1. November folgte das bischöfliche Dekret, das darüber hinaus eine Entpflichtung Glasers von seinen Aufgaben in der gesamten Diözese Würzburg vorsieht.
Gegen dieses Dekret hat sich der Diakon nun zur Wehr gesetzt. In seinem 16-seitigen Schreiben heißt es: »Gegen die Dienstuntersagung und gegen die Anweisung, mich nicht in die Seelsorge im Kahlgrund einzumischen..., widerspreche ich... ausdrücklich und beantrage, diese Teile des Dekretes zurückzunehmen.«

Reinhold Glaser.
Foto: Michaela Ullrich
Was will Diakon Glaser – und was nicht?

o Glaser betont, es gehe ihm mit dem Widerspruch darum, dass die Dienstuntersagung zurückgenommen wird. Der Diakon teilt mit, er möchte künftig ehrenamtlich in der Seelsorge im Pastoralen Raum Kahlgrund mitarbeiten. 

o »Die Zurücknahme meiner Entpflichtung erwarte ich ausdrücklich nicht. Mein Vertrauen in Sie als Personalverantwortliche ist dauerhaft zerstört, so dass ich zukünftig in keiner vertraglichen Verpflichtung mehr mit Ihnen stehen möchte«, richtet er sich an die Verantwortlichen in Würzburg.

Des Weiteren übt Diakon Glaser Kritik an der Vorgehensweise seiner Vorgesetzten im Umgang mit dem Streit im Pastoralen Raum Kahlgrund: »Herr Bischof, in dem von Ihnen unterschriebenen Dekret hat der Generalvikar (Jürgen Vorndran, d. Red.) formuliert, dass es >trotz mehrfacher Bemühungen um Vermittlung und gütliche Einigung< keine Lösung des Kirchenkonfliktes im Kahlgrund gab. Lassen Sie sich doch vom Generalvikar einmal beschreiben, worin die >mehrfachen Bemühungen< bestanden. Ich sage Ihnen, diese >mehrfachen Bemühungen< beschränkten sich darauf, wie man mich loswerden kann und man hoffte, dass ich irgendwann klein bei gebe.«

Glaser schreibt in diesem Zusammenhang von Machtmissbrauch seiner Vorgesetzten: »Herr Bischof, Sie sind als Verantwortlicher des Bistums Würzburg dafür zuständig, dass im Sinne von Jesus Christus in Ihrem Bistum Gerechtigkeit zum Tragen kommt. Ich bin überrascht bzw. vielmehr enttäuscht, wie wenig Sie versuchen, dieser Verantwortung gerecht zu werden. Aus Ihrem Dekret lese ich, dass Ihr oberstes Ziel der >Machterhalt< ist oder anders ausgedrückt:  >Wer die Macht hat, der bekommt auch das Recht zugesprochen.<«

Bischof Franz Jung. Foto: Thomas Josef Möhler
Foto: Thomas Josef Möhler
»Von der Gerechtigkeit Christi«

Glaser weiter: »Ein solches Verhalten stellt gemeinhin >Machtmissbrauch< dar. Von der Gerechtigkeit Christi ist dies weit entfernt. Und dass Jesus Christus Macht haben wollte, davon konnte ich noch nichts in der Bibel finden.«

Gleichwohl schreibt der Mömbriser Diakon in seinem Widerspruch zum bischöflichen Dekret, dass er »zu einer befriedeten Zusammenarbeit bereit« sei. Er betont, nie verlangt zu haben, dass die von Pfarrer Hartung aufgestellten »>Grundsatzregeln für Gottesdienstzeiten und Gottesdienstangebote weg müssten.<«

Vielmehr habe er ergänzend eine individuelle Entscheidungsmöglichkeit für den Zelebranten gefordert. In diesem Zusammenhang habe er angeboten, »>Sonderfälle<« etwa bei der Flexibilisierung von Gottesdienstzeiten zu übernehmen. Das hätten ihm seine Vorgesetzten indes verweigert.

In seinem Widerspruch zum Dekret des Bischofs verweist der Diakon in Bezug auf (zeitliche) Flexibilität etwa bei Gottesdiensten auf das Bischofswort vom 8. März 2022. Darin heißt es: »Seelsorge fragt nach den Anliegen und Nöten der Menschen.«

Ferner macht Glaser darauf aufmerksam, dass er Mitglied des Pfarrgemeinderats der Pfarreiengemeinschaft Mittlerer Kahlgrund, Mömbris, ist. Laut Satzung für Pfarrgemeinderäte sei es Aufgabe der Mitglieder, »sich in die Seelsorge in ihrem Pastoralen Raum einzumischen«. Glaser: »Ich kann mir nicht vorstellen, ...dass dem Mitglied eines Pfarrgemeinderats... vom Bischof untersagt wird, sein Amt auszuüben, weil dieses Mitglied dem satzungswidrigen Handeln des Pfarrers kritisch gegenüber steht.« Und die Diözese? Sie bestätigt den Eingang von Glasers Widerspruch. Das weitere Vorgehen werde derzeit beraten. 

Zurück zum Diakon. In seinen »Schlussgedanken« des Widerspruchs schreibt er, er vertraue auf den Bischof und erwarte »ein bischöflich weitblickendes Verhalten und Entscheiden« – »Auch wenn ich Sie bei unserem Gespräch... als sehr desinteressiert und unempathisch erlebt habe und derzeit von Ihnen sehr enttäuscht bin.«

»Unheilvolle Machtstrukturen«

Mit dem Dekret, das Glaser als »unreflektiert« bezeichnet, stärke der Bischof »unheilvolle Machtstrukturen in der Kirche«. Im Dekret droht der Bischof dem Diakon die Suspendierung an. Dieser wiederum bezeichnet dies als »unsinnige Drohung«. Denn: Er werde »von genügend Menschen zur Seelsorge angefragt, ohne einen Raum betreten zu müssen, »in dem das Hausrecht dem örtlichen Pfarrer obliegt«.
Diakon Glaser schließt so: »Herr Bischof, lassen Sie uns einen vernünftigen und befriedenden Weg finden... Ich bin dazu bereit. Seien Sie es auch!«

 

Hintergrund: Pastoraler Raum Kahlgrund und Petition

Der Pastorale Raum Kahlgrund wurde im Februar 2022 errichtet. Er vereint knapp 17.000 Gläubige. Zu ihm gehören alle Gemeinden der Pfarreiengemeinschaften (PG) »Mittlerer Kahlgrund« um Mömbris, »Christus Immanuel« um Krombach und der PG »Christkönig Oberer Kahlgrund« um Sommerkahl und Schöllkrippen. Im Kirchen-Konflikt im Pastoralen Raum Kahlgrund gab es eine Petition zur Unterstützung des Diakons Reinhold Glaser: 1700 Menschen unterzeichneten diese Petition mit der Forderung »Seelsorge, die auf die Anliegen der Menschen eingeht«. Die Unterschriftenliste wurde im Oktober im Mömbriser Pfarrbüro übergeben.Vor dem Hintergrund des Konflikts gab es vor Kurzem ein internes Treffen der drei Pfarrgemeinderäte und des Pastoralteams des Pastoralen Raums Kahlgrund. Dieses Treffen, auch Diakon Reinhold Glaser war dabei, wurde von den Beteiligten positiv eingestuft.

Kommentar: Starker Tobak

Das ist starker Tobak von Diakon Reinhold Glaser aus Mömbris. Einerseits schreibt er in seinem Widerspruch zum Dekret von Machtmissbrauch, Interesselosigkeit und fehlender Empathie des Bischofs, von dem er enttäuscht sei - schwere Vorwürfe. Andererseits betont er, dass er dem Bischof vertraue. Dass er bereit sei, »einen vernünftigen und befriedenden Weg« zu finden.

Für die Sicht von Diakon Glaser auf den Kirchenkonflikt im Kahlgrund wurden durch eine Petition 1700 Unterstützer-Unterschriften gesammelt. Das mag den Diakon wohl beflügelt haben, sehr deutliche Worte nach Würzburg zu schicken.Die Diözese wiederum hält sich äußerst bedeckt. Wenn sie überhaupt öffentlich reagiert, dann zurückhaltend, sachlich und wenig inhaltsreich. Geht es ihr darum, den Konflikt auszusitzen? Oder wird sie vor dem Hintergrund des Widerspruchs von Glaser ihre Sicht der Dinge deutlicher darstellen? Das werden die nächsten Wochen zeigen.

Der Diakon hat in seinem Schreiben diese Sätze gewählt: »Die Menschen suchen und brauchen Gott, auch heute noch. Die Menschen suchen und brauchen die Gemeinschaft, auch heute noch. Doch die Menschen suchen und brauchen dazu heute nicht mehr die Organisation Kirche!« Gut möglich, dass viele Menschen diese Sichtweise teilen.

Der katholischen Kirche muss daran gelegen sein, auf die Menschen zuzugehen. Die Probleme weit über den Konflikt im Kahlgrund hinaus sind doch allseits bekannt: Missbrauch, Macht, Mitgliederschwund. Dazu die Forderung nach Frauen in Weiheämtern, Sexualität, um nur einige zu nennen. Erst jetzt haben die Bischöfe diese Themen im Vatikan angesprochen und ihren Synodalen Weg bekräftigt. Rom verweigert sich Reformen. Folge: Die Frustration engagierter Katholiken steigt und steigt und steigt.

Zurück in den Kahlgrund, zum Diakon, zum Bischof. Um bei den konträren Herangehensweisen bei diesem Konflikt eine Lösung, vielleicht einen Kompromiss zu finden, braucht es wohl eine göttliche Eingebung.  Von Matthias Schwind

 

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