»Den Kindern ein Stück Welt öffnen«

Doris Wilhelm-Hock: Psychologin der Lebenshilfe spricht über 37 Jahre Arbeit mit Menschen mit Behinderung

Aschaffenburg
2 Min.

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Auf zu neuen Ufern: Doris Wilhelm-Hock verabschiedet sich nach 37 Jahren als Psychologin bei der Lebenshilfe in den Ruhestand.
Foto: Cornelia Müller
Sie war 1982 die ers­te Psy­cho­lo­gin, die bei der Le­bens­hil­fe Aschaf­fen­burg Kin­der und Ju­gend­li­che mit geis­ti­ger Be­hin­de­rung und de­ren El­tern be­t­reut hat: Nach 37 Jah­ren geht Do­ris Wil­helm-Hock nun als di­en­st­äl­tes­te Le­bens­hil­fe-Mit­ar­bei­te­rin in den Ru­he­stand. Wie sich die The­ra­pie- und In­k­lu­si­on­s­chan­cen für Men­schen mit Be­hin­de­rung seit­dem ve­r­än­dert ha­ben, er­zählt die 62-Jäh­ri­ge im In­ter­view.

Frau Wilhelm-Hock, Sie sind mit 26 Jahren direkt nach dem Examen zur Lebenshilfe gekommen: Wie weit war damals die psychologische Betreuung der Kinder und Jugendlichen?

Da gab es wenig Unterstützung, keinen Fachdienst, keine offenen Hilfen, keine anderen Unterstützungssysteme. Die Kinder waren morgens in der Schule, mittags in der Tagesstätte, danach zuhause. Integration, geschweige denn Inklusion gab es nicht. Die Eltern waren überwiegend sich selbst überlassen, es gab wenig Austausch. Ich weiß noch, dass der damalige Schulleiter an der Kardinal-von-Galen-Schule in Hösbach sehr skeptisch war: Was will denn eine Psychologin bei uns?

Und was wollten Sie?

Die Kinder und Jugendlichen bestmöglich fördern und betreuen, sie und auch die Eltern aus ihrer Isolation lösen, ein helfendes Netzwerk aufbauen. Bis Anfang der 90er-Jahre gab es keine differenzierte Diagnostik. Kinderarzt und Gesundheitsamt haben die Behinderung festgestellt, weitere therapeutische Unterstützung gab es nicht, auch kein Sozialpsychiatrisches Zentrum (SPZ), keine kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung in Aschaffenburg, wie wir sie heute kennen.

Wie konnten Sie da neue Strukturen schaffen?

Gemeinsam mit der damaligen Tagesstättenleiterin Gertraud Bergmann sowie der Sozialpädagogin Kornelia Hock-Tulaj haben wir nach und nach einiges auf den Weg gebracht: den pädagogisch-psychologischen Fachdienst aufgebaut, Familienwochenenden durchgeführt, 1983 das erste integrative Spielfest veranstaltet, das es heute noch gibt, das Modellprojekt Freizeitintegration entwickelt. Daraus ist der heutige Bereich Freizeit, Begegnung, Bildung entstanden. Kurz gesagt: Wir wollten den Kindern und Jugendlichen ein Stück Welt öffnen. Denn vor 40 Jahren waren Familien mit behinderten Kindern noch sehr viel stärker isoliert und stigmatisiert als heute.

Wie hat Ihr Berufsalltag ausgesehen?

Ich habe eng mit den Erziehern und Lehrern zusammengearbeitet, die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder beobachtet, Impulse gegeben, welche Strukturen die Kinder benötigen, und Handlungsansätze mit den Erziehern erarbeitet. Beispielsweise bei großer motorischer Unruhe, bei aggressivem Verhalten, bei Autismus. Auch ADHS gab es ja damals schon. Natürlich habe ich auch Gespräche mit den Eltern geführt.

Was hat sich seit Ihrem Einstieg grundlegend verändert?

Früher waren wir auf uns selbst gestellt, heute arbeiten wir stark vernetzt mit Fachleuten aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, haben so völlig andere Möglichkeiten, die Kinder zu therapieren und die Familien ganzheitlich zu beraten. Ich freue mich darüber, dass einige Veranstaltungen wie das Spielfest und die Familienwochenenden bis heute erfolgreich durchgeführt werden.

Welche Herausforderungen warten ab September auf Ihre Nachfolgerin?

Durch die stark gestiegene Schülerzahl ist eine gewisse räumliche Enge entstanden. Wir bräuchten mehr Ausweich- und Therapieräume, es fehlen Rückzugsmöglichkeiten für Kinder, die viel Ruhe brauchen. Das erschwert die Arbeit.

Zur Person: Doris Wilhelm-Hock

Die gebürtige Aschaffenburgerin, die heute in Hösbach lebt, studierte in Gießen und Frankfurt Psychologie. Nach dem Diplom 1982 übernahm Doris Wilhelm-Hock die erstmals ausgeschriebene Stelle als Psychologin im pädagogisch-psychologischen Fachdienst der Lebenshilfe Aschaffenburg, zunächst an der Tagesstätte der ehemaligen Hösbacher Kardinal-von-Galen-, dann an der Aschaffenburger Comenius-Schule.

Nach 37 Jahren geht die 62-Jährige Mutter zweier Töchter nun in den Ruhestand. Sie wird am heutigen Donnerstag in einer Feierstunde offiziell verabschiedet. Ihre Nachfolgerin startet im September. Das Team des Fachdiensts unter Leitung von Bernhard Germer besteht aktuell aus zwei Psychologinnen, zwei Sozialpädagoginnen, einer Sozialarbeiterin und einer beratenden Kinderärztin. Hinzu kommt der therapeutische Fachdienst.

Informationen im Internet: www.lebenshilfe-aschaffenburg.de/ts/fachdienst. comü

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