Der Kaiser spricht

Digitalisierung:Eine App erlaubt es, mit historischen Personen ins Gespräch zu kommen - Vorstellung im Archiv

Aschaffenburg
2 Min.

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Coding Da Vinci in Aschaffenburg
Zeitreise ins 15. Jahrhundert: Software-Entwickler Daniel Koller (links) und Torsten Hemke präsentieren ihr preisgekröntes interaktives Digitalprojekt »Kaiser Friedrich der Dritte spricht« im Stadt- und Stiftsarchiv.
Foto: Björn Friedrich
Es wä­re si­cher span­nend, im Kirchn­er­haus mit dem jun­gen Ernst Lud­wig Kirch­ner zu plau­dern, in der Hof­bi­b­lio­thek mit dem Ro­man­ti­ker Cle­mens Bren­ta­no über Dicht­kunst zu phi­lo­so­phie­ren oder im Chris­ti­an-Schad-Mu­se­um mit dem Meis­ter der Neu­en Sach­lich­keit ins Ge­spräch zu kom­men.

Einen ersten Schritt auf dem Weg zu derartigen Visionen haben die Preisträger des »Kulturhackathons Coding da Vinci Rhein Main« im Stadt- und Stiftsarchiv vorgestellt. Mit ihrer interaktiven App »Friedrich der Dritte spricht« haben Software-Entwickler Daniel Koller, der mit der Visualisierung betraute Torsten Hemke, Historiker Yannick Pultar von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur sowie Ideengeber Robert Lokaiczyk bei dem Wettbewerb Platz eins in der Kategorie »Most useful App« belegt.

Keine »Erzschlafmütze«

Wie der Titel der App andeutet, haben sich die aus Frankfurt, Heidelberg und Mainz kommenden Entwickler indes keinem für Aschaffenburg relevanten Künstler oder Dichter gewidmet, sondern dem Habsburger Friedrich III. Der war von 1440 zunächst römisch-deutscher König und von 1452 bis 1493 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Unter Historikern galt er lange als »Erzschlafmütze des Reichs«. Ein Missverständnis wie Historiker Yannick Pultar bei der Präsentation des Projekts erläuterte: Kaiser Friedrich glänzte zwar nicht mit Tatendrang, aber er hat der Nachwelt die stolze Zahl von bis zu 50 000 Urkunden hinterlassen und sein Reich in bewegter Zeit immerhin halbwegs auf Kurs gehalten.

Im Lesesaal des Stadt- und Stiftsarchivs vermittelten drei der App-Entwickler - nur Robert Lokaiczyk war verhindert - eine Vorstellung davon, was ihr Programm leisten kann und welches Potenzial in ihm steckt: Bei einem von Torsten Hemke angesteuerten virtuellen Besuch im Kaisersaal des Frankfurter Römers steht das Porträt Kaiser Friedrichs Fragestellern Rede und Antwort.

Vermittelt über den Sprachassistenten Alexa antwortet Kaiser Friedrich auf die einfachen Fragen von Software-Entwickler Daniel Koller nach Geburts- und Sterbetag, verwandtschaftlichen Beziehungen und Reisen.

Datengrundlage der App sind die historischen Urkunden und Briefe, die Mitarbeiter der Mainzer Akademie in den vergangenen Jahren ausgewertet und systematisch aufbereitet haben, betont Pultar. Die 30 000 Regesten lieferten einen umfangreichen Einblick in Leben und Reisen Kaiser Friedrichs III.

Für die Friedrich-App mussten die Inhalte freilich aufbereitet werden, damit sie in die Frage- und Antwort-Form passen. Für die Umsetzung wurden über ein Computerprogramm Fragen und Antworten aus den digitalisierten Textdokumenten extrahiert. Bei der Strukturierung der immensen Datenmenge halfen Sprachverarbeitungs-Algorithmen, automatische Satzumformungen sowie linguistische Computerprogramme. Damit Sprachassistentin Alexa auf vorgefertigte Fragemuster reagiert, musste Software-Entwickler Daniel Koller ein so genanntes Skill entwickeln und auf den Sprachassistenten übertragen. Man habe sich bewusst für eine bekannte Sprachassistenz entschieden, da mehr Menschen damit vertraut sind und so die Hemmschwelle sinke, die App zu nutzen, begründet Koller seine Methode.

Die Entwickler sind überzeugt, dass sich über die App berühmte historische Figuren der Zeitgeschichte einem Publikum näherbringen lassen. Museales und archivisches Wissen lasse sich so für alle Generationen niederschwellig aufbereiten.

Dem aus Weimar stammenden und in Frankfurt lebenden Torsten Hemke schwebt eine virtuelle Wiederauferstehung Johann Wolfgang von Goethes vor. Seine Vision:  ein Plausch mit dem deutschen Dichterfürsten auf Basis seines gesamten Werks.

Analog im Schlappeseppel

Der Preis für den Hackathon-Gewinn war ein mehrtägiger Aufenthalt für das Entwicklerteam in Aschaffenburg. Den hat das Digitale Gründerzentrum Alte Schlosserei in Kooperation mit dem Stadt- und Stiftsarchiv finanziert. Zum Aufenthalt gehörte auch - ganz analog - ein Schoppen im Schlappeseppel, wie Gründerzentrums-Leiterin Marianne Hock verriet.

Hintergrund: Hackathon und Coding Da Vinci

Der Begriff Hackathon setzt sich aus den Worten »Hack« und »Marathon« zusammen. Ziel bei diesen Soft- und Hardwareentwicklungsveranstaltungen ist es, innerhalb der Dauer dieser Veranstaltung gemeinsam nützliche, kreative oder unterhaltsame Softwareprodukte herzustellen oder Lösungen für Probleme zu finden.

Coding da Vinci ist laut eigenen Angaben der erste deutsche Hackathon für offene Kulturdaten. Seit 2014 vernetze Coding da Vinci technikaffine und kulturbegeisterte Communities mit deutschen Kulturinstitutionen, um das kreative Potenzial des digitalen Kulturerbes weiter zu entfalten, heißt es weiter. Während ein klassischer Hackathon den Teilnehmern nur wenig Zeit gibt, Softwareanwendungen zu entwickeln - in der Regel ein Wochenende - erstreckt sich Coding da Vinci über eine Zeitspanne von sechs bis zehn Wochen. ()

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