Aschaffenburger Streifzüge: Auf Poller statt Einsicht setzen

Glosse von Caroline Wadenka

Aschaffenburg
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Nicht immer konfliktfrei: das Radfahren in der Aschaffenburger Miteinanderzone. Archivfoto: Harald Schreiber
Foto: Harald Schreiber
Keine Frage: Aschaffenburg hat viel zu bieten. Das weiß niemand besser als die Aschaffenburger. Freunden und Bekannten im Rest der Republik schwärmen die Einwohner des bayerischen Nizzas deshalb auch gerne von ihrem Zuhause vor. Die große Zahl der Titel, die Aschaffenburg auf sich vereint, hilft dabei. Kulturstadt, Hochschulstadt, Sportstadt: Aschaffenburg trägt so manchen Titel, den die Stadt dem Schloss, dem Park Schönbusch, Ernst Ludwig Kirchner, Viktoria Aschaffenburg und natürlich der Technischen Hochschule zu verdanken hat.

Weiteres Aushängeschild ist die hohe Dichte an Biergärten, Wirtschaften und Kneipen. An alle, die Aschaffenburg noch nicht kennen: Zwischen Hochgeistigem und Hochprozentigem ist hier alles geboten!

Doch bevor Sie jetzt ins Schlappeseppel oder den Hofgarten losziehen, um auf Aschaffenburgs Vorzüge anzustoßen, kommt nun ein Dämpfer. Denn in einer Kategorie würde die Stadt vermutlich auf dem letzten Platz landen, wenn es sie gäbe: In Sachen Fußgängerzonen hat Aschaffenburg Nachholbedarf. Seit 2. September ist der Teil der Frohsinnstraße zwischen Ludwig- und Erthalstraße Fußgängerzone. In den sozialen Netzwerken entzweit das die Aschaffenburger: »Mehr davon«, fordern die einen, die sich die komplette Frohsinnstraße als Fußgängerzone wünschen. »Weltuntergang«, rufen die anderen, die schon das 60-Meter-Stück für zu viel erachten.

Den Letzteren sei zur Beruhigung gesagt: Der Weltuntergang ist verschoben. Denn ein Blick in die Neu-Fußgängerzone an einem Samstagmorgen zeigt: Es wird weiter munter gefahren. Lediglich Schilder weisen auf den Status als Fußgängerzone hin, aber wer sieht die schon im Getümmel, wenn er seit Jahr und Tag hier fährt? Und wenn ein Lieferfahrzeug vor einem hier einbiegt, dürfte sich mancher denken: »Der Fahrer vor mir fährt da ja auch, also wird das schon gehen.« Eine Barriere wie einen versenkbaren Poller, der Berechtigte durchlässt, Durchgangsverkehr aber aussperrt, sucht man hier vergebens.

Es ist ein halbherziger Versuch der Stadtverwaltung, Fußgängern Freiräume zu schaffen. Aber immerhin ist das Rathaus dabei konsequent: Denn auch an anderen Stellen in der Stadt setzen die Entscheider vergeblich auf die Einsicht der Verkehrsteilnehmer.

Beispiel gefällig? Da hätten wir etwa die Luitpoldstraße, die seit Kurzem »Umweltstraße« ist: Eigentlich dürfen hier nur Busse, Taxis, Räder und Anlieger fahren. Aber in Wirklichkeit fahren immer noch Autos durch die Straße, die hier kein Ziel haben – und damit das Durchfahrtsverbot missachten. Bei den Schildern blickt keiner durch, auch die Banner helfen nicht.

Zankapfel "Miteinanderzone"

Ein weiterer Zankapfel ist die Miteinanderzone in der Herstallstraße: Seit 2012 ist das Radeln in dieser Fußgängerzone im Schritttempo erlaubt. Doch immer wieder klagen bummelnde Passanten über rasende Radfahrer. 2019 sammelte ein Bündnis 900 Unterschriften für die Verbannung der Radler aus der Herstallstraße. Die Aschaffenburger Politiker hielten an der Miteinanderzone fest, drohten rasenden Radlern Verwarnungen an und kündigten – einmal mehr – eine verbesserte Beschilderung an.

Noch eine nicht-funktionierende Fußgängerzone gibt es im Stadtteil Nilkheim: den Geschwister-Scholl-Platz. Das Pflaster ist schon ganz locker von den Autos, die in schöner Regelmäßigkeit auf den Platz fahren. Am Weiße-Rose-Brunnen wird geparkt und erstmal die Musikanlage aufgedreht. Während der Fahrer zum Geldautomaten geht oder sich ein Eis holt, haben alle auf der Eiscafé-Terrasse, in der Kinderarztpraxis und in den umliegenden Wohnungen etwas von den wummernden Bässen. Die spielenden Kinder verschanzen sich auf der anderen Platzhälfte hinter den Bänken, wo kein Auto hinfährt.

Liebes Rathaus, liebe Stadträte, das Votum dieser kleinen Aschaffenburger sollte euch zu denken geben. Dort, wo Kinder kicken können, ohne dass die Eltern tausend Tode sterben, haben Fußgänger wirkliche Freiräume und Aufenthaltsqualität. Ohne Absperrungen geht es nicht, auch Großostheim hat erst auf diese Weise seinen Marktplatz autofrei bekommen. Und vom kleineren Nachbarn im Bachgau werden wir uns doch in Sachen Aufenthaltsqualität nicht abhängen lassen?

Caroline Wadenka

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